Konzert Stern Combo Meißen - Meißen 10.03.2007

   10.03.2007  Dresden  Stern Combo Meißen

Konzerte

Bericht Thoralf / Fotos Karla Kotzsch & Toralf

SCM

 

 
Dick und fett kann man es auf dem Plakat, das dieses Konzert ankündigt, lesen: "Stern-Combo Meissen - ROCK CLASSICS"! Grübel, grübel: bekommen wir hier nun den klassischen Art-Rock aus den frühen Band-Jahren und ersten LP-Veröffentlichungen geboten oder nur einige der Titel, die zu "Klassikern" geworden sind, wie eben "Der Kampf um den Südpol", den "Frühling" oder "Die Sage"? Dieses Grübeln hätte man sich getrost sparen können, denn es gab beides und noch viel, viel mehr.

Und als ganz besondere Zugabe sollte die seit nunmehr 43 Jahren bestehende Band auf der göttlich geweihten Bühne der Dresdner Lucas-Kirche von jungen, klassisch geschulten Damen des Kammermusik-Ensembles Dresden mit den unterschiedlichsten Streich- & Holzblas-Instrumenten begleitet werden. Und ob Gott nun seine Hände im Spiel hatte oder nicht, was hier an "klassischer" Art-Rock-Musik am Abend des 10. März 2007 geboten wurde, war tatsächlich göttlich!

Pünktlich um 21:00 Uhr begann das Konzert-Spektakel: Mussorgskys "Promenade" aus den "Bildern einer Ausstellung" eröffnet den Abend und ruft bei den vielen alten Fans der Stern-Combo, die zahlreich in der Lukas-Kirche erschienen sind, sofort die Erinnerungen an die alten Zeiten wach, in denen man die "Musikkapelle" (alter DDR-Begriff für "Band";-) heimlich die "Emerson Lake & Palmer der DDR" nannte.

 
 
Und Mussorgsky bleibt auch beim zweiten Titel als Komponist erhalten. "Die Nacht auf dem kahlen Berge" von der 1. Amiga-LP der Stern-Combo überzeugt bereits jeden Zweifler davon, dass die "alten Hasen" ihre klassischen Adaptionen noch mit der gleichen Faszination ihrer frühen Jahre erklingen lassen können.

Zwar verzichtet man bei diesem Titel auf die Gesangspassage, was ich ein wenig bedauerlich finde, aber der musikalische Bombast sowie die spielerische Perfektion der Musiker entschädigt für das Fehlen des kurzen, aber durchaus zu diesem Klassiker passenden Textes.
"Der weite Weg" ruft dann eins der Ur-Mitglieder der Band, das sich normalerweise hauptsächlich für die hervorragende Klangtechnik verantwortlich zeigt, auf die Bühne: Martin Schreier. Sein Gesang und die Vielzahl der hervorragenden Satzgesänge beweisen, dass trotz des schmerzlichen Verlustes von Reinhard Fißler der Status der Stern-Combo Meissen völlig erhalten bleibt.

Martin Schreier nutzt seinen Kurzauftritt sogleich, um zwei Tage nach dem Internationalen Frauentag den weiblichen Aufmarsch des Kammermusik-Ensembles Dresden anzukündigen. Die Damen wiederum huldigen auf der Bühne einem längst verstorbenen Gitarren-Gott, indem sie sein "Purple Haze" zur wahren Streicher-Orgie werden lassen. Hey, Jimi (Hendrix), vielleicht thronst du ja über uns - diese ungewohnte Art einer Live-Version deines Titels hätte dir bestimmt gefallen.

     
 
Ab diesem Zeitpunkt werden sich die musikalischen Wege der Stern-Combo und des Kammermusik-Ensembles bis zum Ende des Konzertes nicht mehr trennen.
Als nächstes schnappt sich Norbert Jäger, eigentlich der Percussionist der Band, das Mikro und interpretiert auf beeindruckende Art und Weise "Also was soll aus mir werden". Schön, dass er nicht versucht, wie Fißler zu klingen, sondern seine Form der Interpretation dieses Titels darbietet.
Nun ist es wohl an der Zeit, einen weiteren Musiker im Bunde einzuführen, der besonders die 80-er-Jahre-Ära der Meißner Sterne ohne Combo prägte. IC (ehemals Ralf Schmidt) Falkenberg spielt und singt zwei seiner schönsten Titel: "Ich bin frei" und das Reinhard Fißler gewidmete "Lass mich hier nicht liegen". Die Begeisterung des Publikums zeigt, dass auch diese "gängigen" (Pop-) Stücke längst im Hier und Jetzt der Stern-Combo angekommen sind. Natürlich wird es nach diesen beiden Titeln wieder höchste Zeit für eine klassische Adaption! "Der Frühling" von Vivaldi, die wahre Herausforderung für die beiden Band-Keyboarder Frank Nicolovius und Eghard Schumann. Dazu das Kammermusik-Ensemble . wer jetzt keine Gänsehaut bekommt, der ist nicht mehr zu retten.
 

Als nächstes ein Rollentausch. Martin Schreier, der ursprüngliche SCM-Schlagzeuger, übernimmt kurzzeitig den Platz hinter den Fellen an Stelle von Michael Behm, der am Mikrofon "Die Sage" so überzeugend singt, als hätte er sie schon auf „Der weite Weg“ dargeboten. Die Adaption von Ravels "Bolero", zugleich das neuste (und nur auf der "40-Jahre-Jubiläums-CD" erhältliche) Stück der Stern-Combo Meissen schickt dann das begeisterte Publikum in die Pause, in der sich bei einem Bierchen wohl jeder fragt: "Was kommt nun?" Sollte es tatsächlich das legendäre "Weiße Gold" sein? Es sollte!
Und so kam was kommen musste, woran man allerdings kaum zu glauben gewagt hatte: die KOMPLETTE 40-minütige Version von "Weißes Gold", mit einer Vielzahl von Besonderheiten, wie der fantastisch integrierten Streicher-Begleitung, den hervorragend gesprochenen Zwischen-Texten durch den "größten, charmantesten Bassisten mit Hund in Deutschlands" (Zitat IC Falkenberg) Alexander Procop, die komplett durch IC übernommenen Gesangspassagen und einem Michael Behm, der mit seiner hohen Kopfstimme unglaubliche Akzente setzte.
Und nach diesem "Klassiker" kam, was kommen musst, der wohl bekannteste und erfolgreichste "Klassiker" der Stern-Combo. "Der Kampf um den Südpol", gesungen von Martin Schreier, IC und Michael Behm, signalisierte dem Publikum, dass der Abend vorbei ist - aber dass das "Haltbarkeitsdatum" dieser 43 Jahre alten Band wohl einen Ewigkeitsstatus erhält. Die Zukunft der Stern-Combo Meissen scheint in ihrer frühen Vergangenheit zu liegen, der Blick zurück ist auch ein Blick nach vorn.
Übrigens lässt das Publikum in seiner Begeisterung die Stern-Combo nicht ohne eine Zugabe gehen - und die verblüfft dann vollkommen. Der "Säbeltanz" von Chatschaturjan, den man bisher nur in der Adaption von electra kannte, erfährt nun die STERN-Stunde seiner Auferstehung.
"Mein Gott!" - dachte ich danach - und verließ als (Musik-) Gläubiger die Kirche. Mein Dank für diese Bekehrung geht an die Stern-Combo Meissen!