Karussell Platten Rezension

Rezension Neues Leben  7/1987

Wolfgang Martin

 

„Cafe Anonym“, so nennt sich das `87er Schallplattenopus der Leipziger Gruppe „Karussell“ – komplett im Rundfunk produziert und fast aus einem Guss. Einzige Ausnahme vielleicht der Titel „Ab und zu“.

In letzter Zeit hatte es ja bei der Band eine ganze Reihe personeller Veränderungen gegeben, die auch musikalisch – stilistische Konsequenzen nach sich zogen. Und obgleich Karussell  erfreulicherweise eigene Traditionslinien nicht verleugnet, muss sich der `87er Platten – Rezensent dennoch ganz offen den Veränderungen stellen, die eine solch langjährig erfolgreiche Gruppe – und das ganz sicher nicht ohne Risiko – mit jüngeren Musikern, neuem Konzept und Texter vornimmt.

Ich gebe zu, dies erst nach ungefähr dem dritten Anhören der neuen Karussell - LP für mich ganz begriffen zu haben. Und seitdem gefällt sie mir mehr und mehr. Musikalisch hat Karussell aufwendiger gearbeitet, als auf den letzten Platten; Besonderheiten in ihren Arrangements und Sounds bis ins Detail ausgefeilt. Künstlerische Arbeit bedeutet nicht automatisch, mit jedem neuen Werk auch neue Maßstäbe zu setzen oder an einstige Erfolge anzuknüpfen. Trotzdem denke ich, das Karussell es mit einigen Liedern schaffen könnte.

Zwei Beispiele sind Anfang und Ende der Platte; der erste Song das bisher härteste Karussell – Stück und der letzte Titel ihr vielleicht schönstes Lied überhaupt. Ein Liebeslied, allerdings eines, das den wehmutsvollen Abschied von einer Liebe zum Inhalt hat. Und spätestens hier muss geschrieben werden, das sich mit dieser LP der neue Karussell – Dichter Michael Sellin in der nicht allzu üppigen Riege unserer landesbesten Text – Autoren etabliert haben dürfte. Ich kenne Zeilen von ihm, die jene von Karussell umgesetzten in ihrer Substanz und poetischen Qualität noch übertreffen.

Aber immerhin macht Karussell nachdenkenswerte Angebote mit ganz unterschiedlichen Stimmungsbeschreibungen. Da sind zum Beispiel die „Riesengroßen Herzen“, eine musikalische Nummer Eins der Platte mit einem Text, der genaues Hinhören und Überdenken erfordert. Hat man sich dieser (vielleicht) Mühe unterzogen, bieten die Zeilen schon manch bedenkenswertes für das eigene Leben.

Und nicht jeden Tag ist eitel Sonnenschein, also auch mal das „Katzenjammer - .Ballett“ am Sonntagabend. Da schlürft dann auch noch ein Saxophon durch den Song, das es einem gleich ein ganzes Seufzer – Orchester entlockt.