Jürgen Kerth  Interview 2008

27.04.08  Berlin Café Garbáty  Interview Jürgen Kerth

Kerth

von Thomas / Co-Fragiator: Fred Ueberdiek

Interviews

 

Frage: Was gibt es Neues bei der Blues-Legende Jürgen Kerth? Steht eventuell gar ´ne neue Scheibe in Aussicht?

Jürgen Kerth: Na das Übliche halt - jeder Tag wird neu erlebt, jede Woche hat ihre eigene Atmosphäre, man weiß nie genau im Voraus, was sein wird, wie die Zukunft sich gestaltet, sei es nun im Hinblick auf die Weltlage, die allgemeine Finanzkrise, die mich aus rein politischen Gründen interessiert und nicht etwa, weil ich so darin involviert wäre, dass ich befürchten müsste, Geld zu verlieren; Krieg und Frieden, Arbeitslosigkeit...all das also, was auch in der Musik aufscheint. Es gibt ja den Slogan: ´´Sozial ist, wer Arbeit schafft.´´ Da halte ich nun dagegen: ´´Sozial ist, wer Löhne schafft!´´ - Ich bin nach wie vor ein politisch denkender Mensch.
Es gibt etliche neue Sachen, die ich aber immer nur so ´´unter der Hand´´ weggebe, wie z.B. dieses ´´Made for USA´´ welches auf dem Label von meinem Sohn erschien. Da wird dann aus "Helmut" "Harry" und auch die "Martha"
findet sich darauf in einer englischsprachigen Version, ebenso wie "Ich liebe die Eine". Das lief ´ne Zeit lang ziemlich gut, auch drüben in Amerika, aber so vor drei, vier Jahren, auf dem Höhepunkt des Irak-Krieges, wollte niemand mehr hier bei unseren Leuten noch englische Titel hören, so nach dem Motto ´´Ach hör´ mir doch auf mit Amerika!´´ Aber Amerika ist ja zum Glück nicht nur George W. Bush, sondern unsere kulturelle Verwandtschaft ersten Grades, davon kann man sich nicht auf Dauer entfernen. Darum wird es auch allerhöchste Zeit, dass diese Scheiss-Bush-Ära zu Ende geht...

Frage: Zu Ende gehen soll es ja auch mit dem Café Garbáty, in dem Du ja nicht zum ersten Mal auftrittst...

Jürgen Kerth: Stimmt. Hier im Garbáty ist das Publikum immer besonders interessiert und aufgeschlossen und ich empfinde diesen Ort auch als ein Stück neu gewonnener Freiheit, wie ich sie mir vorstelle, also ohne Zwänge und überzüchtete Egos a la Schicki & Micki. Hier kannst du deinen Gefühlen freien Lauf lassen und es macht einfach Spaß, hier zu spielen und es wäre eine große Tragik, ein Verlust, wenn dieser Platz kassiert würde auf Grund von Interessen, deren Fürsprecher gar nicht wissen, was sie damit anrichten. Ich möchte das mal ins Botanische wenden und das Café Garbáty mit dem Löwenzahn oder einer anderen Kräuterpflanze vergleichen. Kräuter sind immens wichtig, sind Nutzpflanzen zu des Menschen Wohlergehen, werden aber von vielen Leuten als störend empfunden, wenn sie das gepflegte, kurzgeschorene Stück Rasen ´´verschandeln´´ und also nicht in die ´´kultivierte´´ Landschaft passen. Da muss es wohl noch viel Hirn vom Himmel regnen...

Frage: In der Gerüchteküche sind ja die verschiedensten Rezepturen Deiner Begegnung mit B.B.King im Umlauf. Könntest Du da für uns noch einmal den Deckel heben?

