Karat Platten Rezension 1990

Journal  Art & Action  4/1990

Ulf Drechsler

 

Ich will gleich am Anfang sagen, was mir an der neuen KARAT-LP am besten gefällt: Sie ist nur 28 Minuten und 51 Sekunden (in Worten: achtundzwanzigeinundfünfzig) kurz, oder besser: lang, denn ich hatte ständig den Eindruck, daß die mir zur Verfügung stehende CD schon vom Hersteller auf Endlos-Wiederholung programmiert ist. Die Peinlichkeit wollte und wollte nicht enden. Und wohl jeder weiß, wie zermürbend es sein kann, wenn man (fast) vergeblich auf etwas wartet - und sei es nur auf das Ende einer Schallplatte . . .

Ed Swillms, das einstige musikalische KARAT-Herz, hat die Band verlassen (oder verlassen müssen). Geblieben ist ein künstlerisches Vakuum, das wohl von den restlichen fünf Herren nicht mehr wird ausgefüllt werden können. Herbert Dreilich (voc), Thomas Kurzhals (keyb, Sequenzer), Bernd Römer (git), Christian Liebig (bass) und Michael Schwandt (dr) sind restlos ausgebrannt. Innovation findet längst nicht mehr statt. Und auch auf der neuen LP begnügt sich die Band mit dem neuerlichen Versuch, den ohnehin schon lange nur noch lauwarmen Sound-Budenzauber von einst ein weiteres Mal auf kleinster Sparflamme vor 'm völligen Erkalten zu retten. Dabei hat die Band ebensoviel Aussicht auf Erfolg wie ein ertrinkender Nichtschwimmer, der bei Nebel und Windstärke 12 im Atlantik auf Rettung hofft . . . Wenn das Songmaterial der CD/LP ». . . IM NÄCHSTEN FRIEDEN« das einzige ist, was KARAT in den gut drei Jahren seit der Produktion der LP »Fünfte Jahreszeit« zu Wege gebracht hat, ist das für eine Band, die dereinst das Entwicklungsniveau der DDR-Rockmusik mitbestimmt und vorangetrieben hat, mehr als blamabel.

Und davon, daß es das einzige ist, darf man ja wohl getrost ausgehen ... Null-Acht-Fünfzehn-Kompositionen und -Arrangements bestimmen das Erscheinungsbild der Platte. Alles klingt so, als hätte man es sich in einer einzigen Nacht krampfhaft und nicht eben besonders inspiriert aus den Fingern gesogen. Kaum ein überzeugender melodischer Einfall, der Sequenzer gibt den Ton an, die Stimme von Herbert Dreilich wird immer weinerlicher. Und daß Thomas Kurzhals den guten alten Orgel-Sound für sich neu entdeckt hat, reißt auch niemanden vom Hocker. Schon gar nicht, wenn er diesen einzigen Einfall gleich auf mindestens drei der insgesamt neun Songs ausschlachtet und mich damit auch dieses Einfalls beizeiten überdrüssig macht. Und gerade beim Zählen angelangt, mache ich gleich weiter mit ein wenig Statistik: Zwei Kompositionen stammen von Thomas Kurzhals, drei von Herbert Dreilich, je eine von Dieter Faber und Burkhard Brozat, eine von beiden gemeinsam, und last not least doch noch eine (zehn Jahre alte) von Ed Swillms.

Die Textautorenrechte verteilen sich wie folgt: Viermal Brozat/Dreilich, zweimal Brozat und je einmal Dreilich, Richter und Kahlau. Letzterer steuerte den Titelsong bei. Ein sehr sensibler, mahnender Text, wohlgemerkt, aber Sänger Dreilich verwechselt Sensibilität mit Wehleidigkeit. Und auch die Komposition (Dreilich) ist zwar angemessen schlicht, wird aber vom pathetischen Streicherteppich und einem völlig unpassenden Finalchor zum Kitsch par excellence degradiert. Warum merkt soetwas bei der Produktion bloß niemand? Aber wahrscheinlich war das ja sogar alles genau so gedacht und bestens kalkuliert.

