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Ich will gleich am Anfang
sagen, was mir an der neuen KARAT-LP am besten gefällt: Sie ist nur 28
Minuten und 51 Sekunden (in Worten: achtundzwanzigeinundfünfzig) kurz,
oder besser: lang, denn ich hatte ständig den Eindruck, daß die mir
zur Verfügung stehende CD schon vom Hersteller auf Endlos-Wiederholung
programmiert ist. Die Peinlichkeit wollte und wollte nicht enden. Und
wohl jeder weiß, wie zermürbend es sein kann, wenn man (fast)
vergeblich auf etwas wartet - und sei es nur auf das Ende einer
Schallplatte . . .
Ed Swillms, das einstige
musikalische KARAT-Herz, hat die Band verlassen (oder verlassen
müssen). Geblieben ist ein künstlerisches Vakuum, das wohl von den
restlichen fünf Herren nicht mehr wird ausgefüllt werden können.
Herbert Dreilich (voc), Thomas Kurzhals (keyb, Sequenzer), Bernd Römer
(git), Christian Liebig (bass) und Michael Schwandt (dr) sind restlos
ausgebrannt. Innovation findet längst nicht mehr statt. Und auch auf
der neuen LP begnügt sich die Band mit dem neuerlichen Versuch, den
ohnehin schon lange nur noch lauwarmen Sound-Budenzauber von einst ein
weiteres Mal auf kleinster Sparflamme vor 'm völligen Erkalten zu
retten. Dabei hat die Band ebensoviel Aussicht auf Erfolg wie ein
ertrinkender Nichtschwimmer, der bei Nebel und Windstärke 12 im
Atlantik auf Rettung hofft . . . Wenn das Songmaterial der CD/LP ». .
. IM NÄCHSTEN FRIEDEN« das einzige ist, was KARAT in den gut drei
Jahren seit der Produktion der LP »Fünfte Jahreszeit« zu Wege gebracht
hat, ist das für eine Band, die dereinst das Entwicklungsniveau der
DDR-Rockmusik mitbestimmt und vorangetrieben hat, mehr als blamabel.
Und davon, daß es das
einzige ist, darf man ja wohl getrost ausgehen ...
Null-Acht-Fünfzehn-Kompositionen und -Arrangements bestimmen das
Erscheinungsbild der Platte. Alles klingt so, als hätte man es sich in
einer einzigen Nacht krampfhaft und nicht eben besonders inspiriert
aus den Fingern gesogen. Kaum ein überzeugender melodischer Einfall,
der Sequenzer gibt den Ton an, die Stimme von Herbert Dreilich wird
immer weinerlicher. Und daß Thomas Kurzhals den guten alten
Orgel-Sound für sich neu entdeckt hat, reißt auch niemanden vom
Hocker. Schon gar nicht, wenn er diesen einzigen Einfall gleich auf
mindestens drei der insgesamt neun Songs ausschlachtet und mich damit
auch dieses Einfalls beizeiten überdrüssig macht. Und gerade beim
Zählen angelangt, mache ich gleich weiter mit ein wenig Statistik:
Zwei Kompositionen stammen von Thomas Kurzhals, drei von Herbert
Dreilich, je eine von Dieter Faber und Burkhard Brozat, eine von
beiden gemeinsam, und last not least doch noch eine (zehn Jahre alte)
von Ed Swillms.
Die Textautorenrechte verteilen sich wie folgt:
Viermal Brozat/Dreilich, zweimal Brozat und je einmal Dreilich,
Richter und Kahlau. Letzterer steuerte den Titelsong bei. Ein sehr
sensibler, mahnender Text, wohlgemerkt, aber Sänger Dreilich
verwechselt Sensibilität mit Wehleidigkeit. Und auch die Komposition (Dreilich)
ist zwar angemessen schlicht, wird aber vom pathetischen
Streicherteppich und einem völlig unpassenden Finalchor zum Kitsch par
excellence degradiert. Warum merkt soetwas bei der Produktion bloß
niemand? Aber wahrscheinlich war das ja sogar alles genau so gedacht
und bestens kalkuliert.
Denn schließlich ist ». .