Jürgen Kerth: Ja, da habe ich wohl ein bissel zu spät geschaltet und diese Gelegenheit verpasst. B.B.King sagte zu mir: ´´Can we play something together?´´. Da ich aber zum Zeitpunkt der Frage meine Gitarre nicht dabei hatte, suggerierte mir mein Gehör ´´Can we play sometimes together?´´ und ich konnte nur antworten: ´´Everytime we can play together!´´ und zog mich zurück. Beobachter des Geschehens erzählten mir danach, dass B.B.King mir verständnislos hinterher schaute. Für mich war es die Huldigung für eine meiner Ikonen mit der Option auf Kommendes, für ihn die Einladung zum gemeinsamen Musizieren an Ort und Stelle. Ich hätte wohl doch eine der vorhandenen Gitarren in die Hand nehmen sollen, aber nun ja...
Natürlich habe ich den Stil von B.B.King sehr verinnerlicht, aber nicht als pure Imitation, sondern als gemeinsames Schwingen, als Gleichklang einander ähnelnder Empfindungen. Bei "Kerths Shuffle" kann man sich davon auch einen akustischen Eindruck machen, besonders im letzten Chorus, und vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit, dass B.B.King diesen Clip in Augen- und Ohrenschein nehmen kann...
Auf bestimmte Art und Weise hatten wir ja damals in den sechziger, siebziger Jahren eine Stellvertreter-Funktion inne, egal, ob für Santana, Jimi Hendrix oder die Allman Brothers- die konnten nicht hier spielen, wir hatten nicht die geringste Chance, ihre Konzerte zu besuchen. Das waren unsere Helden, die wir verehrten und denen wir unsere Reverenz, unsere Verbundenheit, erwiesen, vergleichbar einem Literaten, der auch alles in sich aufsaugt, der alles wissen will und natürlich am liebsten in beständigem Kontakt mit denen wäre, die ihm den eigenen Weg erhellen...

Frage: Inzwischen bist Du ja selbst ein ´´Alter Meister´´ und arbeitest auch mit wesentlich jüngeren Kollegen zusammen, wie beispielsweise mit Clueso. Wie kam es dazu?

Jürgen Kerth: Clueso kommt ja auch aus Erfurt und ist einer derjenigen, die den ´´Wert´´ der Älteren erkannt haben, um das jetzt mal so zu formulieren. Er hat seinen völlig eigenen Gesangsstil, gepaart mit sehr guten Texten. Von mir haben ihm wohl vor allem "Nachts unterwegs", "Und sie ist glücklich dazu" und "He, junge Mutti" gefallen. Letzterer war wohl auch ein Favorit von Mitgliedern der späteren Freundeskreis schon zu jener Zeit in der die Grenze noch geschlossen war, das ist schon interessant.

Frage: Du arbeitest und spielst schon ´ne ganze Weile mit Deinem Sohn zusammen. Wie ist das für Dich, wenn der Vater mit dem Sohne...?

Jürgen Kehrt: Er ist in vielen Dingen weitaus begabter als ich, selbst beim Gitarre spielen, da hat seinen ganz eigenen, wunderbar vornehmen Ton gefunden. Er kann sehr gut singen, komponiert sehr schöne Lieder, wie beispielsweise den ´´Brother Song´´, den er für unseren verstorbenen Christoph geschrieben hat, oder ´´Camilla´´. Diesen Titel aber hat er in der letzten Zeit gar nicht mehr so richtig parat, denn seine Gefährtinnen aus der Nach-Camilla-Zeit haben ihm dieses Lied immer verübelt, so hat er sich dann gefügt und es nicht mehr gespielt.
Es ist schon frappierend, wozu Stefan kompositorisch in der Lage ist, aber so ´ne Knaller-Nummer wie ´´Camilla´´ sollte schon veröffentlicht werden.

Frage: Wir sind ja nicht nur internettes Radio mit netten, sondern auch interessierten Hörern. Wo können diese sich über Vater und Sohn eingehender informieren?

Jürgen Kerth: Stefan läuft unter Stefan Kerth und ich unter Jürgen Kerth, einfach die Namen eingeben und schon wird man fündig. Meine Heimatseiten, also Homepage und myspace-site, werden von meiner Frau Barbara mit großer Liebe und Sorgfalt betreut, über sie läuft auch die ganze Korrespondenz. Da haben wir auf der myspace-site mit einem der Profil-Songs, ´´musician musician music´´, einen ganz großen Glücksgriff getan. In Amerika haben sie zu mir immer gesagt, ich sei ein ´´Musician musician´´, also ein Musiker für Musiker. Die zu hörende Aufnahme stammt von unserem Auftritt beim Deadhead-Festival in Wolfsbehringen bei Gotha. Das war ohnehin schon so ´ne geile Sache, wir wussten aber nicht, dass der Techniker heimlich das komplette Konzert aufzeichnete. Diese Aufnahmen nun tauchten zwei Jahre später wieder auf, haben uns so gut gefallen, dass wir erwähnten Track also mit ins Profil nahmen und nun überlegen, ob wir dieses Konzert nicht als Doppel-LP veröffentlichen sollten. ´´ musician musician music´´ ist also quasi unsere musikalische Visitenkarte in der myspace-welt geworden, in der sich wohl auch fast alle musikalischen Größen treffen, ist es es doch DIE Kommunikationsplattform schlechthin und so freut es uns natürlich umso mehr, dass wir durch eben jenen Titel schon jede Menge positives Feedback aus aller Welt erfahren haben, ein durchaus real erlebbares Lagerfeuer in einer virtuellen Welt...