Denn schließlich ist ». . . IM NÄCHSTEN FRIEDEN« als eine Co-Produktion von »extra records & tapes«/BRD und VEB Deutsche Schallplatten, Ost-Berlin/DDR zunächst (und wohl auch vor allem) für den BRD-Markt zugeschnitten. Auf diesem betätigt sich KARAT ja schließlich auch live seit Jahren fast ausnahmslos. Aber dagegen wäre ja noch nicht mal etwas zu sagen, wenn die Band nicht außerdem noch (wie vor einigen Wochen im Programm von Jugendradio DT 64) den Anspruch formulieren würde, auch hierzulande das Publikum erreichen zu wollen. Selbstredend gemessen an und mit den Maßstäben von einst. Aber die Leute hier nehmen die Band nicht mehr an, heißt es. In der BRD sei man da viel aufgeschlossener. Na, das ist doch wunderbar, nur muß man sich auch fragen lassen, welches Publikum denn da so grenzenlos aufgeschlossen ist. Schließlich taucht KARAT in der BRD nun weiß Gott nicht in der Rockszene auf, wo man in der DDR immer angesiedelt war oder zumindest sein wollte.

Doch diese Zeiten sind lange vorbei. KARAT hat inzwischen die ökonomische Rentabilität sogenannter Bäder-Touren entdeckt. Warum auch nicht? Nur, wer da im Publikum sitzt, weiß man bei einem Blick in die bundesrepublikanische Fernsehunterhaltungslandschaft, wo der Äppelwein in Strömen fließt. Wohl bekomm's! Und ebenso klebrig und süßlich sind die KARAT-Botschaften. Man gibt sich mal wieder bedeutungsschwanger und springt dabei »ins Nichts mit einem Regenschirm«, um nur eine der überaus tiefgründigen Textzeilen aus den dürftigen Zusammenhängen zu reißen. Weitere Zitate möchte ich dem Leser ersparen, es lohnt nicht. Nicht der Mühe des Heraushörens der nicht selten konsequent vernuschelten Verse zum Zwecke des Aufschreibens. (Aber das habe ich mit schmerzlicher Ernüchterung natürlich erst so deutlich bemerkt, als ich mich genau dieser Mühe unterzogen hatte!) ... Übrigens. und auch das scheint mir symptomatisch zu sein für den Kreativitätsverlust von KARAT, gehören drei Minuten und sechsundzwanzig Sekunden der besagten achtundzwanzigeinundfünfzig dem betagten »Über sieben Brücken«-Song. Natürlich herausgeputzt durch ein neues Arrangement mit vielen ergreifend streichenden Streichern und mit Peter Maffay als singendem und marktstrategisch sicher nicht zu unterschätzenden Gast. Zwar ist auch Maffay bei dieser Version mehr als bei »seiner eigenen« ganz schön auf dem Tränendrüsendrücker-Trip, aber er singt Herbert Dreilich selbst im Schlaf und mit 40 Fieber noch immer locker an die Wand.

Und nun muß ich mich revidieren, denn ich will doch noch mal auf einen Text zurückkommen, dessen moralischer Anspruch mir neben dem des Titelsongs näher liegt als der aller anderen. »Hör nicht auf« fragt nach den Gründen dafür, daß man als Erwachsener die Neugier des Kindes verloren hat und sich fragenlos in den Lauf der Dinge einfügt. »Zugedeckt mit Alltagsidyll schweigen wir fein still. Hör nie auf zu fragen warum!« Dies aufgreifend, höre ich nicht auf zu fragen und frage deshalb, von welchem Alltagsidyll ist hier die Rede? In meinem Leben und in dem meiner Umgebung kann ich wahrlich keines finden. Und ich frage weiter, warum tut es KARAT eigentlich nicht, fein und still schweigen-angesichts des Alltagsidylls?

Natürlich liefert die Band die Antwort selbst, mit einer Frage: »Man sagt, ,Schweigen ist Gold'. Wer hat sich das bloß ausgedacht?« Bitteschön, da haben wir's. Nicht »Schweigen ist Gold«, sondern Singen. Selbst dann noch, wenn man es, das Gold, nicht gerade in der Kehle hat. . .

P.S. Ich denke, die nächste - wahrscheinlich etwa 1994/95 zu erwartende - KARAT-Mini-LP in einer Länge von ca. 12 Minuten und 93 Sekunden wird eine weitere Rezension nicht mehr erforderlich machen. . .