. IM NÄCHSTEN FRIEDEN« als eine Co-Produktion von »extra records &
tapes«/BRD und VEB Deutsche Schallplatten, Ost-Berlin/DDR zunächst
(und wohl auch vor allem) für den BRD-Markt zugeschnitten. Auf diesem
betätigt sich KARAT ja schließlich auch live seit Jahren fast
ausnahmslos. Aber dagegen wäre ja noch nicht mal etwas zu sagen, wenn
die Band nicht außerdem noch (wie vor einigen Wochen im Programm von
Jugendradio DT 64) den Anspruch formulieren würde, auch hierzulande
das Publikum erreichen zu wollen. Selbstredend gemessen an und mit den
Maßstäben von einst. Aber die Leute hier nehmen die Band nicht mehr
an, heißt es. In der BRD sei man da viel aufgeschlossener. Na, das ist
doch wunderbar, nur muß man sich auch fragen lassen, welches Publikum
denn da so grenzenlos aufgeschlossen ist. Schließlich taucht KARAT in
der BRD nun weiß Gott nicht in der Rockszene auf, wo man in der DDR
immer angesiedelt war oder zumindest sein wollte.
Doch diese Zeiten sind
lange vorbei. KARAT hat inzwischen die ökonomische Rentabilität
sogenannter Bäder-Touren entdeckt. Warum auch nicht? Nur, wer da im
Publikum sitzt, weiß man bei einem Blick in die bundesrepublikanische
Fernsehunterhaltungslandschaft, wo der Äppelwein in Strömen fließt.
Wohl bekomm's! Und ebenso klebrig und süßlich sind die
KARAT-Botschaften. Man gibt sich mal wieder bedeutungsschwanger und
springt dabei »ins Nichts mit einem Regenschirm«, um nur eine der
überaus tiefgründigen Textzeilen aus den dürftigen Zusammenhängen zu
reißen. Weitere Zitate möchte ich dem Leser ersparen, es lohnt nicht.
Nicht der Mühe des Heraushörens der nicht selten konsequent
vernuschelten Verse zum Zwecke des Aufschreibens. (Aber das habe ich
mit schmerzlicher Ernüchterung natürlich erst so deutlich bemerkt, als
ich mich genau dieser Mühe unterzogen hatte!) ... Übrigens. und auch
das scheint mir symptomatisch zu sein für den Kreativitätsverlust von
KARAT, gehören drei Minuten und sechsundzwanzig Sekunden der besagten
achtundzwanzigeinundfünfzig dem betagten »Über sieben Brücken«-Song.
Natürlich herausgeputzt durch ein neues Arrangement mit vielen
ergreifend streichenden Streichern und mit Peter Maffay als singendem
und marktstrategisch sicher nicht zu unterschätzenden Gast. Zwar ist
auch Maffay bei dieser Version mehr als bei »seiner eigenen« ganz
schön auf dem Tränendrüsendrücker-Trip, aber er singt Herbert Dreilich
selbst im Schlaf und mit 40 Fieber noch immer locker an die Wand.
Und nun muß ich mich
revidieren, denn ich will doch noch mal auf einen Text zurückkommen,
dessen moralischer Anspruch mir neben dem des Titelsongs näher liegt
als der aller anderen. »Hör nicht auf« fragt nach den Gründen dafür,
daß man als Erwachsener die Neugier des Kindes verloren hat und sich
fragenlos in den Lauf der Dinge einfügt. »Zugedeckt mit Alltagsidyll
schweigen wir fein still. Hör nie auf zu fragen warum!« Dies
aufgreifend, höre ich nicht auf zu fragen und frage deshalb, von
welchem Alltagsidyll ist hier die Rede? In meinem Leben und in dem
meiner Umgebung kann ich wahrlich keines finden. Und ich frage weiter,
warum tut es KARAT eigentlich nicht, fein und still
schweigen-angesichts des Alltagsidylls?
Natürlich liefert die
Band die Antwort selbst, mit einer Frage: »Man sagt, ,Schweigen ist
Gold'. Wer hat sich das bloß ausgedacht?« Bitteschön, da haben wir's.
Nicht »Schweigen ist Gold«, sondern Singen. Selbst dann noch, wenn man
es, das Gold, nicht gerade in der Kehle hat. . .
P.S. Ich denke, die
nächste - wahrscheinlich etwa 1994/95 zu erwartende - KARAT-Mini-LP in
einer Länge von ca. 12 Minuten und 93 Sekunden wird eine weitere
Rezension nicht mehr erforderlich machen. . . |