Frage: In den verschiedensten biographischen Anmerkungen stehen naturgemäß auch die unterschiedlichsten Anfangszeiten Deiner Karriere..

Jürgen Kerth: Begonnen habe ich 1964, hätte also in diesem Jahr mein 44. Bühnenjubiläum. Aber parallel zu den Butlers gab es erst einmal jede Menge Verbote. Einmal aufgetreten - einmal verboten könnte man sagen. Die ´´Rampenlichter´´, davor ´´Spotlights´´ - verboten, also umbenennen. Das Gleiche geschah mit den ´´Jokers´´, den ´´Unisonos´´... diese ´´weite Strasse´´ der Anfangszeit ist also gesäumt mit den Kreuzen ´´gestorbener´´ Bands.

Frage: Entgegen dem allgemeinen Trend der damaligen Zeit hast Du Dich ja beständig geweigert, das heimatliche Thüringen zu verlassen und den ´´Berliner Verlockungen´´ (Rundfunk, Amiga) zu erliegen. Blauäugig gefragt -  warum?

Jürgen Kerth: Nach meinem Empfinden, unserer damaligen Auffassung nach, waren wir zwar in Thüringen verwurzelt, aber näher am Westen dran. Wir waren medial gut eingebunden, konnten den Hessischen, Bayerischen und den Nordeutschen Rundfunk gut empfangen - es war sozusagen ein entspanntes Nehmen, wir konnten all das hören, was wir brauchten und woran wir wachsen, uns entwickeln konnten. Die Thüringer Mentalität unterschied sich grundlegend von der des restlichen Landes. Dazu kam unsere Überlegung, dass dem Ruf aus der ´´Hauptstadt des Friedens´´ zu folgen einer Anstellung am Hofe des Regenten gleichkäme und Sänger von Erichs Gunst & Gnaden zu sein lag nun völlig außerhalb meines Interesses. Karriere in der größten TäTäRäTä der Welt zu machen hieß nun einmal auch größere Nähe zur Macht und größere Abhängigkeit von deren Wohl und Wehe. Darum sagte ich auch meiner damaligen Produzentin - Luise Mirsch - dass ich mich völlig mit dem Staus eines mittelgroßen Dauerbrenners zufrieden gäbe - die verglühen nicht so leicht...

Frage: Luise Mirsch hatte ja auch einen beträchtlichen Anteil daran, dass von Dir überhaupt Platten erscheinen konnten...

Jürgen Kerth: Das stimmt. Ohne Menschen wie Luise Mirsch hätten wir vierzig Jahre in diesem Lande verbracht ohne überhaupt etwas veröffentlichen zu können und wären dann so gestorben, das ist ja auch ´ne grausame Vorstellung...Sie hat da schon einiges bewegt und auch uns weitergeholfen. So weigerte sich unser begnadeter Keyboarder Lodix - Lothar Wilke - auch nur jemals für einen einzigen Titel in deutscher Sprache seine Hammond zu spielen, da rannte er bei mir natürlich offene Türen ein. Doch dann erlebte ich eines schönen Tages meinen alten Kumpel Gotte Gottschalk mit seinen Nautiks und deren unglaublichen Erfolg. Meine ´´Unisonos´´ waren eine ganz heiße Band, doch die kannte und interessierte hier in Berlin keine Sau. ´´Wir kennen nur die Nautiks und sonst nix und niemanden´´ hieß es im Publikum, Das wurmt(e) natürlich, wenn du dich da unten abstrampelst und niemand hier oben Notiz von dir nimmt, weil du keine deutsche Titel im Repertoire hast - und die Nautiks hatten. Da dachte ich dann schon, das es Zeit zum Umdenken sei, Zeit für eigene Texte in der eigenen Sprache - was mir Lodix anfangs schwer verübelte.

Frage: Was Dir dann ja auch mitunter kongenial gelungen ist, wenn ich da an ´´Martha´´ oder ´´Helmut´´ denke. Zeit also für die nicht halb so geniale Frage nach der Inspiration. Einfach dem Volke beim Leben auf´s Maul geschaut und dann im ´´Stillen Kämmerlein´´ künstlerisch verdichtet?

Jürgen Kerth: Es entsteht einfach...Ich habe jetzt einen neuen Song gemacht, ´"Oma hilf", der sich mit der Enkel-Problematik beschäftigt. Da fügt sich eins zum anderen und am Ende hast du eine Komplexität, die dich selbst berührt - und die dich auch selbst zu Tränen rühren kann -  Facetten und Nuancen, die im Hörer etwas anklingen, aufscheinen lassen,  ähnlich wie z.B. bei ´´He, junge Mutti´´...Oder nimm die ´´Martha´´. Der menschlichen Psyche ist es ziemlich schnuppe, unter welchen äußeren ideologischen Prämissen sie existiert, sie ist wie sie ist, völlig unabhängig von Gott, Kaiser und/oder aktuellem Tribun und so ist natürlich auch der Aberglaube an keine Gesellschaftsformation gebunden...

