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Keine Kamera, Jürgen nahm es mir vielleicht ein bisschen übel, er fragte
danach, kein ZOOM-Mitschnittgerät, nicht einmal Akkus für den Photoapparat
hatte ich im Gepäck, als ich mich auf den Weg machte ...
Jürgen ist 60.
Aber er feierte nicht "Geburtstag im Internat", er feierte da, wo er seit
Jahren hingehört, auf der Bühne, die eine, die er liebt, im Arm. Und
trotzdem war es etwas ganz anderes diesmal ....
Am Samstag gegen Mittag packte ich also mein Geburtstagsgeschenk für
Jürgen ein, nahm die Kutte vom Hacken und machte mich auf den Weg. Ich
weiß nicht, irgendwie war ich aufgeregt, als ich im Zug nach Frankfurt saß
fiel mir ein, Mensch Alter, Du brauchst ja auch eine Fahrkarte ... Nun
habe ich ja noch aus DDR-Zeiten ein paar Privilegien -lächel-, also in
Frankfurt an den Fahrkartenautomaten, zwei Nummerchen eingetippt, und ich
hielt die Teile für die 1. Klasse in der Hand. Ach so, warum da die 1.
steht, erstens war schon der Zug von Aschaffenburg nach Frankfurt
gerammelt voll und ich hatte keinen Bock auf Stehen und zweitens macht es
einfach Spaß die Gesichter zu sehen, wenn ich mit meinem gepflegtem
Äußeren und in "Konzertkluft" da Platz nehme. -grins- (Ach ja, das Bier
bekommt man auch am Platz serviert, ein Vorteil den ich schätze.) Nach
einer feinen Fahrt kam ich dann in Erfurt an, besuchte erst einmal den
Blumenladen und entschied mich dort nach Abwegen meines Durstes gegen den
Börsenstand unter Berücksichtigung des anzunehmenden Schwarzbierpreises
für ein größeres Gesteck. Dann aber schnell zum Taxistand, aber da war
keines! Irgendwo stand ein Taxi rum, der Fahrer säuberte gerade das Auto,
es begann zu regnen, also dort hin und er fuhr mich zum Opera Hostel, dem
gewählten Quartier.
Erst einmal hieß es nun Bett selbst beziehen, dann suchte ich auf dem Flur
jene Örtlichkeit, wo der Mensch sich Erleichterung verschaffen kann,
später stellte ich fest, es war die für Damen -gröhl-, und dann legte ich
mich noch ein wenig aufs Ohr. Aber schlafen konnte ich nicht, also stand
ich auf und verließ das Haus um die 100 m zum Stadtgarten zu wandern. Ein
Schwarzes und eine Sülze mit Bratkartoffeln, also so mal unter uns, die
sind im Westen besser, die Bratkartoffeln -lächel-, gönnte ich mir und
während ich speiste sagte auf einmal eine Stimme neben mir, da ist aber
einer zeitig da. Es war Stefan Kerth und nach der obligatorische
Begrüßungszeremonie stellte er mir seinen Sohn vor, den Jonathan. Die
Beiden verschwanden im Saal und ich widmete mich wieder der Sülze.
An einem Tisch im Biergarten vor der Tür, der "Personaltisch" war’s,
setzte sich eine Frau und ich hatte so ein komisches Gefühl. Aber erst
einmal bekam ich mit, Jürgen ist da, also das Geschenk, eine
selbstgemachte Doppel-CD von zwei Liveauftritten von ihm, und die Blumen
gesackt und in den Saal ihm die Hand schütteln und Gesundheit wünschen.
Man merkte ihm an, dass er sich freute den Aschaffenburger als
Geburtstagsgast zu haben. Dann begann der Aufbau, nun das ist ja Arbeit,
damit habe ich es bekanntlich nicht so, also begab ich mich wieder zu
anderen Freu(n)den, den Gläsern mit dem Köstritzer.
Stefans Bub sagte auf einmal neben mir; "Oma, wann kommt den der Junge!"
und da wusste ich, mein Gefühl hatte mich nicht gedrügt, die Frau war
Babara, Jürgens gute Seele. Also habe ich den Tisch gewechselt, mich zu
Ihr gesetzt und wir haben ein wenig geschwätzt. Na gut, Barbara hat ein
wenig geschimpft über den Jürgen, z.B. hat sich der Nachbar beschwert,
dass im Garten die Brombeeren so gewuchert haben, und Jürgen meinte, da
müssen wir sie verschneiden. Gingen die Beiden in den Garten, Barbara
zerstach sich am Gestrüpp, während der Meister in der Hütte verschwand.
