Die Rocker waren im Osten bereits zu DDR-Zeiten Kult und feierten
durch den von Peter Maffay gecovertern Song "Über Sieben Brücken" auch
im Westen Erfolge. Dieses Jahr begeht die Band ihr 30-jähriges
Bühnenjubiläum mit einem Neuanfang. Als Frontsänger Herbert Dreilich
vergangenen Dezember an Krebs starb, war die Zukunft von Karat
ungewiss. Doch nun tritt Sohn Claudius in seine Fußstapfen und will
frischen Wind in die Band bringen.
ZDFonline: Morgen habt ihr bei Carmen Neben euren ersten
gemeinsamen Auftritt mit Claudius Dreilich als Frontsänger. Mit
welchen Gefühlen geht Ihr auf die Bühne?
Christian Liebig: Durch und durch optimistisch.
Martin Becker: Ein bisschen aufgeregt. Aber wir freuen uns
unglaublich, dass es endlich wieder los geht. Wir haben in den letzten
Monaten sehr viel geprobt und sind heilfroh, dass die Probephase nun
vorbei ist.
Claudius Dreilich: Ich bin schrecklich nervös. Es wäre jedoch viel
schlimmer, wenn ich ganz alleine wäre und es nur um mich ginge. Aber
so fühle ich mich wie in einem Nest. Die anderen Bandmitglieder kenne
ich schon seit klein auf, und sie geben mir mit ihrer Art die
Sicherheit: Das wird schon.
ZDFonline: Ihr habt auch gleich einen neuen Song mit dem Titel
"Melancholie "mitgebracht. Was wollt ihr mit diesem Lied ausdrücken?
Dreilich: Einige werden denken, dieses Lied sei auf den Tod meines
Vaters zugeschnitten. Aber das stimmt nur bedingt. Ich denke, es passt
auf alle Menschen. Denn der Song handelt von Verlust, und jeder hat
wohl schon irgendwann jemanden verloren, den er sehr geliebt hat.
Jeder musste schon Abschied nehmen, ohne es zu wollen. In
"Melancholie" singe ich auch über meinen Großvater und meine Mutter,
die ein Jahr zuvor gestorben ist. Es gibt eine ganze Menge Menschen,
die ich in meinem jungen Leben schon verloren habe. Das Lied wurde von
Neumi geschrieben, dem ehemaligen Sänger von Karat (Anm. d. Red.
Hans-Joachim Neumann), und es gibt viele Tipps, wie wir mit
Verlust umgehen können, indem wir Liebe und Zuneigung schätzen lernen.
Freunde können einen in solchen Situationen wunderbar auffangen.
ZDFonline: Wie kam es denn überhaupt zu der Entscheidung, dass
Claudius neuer Frontsänger von Karat wird ?
Michael Schwandt: Anfangs war davon noch keine Rede, denn die
Krankheit von Herbert hat sich ganz schön lange hingezogen. Es war ja
nicht von vorhinein klar, dass er sterben würde. Immer wieder gab es
die Hoffnung, dass er wieder genesen würde und wir weiter gemeinsam
Musik machen. Diese Hoffnung hat sich dann Ende letzten Jahres mehr
oder weniger zerschlagen. Wir haben dann mit Herbert die Möglichkeit
besprochen, Claudius als Frontsänger einzusetzen. Wenn wir schon einen
neuen Sänger nehmen und mit Karat weitermachen - diese Absicht hatten
wir - dann sollte es sein Sohn sein. Denn so hätte es keine Probleme
gegeben, wenn Herbert irgendwann bei Konzerten als Stargast wieder
mitgesungen und später wieder alles übernommen hätte. Außerdem kennen
wir Claudius seit er fünf Jahre alt ist. Er hat uns regelmäßig auf
Tourneen begleitet und weiß hundertprozentig, was auf ihn zu kommt.
ZDFonline: Claudius, mit der Band wird Dein bisheriges Leben ganz
schön auf den Kopf gestellt. Hast Du auch etwas Angst vor dem, was auf
Dich zukommt ?
