Rezension   Melodie & Rhythmus  1982

Wolfgang Lange

 

"Karl Groß" malerische Plattentaschengestaltung der dritten Kerth - LP ist in Idee und Ausführung armselig. Als einziges ist an ihr hervorzuheben, dass sie auf den hauptsächlichen inhaltlichen Gegenstand der LP und auf seinen Autor verweist. Abgebildet ist die Gloriosa, die große Glocke des Erfurter Doms, und ein Gesicht wurde ihr vom Grafiker gegeben, das en face unschwer als das des Jürgen Kerth, des thüringischen Großmeisters der Rock - Gitarre, auszumachen ist. Es wäre wirklich schade, würde der Trend zur Cover - Ausschmückung als Domäne halbherzigen grafischen Kunstgewerbes unaufhaltsam werden.

Seite eins der neuen LP von Jürgen Kerth, der wiederum als Komponist, Textautor, Arrangeur, Sänger, Gitarrist und Bandleader viel beschäftigt ist, steht im Zeichen einer musikalischen Helden - Verehrung. Der Held ist eine Glocke, eben die Gloriosa, die den Erfurter Kerth schon in Kindheitstagen fasziniert hat und noch immer einen unverlierbaren Reiz auf ihn ausübt. Davon erzählt er. Und zwar in einer Weise, die durch ihre Simplizität die Austreibung der Empfindungen besorgt. Es wird ein poetisch gänzlich farbloser Berichtston angeschlagen, dem von der Macht des dichterisch geformten Wortes nie Kunde ward; es verwundert nicht, dass er so wirkt, als stelle er krampfhaft einen Fuß in den unter Anstrengung geöffneten Seelen - Türspalt des Hörers. Es ist ein wahrhaft erstaunlich flacher Text - erstaunlich deshalb, weil allein das Thema Glocke doch wie ein poetisches Reizwort anmutet.

Was für Assoziationen fallen einem da ein, welche Symbolkraft besitzt dieses Wort, was an geschichtlichen Bezügen ließe sich herstellen, welche poetisch - sinnlichen Überhöhungen mit ihm erzielen !

Jürgen Kerths Text besitzt den antiken Heimatstolz eines liebevollen, lokalpatriotischen akzentuierten Schulaufsatzes. Kerth sollte selbstkritischer darauf achten, was er zu leisten wirklich imstande ist. "Komm herein" oder "Helmut", um auf vergangene bekannte Beispiele zu gehen - das sind seinem sprachlichen Vermögen angemessene Texte. "Gloriosa", dieser Text zeigt ihn recht hilflos, und auch der auf seiner 2. Seite der LP befindliche Text "He, junge Mutti" tut es. Viele entzückt an diesem Titel die berechtigte moralische Entrüstung, und mich nimmt die Form der fiktiven Zur - Rede - Stellung durch direkte Ansprache ("Du") ein. Eine junge Mutter holt nach der Arbeit ihr Kind vom Kindergarten ab, hastet mit ihm durch die Kaufhalle, draußen stolpert das Kind über einen Bordstein, woraufhin ihm die nervöse Mutter, um mit Kerth zu sprechen, eine reinhaut. So, und nun Erregung des Autors und schließlich Ermahnung an die junge Mutter "Bevor dir mal wieder die Hand ausrutscht, denk an dieses Lied".

Warum sollte sie wohl ? Ehrlich, ich bin so etwas leid, derlei Problematik in solcher flach schürfenden weise bedient zu sehen. Das klingt für manchen unberechtigt hart, wo man doch froh sein sollte, das sich jemand des Themas annimmt. Was meine ich ? Das Lied in seinem überdies gleichförmigen musikalischen Verlauf bricht ab, wo es eigentlich erst interessant werden könnte. An jenem Punkt nämlich, wo sich die Frage bohrend einmischt: Wo liegen die tieferen Ursachen für das Verhalten der Mutter ? Nun gut, ich selbst denke mir meinen Teil, vermag mir unzählige Gründe auszumalen, aber ich möchte, bitteschön, den konkreten Standpunkt des Autors hören, möchte nicht ein Ausweichen durch Schilderung des Geschehens. Das ist ja nur der Auslöser für die wichtigere Frage.

Aber verlassen wir die Textebene, zu der ich mir nur noch die Schlussbemerkung erlaube: Man muss nicht um jeden Preis alles machen wollen. Als Musiker ist mir Kerth ohnedies am liebsten. Sein klar gegliedertes, wirklich brillantes Gitarrenspiel, das ihn als großen Stilisten und kreativen Instrumentalisten ausweist, hinterlässt den weitaus stärksten Eindruck. Als Sänger - über die wohl unausrottbare thüringische Verkloßung, die manchmal wie der Startschub in provinziellen Habitus, der vokalen Interpretation wirkt, rede ich erst gar nicht - , also als Sänger ist Kerth hier zumindest zu graufarbig, zu einsilbig, im Timbre und in der Artikulation; die Blues - Lakonie zu besitzen, strebt er an, gleichwohl ist sie mitunter zu gewollt ( "Blues von der grauen Maus" ).

Als Komponist nun: Kerth hat ja seine Meriten, wenn sein musikalisches Idiom in den fündigen Blues - Grund eingepflanzt wird. Man weiß es. Und auch hier sind musikalisch derart abgesicherte Titel wie "Oh, wie würd` ich euch beneiden" und "Blues von der grauen Maus" die nachhaltigsten.

Wie steht es mit der Komposition der 17minutigen "Gloriosa" - Suite ( wie ich sie einmal nennen möchte ) ? Was mir am meisten auffällt, betrifft das schon zum Text ausgesagte: der Mangel an künstlerischer Verdichtung. Die Suite leidet vor allem unter der Abwesenheit von substanztragendem musikalischem Grundmaterial. Weder das kontemplative Präludieren der "Einstimmung" noch die an und für sich furiose Ostinato - Figur, über die sich ein ruhiges Kontrastmotiv ( e-g-fis-a-cis ) legt - musikalisches Material, das immer wieder auftaucht -, vermögen Eindringlichkeit zu sichern. Recht banal finde ich die Idee, der Verszeile "Warum soll man nicht auch mal etwas andächtig sein" auf ziemlich plakative Manier Orgel und Bläser ( Bläsergruppe unter Leitung von Erhard Bromann ) folgen zu lassen. Auch so ein Klischee: andächtig sein, musikalisch umgesetzt, heißt Orgelweihrauch und sakral gefärbter Bläserklang.

Wie schon auf der ersten LP grundieren die soliden Lothar Wilke (keyb) und Eberhard Meyerdirks (dr, perc) das leuchtende Gitarrenspiel Jürgen Kerths.