Als sie nachschaute was da wird, saß er vor dem Fernseher und als sie
meckerte kam als Antwort, ich muss mich doch informieren, muss verfolgen,
was in der Welt passiert .... -lächel- Und sie schimpfte über die
Raubritter der GEMA ... Es war also eine ganz besondere Stimmung, es war
irgendwie familiär, wir erzählten uns Anecktoden und die Zeit verging wie
im Fluge. Langsam wanderte der Zeiger auf die 8, die Zeit zum Einlass kam
heran und Barbara wurde unruhig. Einfach, die Mugge haben Kerths als
Veranstalter bestritten, sie saß an der Kasse und begrüßte mit Stefans
Sohn und einem Freund von dem die Gäste selbst. Barbara steckte das Geld
in die Kasse, der Bub riss die Karten ab und der Freund von ihm drückte
den Stempel auf den Handrücken. Draußen grollte der Himmel und da ich vom
Regen verdünntes Schwarzbier nicht so mag und der Wind den schützenden
Deckel immer wieder wegblies, verlegte ich meinen Aufenthalt nun auch in
den Saal.
Im Saal hatte sich, außer viel Getöse beim Aufbau, noch nicht viel getan,
kein Ton Soundscheck war zu hören. Ich war ein wenig verwundert, immerhin
war auch auf der Bühne etwas besonderes los, es standen da zwei
Schlagzeuge und eine kleine Hammondorgel, Kerth in großer Besetzung war
angesagt. Aber nun war keine Zeit mehr für solche Sachen, Jürgen
schüttelte Hände, nahm Glückwünsche entgegen. Barbara war nun auch ein
wenig entspannter, die GEMA-Gebühren für die Veranstaltung waren an
Einnahmen rein. -lächel-
Der Abend war etwas Besonderes, so begann das Ganze auch nicht, wie bei
Kerths sonst üblich, Punkt 21.00 Uhr, nein der Zeiger ging gegen 21.30
Uhr, als Jürgen auf der Bühne erschien und vor sich hin brummelte, ich
habe heute Geburtstag, da muss ich nicht stimmen ... Und dann ging es los
Solo mit der Jungen Mutti, und danach wurde es voll auf der Bühne. Wie
gesagt, 2 Schlagzeuger und noch eine Hammondorgel, natürlich Stefan mit
seinem Bass. Auch ohne Soundscheck passte alles bestens, und nach
anfänglich noch etwas unterkühlter Atmosphäre, rissen die Musikuse das
Publikum immer mehr mit, zogen sie in ihren Bann, in den Bann des Blues.
Der Saal füllte sich immer mehr, die ersten konnten nicht mehr
stillsitzen, Leute tanzten mitgerissen vom einzigartigem Blues des Jürgen
Kerth. Das Ganze steigerte sich von Titel zu Titel, bis Jürgen seinen
berühmten Satz sprach: "Und nun machen wir ein Päuschen für ein Bierchen!"
Es wurde auch Zeit, Jürgen war schon den halben Abend mit angerauchter
Zigarre rumgelaufen und Stefan zeigte erste Entzugserscheinungen, auch den
Stadtgarten haben die neuen Nichtrauchergesetze erreicht.
So strömte also alles nach draußen, und in der Pause kam es zu netten
Bekanntschaften und vielen Gesprächen. Ich ging dann nach einiger Zeit zu
Jürgen und fragte ihn: "Sag mal Alter, in 5 Jahren bin ich ja auch dran,
wie fühlt man sich denn nun so?" Er brummelte etwas vor sich hin, von ich
habe mir vorher auch so ein paar Gedanken gemacht .... und ließ mich
einfach stehen ... Um auf die Bühne zu gehen und uns allen zu zeigen,
nichts ist anders, es geht weiter mit dem Blues ....
Nun schlug die Stimmung langsam hoch! Ich stand vorne, ganz alleine vor
der Bühne, versunken in diesen Schwall von Tönen, und merkte nur, neben
mir bewegte sich auf einmal etwas! Aber, ich weiß nicht, was in mich
gefahren war, es war aber sicher nicht der Teufi, eher der Blues, ich
schaute nicht einmal was für ein Mädchen sich da neben, mit mir bewegte.
Und dann kam eine dazu, die Beiden strebten in die Mitte und ließen sich
in ihren Bewegungen nun ganz von der Musik mitreißen. Man(n) sah
"gesetzte" ältere Herren, die sich vor der Bühne in seltsamen Verrenkungen
der Musik hingaben, aber auch manch junge Brust hüpfte im Mieder zu diesen
zauberhaften Klängen. Und dann ein weiterer Höhepunkt, ich war gerade Bier
holen, habe es erst gar nicht mitbekommen, den Platz am Schlagzeug von
Tony Natale hatte Stefans Sohn, Jürgens Enkel, der Jonathan eingenommen
und nun spielte wieder einmal eine Kerth-Family! Ich konnte nicht anders,
ich musste dem Buben nach seinem Auftritt danken und ihm übers Haar
streichen ....