Frage: Wie bist Du überhaupt zum Blues gekommen, oder kam der Blues zu Dir?

Jürgen Kerth: Früher, in den sechziger Jahren vor allem,  war es so, dass wir meistens am Wochenende, Samstag und Sonntag, in den Jugendklubs oder einschlägigen Lokalitäten gespielt haben und dann auch gleich hinter der Bühne übernachteten. Da kann ich mich noch sehr gut an die Matratzen im Jugendklubhaus von Suhl erinnern. Nach den Konzerten und im Laufe des darauffolgenden Sonntags hatten wir dann jede Menge Zeit und auch die Lust dazu, uns auszuprobieren, frei zu spielen und uns auch freizuspielen - die Anlage stand ja eh noch auf der Bühne. Eine Vorliebe für psychedelische Musik hatte ich ohnehin schon immer -  da komme ich wieder auf Jimi Hendrix und Santana zurück - und merkte sehr schnell, dass der Blues alle Gefühlsregungen widerspiegelt, von der Depression bis zum Hochgefühl und zurück, spürte auch, dass ich dafür ein Händchen habe, diese Stimmungen in Töne umzusetzen, seien diese nun lieblich-zart, seufzend elegisch oder wütend-brutal. Es strömte aus mir heraus, aus dem Bauch in die Saite(n) - und so strömt es noch heute...

Frage: Bei Deiner über vierzigjährigen Bühnenpräsenz gab es gewiss unzählige Highlights. Welche fallen Dir da spontan ein?

Jürgen Kerth: Die vielen Klubs, wo wir als Fremde kamen und als Freunde gingen - das ist jedes Mal auf´s Neue eine beglückende Erfahrung. Woran ich mich auch sehr gern erinnere, das ist unser Konzert auf der Freilichtbühne während der IGA in Erfurt. Da spielten wir vor ca. viertausend Leuten, wie immer ohne große ´´Monster-Bühnenshow´´, die hatten wir ja leider nie, aber wir waren richtig gut in Form, das war noch die Besetzung mit Roland Michi, und die Leute gingen fantastisch mit - so fantastisch, dass es für den Staat, bzw. deren sogenannte Vertreter von der KGD schon wieder beängstigend wurde und die uns drängten, das Konzert zu beenden. ´´Ihr müsst jetzt aufhören! Hört doch endlich auf zu spielen!!´´ kam es von hinteren Ende der Bühne. Worauf sich Roland Michi umdrehte und rief: ´´Körbach, du bist doch der größte Arsch!´´ So lief das des öfteren, du hattest immer irgendwelche Händel auszufechten. Meine Frau sagt dazu, die haben euch immer nur betrogen und verarscht, es gab keine Möglichkeit, größere Auftritte im Freien zu machen, wenn du nicht gerade vor 20.000 FDJlern spielen wolltest. Wenn dann aber doch mal die Luft brannte, kamen dann auch gleich die real-existenten sozialistischen Löschfahrzeuge.
Vor kurzem waren wir in Edinburgh und Aberdeen, waren natürlich aufgeregt, wie es wohl werden würde, ob die uns da annehmen - und dann waren´s  zwei Heimspiele. Oder wenn du ´ne Woche später nach dem Gig in ´nem englischen Jazzclub vom Booker hörst ´´Brillant!´´ Ähnliche Erfahrungen haben wir in Amerika gemacht, das ging hin bis zu ekstatischen Beifallsbekundungen. Aber letzten Endes versuche ich schon, das jeder Auftritt, jeder Abend zu einem Highlight wird.

Frage: Das ist ja schon fast die Antwort auf die letzte Frage. Hast Du eine Maxime, ein Lebensmotto, welches Dich früh aus dem Bett und abends auf die Bühne treibt?

Jürgen Kerth: Es gibt schon manchmal ein Aufwachen am Morgen, oder Momente im Leben, wo dir Sorgen die Seele bewölken und du dir vorkommst wie der sprichwörtliche Schluck Wasser. Dann greif ich mir meine Konzertgitarre und spiele drauf los, finde darin Trost und auch die Kraft, mich selbst aus dem Sumpf des Alltags heraus zu ziehen. Wenn dann noch das entsprechende Adrenalin dir durch die Adern pulst, erfährst du schon einen Abglanz vom Glück...