Karat Presse 2004

Neues Deutschland 15.12.2004

   

Hans Dieter Schütt

Eine Illusion muss dich zum richtigen Moment treffen, dann wirst du sie ein Leben lang nicht los. Oder Bücher! Nicht zum richtigen Zeitpunkt gelesen, bleiben sie ohne jede Chance. Auch wenn du sie später doch lesen solltest. Bemühung nützt nichts. Erlebnis tendiert zur Mühelosigkeit. Zur Leichtigkeit, so, wie man sie dem eigenen Herzschlag wünscht - nur jeder Herzschlag ist ein Ritterschlag. Das ist auch der Grund, warum wir stets die gleichen Rocksongs hören. Und immer sind es frühe Lieder. Danach kommt meist nichts mehr, auch wenn wir pausenlos Neues hören und uns selber Weiterentwicklung einreden. Wer wollte sich noch weiterentwickeln, wenn er, jung genug, einzig seine Band, einzig seine Hits gefunden hatte. Man soll das nicht unterschätzen, wenn einer hörend sagt, dies, was er höre, sei genau seine Welt.

Sie bleibt es nämlich. Und sei es, irgendwann, als dringliche Erinnerung - beim Weiterschreiten im Kreis, der kaum größer wird. Leben. Sieben Mal wirst du die Asche sein. Neben der Welt, die es noch gibt, gab es die DDR. Gab? Vielleicht lebt sie jetzt erst richtig, denn jetzt kann jeder frei auswählen, was sie ihm sein soll. Und das meint das Gegenteil der Ostalgie-Shows - die Herbert Dreilich nicht mochte. Herbert Dreilich ist tot. »Karat« ist tot, wie »Silly« starb, als Tamara Danz alles hier verließ. Ist das ein Schicksal?! Ein Österreicher, der in Großbritannien aufwächst, bei der Mutter in Halle landet, und dahinein zuckt der Weltgeschichtsblitz: Mauerbau.

So kommt einer zu einer Erfahrung, und davon kann er dann ein Lied singen. Über sieben Brücken musst du gehen. Maffay hat das grandios gesungen. Aber damit ein Lied einem Sänger gehört, dafür reicht nicht, dass er es nur singt. Maffay sang und singt original »Karat«, aber wenn ich ihn höre, höre ich einen, der, auch wenn er im muscle-shirt seine Muskeln zeigt, nicht über sieben Brücken gehen muss, sondern überall ohne Kraftanstrengung über tausend Brücken gehen kann. Dieser Eindruck wird so bleiben.

 Auch wenn damit ein Rocksong etwas übertrieben, schon gar im rückwärtigen Dienst, in eine politische Wertung gedrängt wird. Aber was wäre Kunst ohne den Vollendungs-Auftrag derer, die da hören, sehen, lesen. Was die da oben auf der Bühne spielen, wird von uns unten erst erhöht. Ein wirklich gutes Lied geht nicht um die Welt, es endet in uns, nur in uns. Alle hören's, aber nur ich bin gemeint. Diese Wahrheit brachte es auf acht Millionen verkaufte »Karat«-Alben. Und wenn ich also mit etwas Gesungenem gemeint bin, dann weiß ich auch nicht mehr, was daran Kitsch sein soll. König der Welt. Ein weicher balladesker Schwung. Schwanenkönig. Ein Flügelschlag, der dem Wasser, der Erde näher bleibt, als er dem Himmel kommen kann. Eine Hochstimmung ganz aus Relativität heraus. Ein pathetisches Maß, aber im Milden, weniger im Wilden. Und darum fiel's manchmal, das Wort vom Kitsch. Für etwas, das doch nichts weiter als die konsequenteste aller Gegenwelten ist. Schönste Schlager sind Totalopposition, schönste Rockballaden auch.

Die von »Karat« - 1975 gegründet - hatten einen Ton, der reiner Wunsch nach Schönheit war, dies aber in Verbindung mit Kraft. Mich zwingt keiner auf die Knie. Herbert Dreilich - Musikschüler in Berlin-Friedrichshain, Musiker bei Reinhard Lakomy, dem Henri-Kotowski-Quintett, bei den Alexanders und Panta Rhei - starb in der Nacht zum vergangenen Sonntag (ND, 14.12.). Er hatte Krebs. In den letzten Konzerten machte er den Eindruck wie immer: versunken, ein fast heiliger Ernst; Rock, der auch Andacht sein möge. Es gibt Menschen, die öffnen eine Hand, und heraus fällt immer eine Büroklammer; wenn Dreilich seine Hand um ein Mikrofon schloss, da schien es, als startete irgendwo ein Albatros. Natürlich, eine Illusion nur. Aber wenn »Karat« sang, traf die ja im richtigen Moment. Irgendwann tauchen Rocksänger im Fernsehen auf, oder wir schauen auf die jüngsten CD-Cover, und wir hören und sagen: Oh, alt geworden. Wir hören uns das sagen, ja, aber wir lügen da einfach nur mit, was alle lügen.

Denn natürlich stimmt das nicht; das wäre ja genau so, als behaupte jemand, wir selber seien alt geworden. Die Welt lügt, sie redet uns auch fortwährend ein, Leben sein immer dort, wo wir gerade nicht sind. Aber wir haben den Gegenbeweis. Den Beweis gegen das Alter und gegen die Lebensleere. Es ist nichts, was man ausspricht. Nein, wir legen einfach die alten Hits auf. Erfahren das ewig Alte. Dass wir Asche sind. Aber einmal auch der helle Schein.