Es war noch einmal Pause, aber eigentlich merkte das keiner richtig! Die
Musik hatte fast alle so eingenommen, dass selbst die Gespräche nun vom
Blues gefüllt waren, es draußen, wenn auch ohne Musik, so weiter ging, wie
drinnen ... Konnte es eigentlich noch eine Steigerung geben? Ja die gab
es, selbst ein Behinderter Namens Hans zog es in die Mitte, zu Barbara und
dem Buben, und nach vielen Jahren konnte man Hänschen wieder einmal
"tanzen" sehen ...
-gröhl-
Diese Musik riss einem einfach mit ....
Aber jeder noch so schöne Abend hat einmal ein Ende! So auch dieser, die
Uhr ging auf 23.30 Uhr als sich die Massen vor dem Haus versammelten, in
aufgeregte Gespräche vertieft. Die Wirtschaft schimpfte, verlangte Ruhe
wegen der bösen Nachbarn und irgendwann merkte ich, Mensch das Glas ist
leer ... Aber es half kein Betteln und Drohen, die Wirtschaft drehte nicht
mehr am Hahn und so sah ich mich gezwungen mit den Einheimischen näheren
Kontakt aufzunehmen, der Durst wurde unerträglich ... Also zogen wir in
einem Grüppchen los, noch ein offenes Gasthaus zu finden. Nun gesellte
sich noch der Harndrang dazu, das Grüppchen splitterte sich auf, aber doch
irgendwie fanden wir noch einen laufenden Hahn. Nur irgendwann mochte der
Wirt nicht mehr und so mussten, gegen halber Viere wird’s gewesen sein,
auch die letzten 3 Kunden die Schänke verlassen. So zogen wir von dannen,
der Weg war nun noch weiter, so von halblinks nach halbrechts und es kam
der Punkt, da wir uns trennten.
Nun erst fiel mir ein, Mensch du Deppen hast dich nicht einmal bei Jürgen
für den Abend bedankt ... Aber wie gesagt, es war ein besonderer Tag und
als ich mich dem Stadtgarten wieder näherte fuhr da gerade ein Auto auf
den Bürgersteig. Ich winkte und nun konnte ich mich bei Jürgen noch in
aller Form bedanken. Erst jetzt hatten sie alles abgebaut und Jürgen fuhr
nach Hause, aber nicht ohne zu fragen, wie kommst du jetzt .... Aber ich
sah ja das Hostel schon ....
Ich habe mir dann noch das Vergnügen gegönnt vor eine Diskothek einen
Blick auf die versammelten Dorfschönheiten zu werfen ... -grins- Aber es
zog mich doch ins Bett und so begab ich mich ins Hostel. Noch einmal jenes
Örtchen aufgesucht, hier wurde ich nun freundlich von einer anwesenden
Dame des Hauses, die bekommt man auf Rezept oder so, darauf hingewiesen,
das hier ist für Mädels .... Na ja, wenn man alt wird!
Gegen halber Fünfe hatte ich dann auch den Kampf mit dem Schlafanzug
gewonnen und sank, oder fiel wohl mehr, ins Bett.
Viel ist nicht mehr zu sagen, 8.30 Uhr aufstehen, frühstücken mit 2 mir
unbekannten Damen, eine davon sprach auch noch perfekt ausländisch,
Geschirr selbst abwaschen, Sachen packen, noch mal, jetzt aber das
richtige, Örtchen aufgesucht, gelöhnt und mit dem Taxi, das kam diesmal
ganz schnell, obwohl mir der Fahrer sagte, das hier habe ich noch nie
gesehen, zum Bahnhof und dann die letzte Krönung! Der Zug gerammelt voll,
auch die 1. Klasse, also habe ich nach einer Diskussion mit der Frau
Zugbetreuerin (sie wissen doch, dass sie in der 1. Klasse nicht dürfen, ne
Moment, ich darf hier lümmeln, habe 1. Klasse und so) es mir im Vorraum
der ersten Klasse bequem gemacht, ein wenig geschlafen noch, in Frankfurt
umgestiegen, und nun sitze ich hier und berichte von der schönsten
Geburtstagsfeier, die ich erleben durfte ...
Jürgen Kerth sei Dank! Und von mir noch einmal viele gute Wünsche, vor
allem Gesundheit, und noch viele schöne Konzerte mit der, die Du liebst
Jürgen. Auch wenn die, mit der Du lebst, manchmal ein bisschen schimpft
.... -lächel-
Immer noch stark beeindruckt, total übermüdet, aber glücklich. |