Dreilich: Angst eigentlich nicht. Aber ich habe enormen Respekt vor
dem, was auf mich zukommt. In den letzten Wochen habe ich bereits
mitgekriegt, dass die Erwartungen an mich sehr groß sind. Ich weiß
nicht, ob ich alle erfüllen werde. Aber ich weiß auch, dass wir alles
dafür getan haben. Wenn das Ergebnis dann dem ein oder anderen doch
nicht so gut gefällt, dann tut mir das leid, und ich finde es sehr
schade. Mein Selbstbewusstsein ist allerdings mittlerweile so gut,
dass ich glaube, es werden nicht viele sein.
ZDFonline: Seht ihr die Zusammenarbeit mit Claudius als Neuanfang
oder setzt Ihr auf Kontinuität?
Schwandt: Beides. Natürlich versuchen wir weiterhin, die Musik so gut
wie möglich und wir in der Lage sind zu spielen. Aber es ist auch ein
Neubeginn. Teilweise kreieren wir alte Lieder neu und haben jetzt auch
die Chance, mit Claudius ganz andere, viel modernere Songs zu machen.
ZDFonline: Welche Einflüsse möchtest Du denn in die Band
einbringen, Claudius?
Dreilich: Ich bin kein ausgebildeter Sänger oder studierter Musiker.
Ich war sieben Jahre auf dem Konservatorium und habe zu DDR-Zeiten
auch die Notenlehre hinter mich gebracht, irgendwann mal Geige und
Klavier gespielt. Das alles kann ich aber nicht wirklich gut. Aber ich
bin 20 bis 25 Jahre jünger. Was ich mitbringe, ist mein Gefühl und
meine Power. Mit mir auf der Bühne gibt es sicherlich auch ein
bisschen mehr Bewegung als in den letzten Jahren mit meinem Vater.
Denn er war durch seinen Schlaganfall beeinträchtigt und konnte nicht
mehr so, wie er wollte. Diese Hürde habe ich nicht, ich kann Gas
geben, und die Jungs lassen mich auch. Wir wollen die Menschen
mitreißen.
ZDFonline: Ihr arbeitet zur Zeit an einer neuen CD, inwieweit macht
sich dieser frische Wind dort bemerkbar ?
Dreilich: Es geht uns nicht erster Linie um eine neue CD. Wir hatten
gerade den glücklichem Umstand, dass Neumi uns "Melancholie" angeboten
hat und es uns sofort gut gefallen hat. Dann gibt es noch einige
Lieder, die ich selber geschrieben habe oder die bei Martin in der
Schublade schlummern. Wir wollen die Sachen jetzt erst mal live
präsentieren und sehen, wie sie ankommen.
Becker: Seit einem halben Jahr bereiten wir uns auf unseren Auftritt
vor. Erst haben wir uns dauernd getroffen und überlegt, wie es mit
Karat weitergeht. Dann haben wir jeden Tag kontinuierlich mit Claudius
geprobt. Das wird so schnell kein Ende haben. Aber nach der großen
Tour im Sommer haben wir wieder mehr Zeit und werden an einer neuen CD
arbeiten.
ZDFonline: Am Montag erscheint eure neue DVD mit einem Mitschnitt
von eurem Jubiläumskonzert im Jahr 2000 in der Wuhlheide, bei dem auch
Claudius mit von der Partie war. Was für Emotionen weckt dieses Video
bei euch ?
Bernd Römer: Das war für uns überhaupt der ausschlaggebende Moment.
Wir waren alle total überrascht, wie Claudius damals die
"Abendstimmung" gesungen hat. Herbert hatte immer eine besondere
Stimme und war ein ganz großer deutscher Sänger. Aber dass sein Sohn
ihm so ähnlich klingt und auch mit seinem Gefühl so nah dran kam, da
waren wir alle ganz schön baff - und die 17.000 Zuschauer bestimmt
auch. Das war der Beginn unseres heutigen Neuanfangs.
ZDFonline: Damals habt Ihr mit dem Konzert euer 25-jähriges
Jubiläum gefeiert, dieses Jahr steht das 30-Jährige an ...
Dreilich: Es war uns allen ganz klar, dass wir das nicht feiern
wollen. Da haben wir gar nicht drüber nachdenken müssen. Das erwartet
aber auch keiner von uns. Aber es ist ja trotzdem ein Fest, weil wir
wieder Musik machen. Die Band spielt wieder. Das ist eigentlich schon
Grund zum Feiern.
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