20.10.2007  Berlin - László Tolcsvay

 
  Bericht Thomas / Fotos Dietmar - vielen Dank  
     
Es gibt Dinge, die man sich kaum zu erträumen resp. vorzustellen vermag, zu sehr scheinen sie außerhalb der eigenen Möglichkeiten zu liegen.
Doch das Leben im Konjunktiv ist zwar sehr bequem, aber eben auch sehr anämisch...
     

  Was im Frühjahr diesen Jahres als locker-flockiges Was-wäre-wenn?-Brainstorming von Jóska Robotka und keletizene.de begann, nahm im Laufe der Zeit alsbald immer sichtbarere Konturen an und unsere gemeinsame Vorstellung, große und ganz große der von der Muse der Musik geküssten - und also schlichtweg begnadete - ungarische Musikusse auch dem hiesigen Publikum per Konzert und anschließender live-haftiger persönlicher Begegnung näher zu bringen, mündeten schließlich in die Zusage von László Tolcsvay, diese Träumerei mit schwer größenwahnsinniger Schlagseite Wirklichkeit werden zu lassen.

In seiner Heimat schon längst in den Rang eines Vertreters nationalen Kulturguts erhoben und mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen auch außerhalb Pannoniens bedacht, drang diese Kunde deshalb aber noch längst nicht bis zum angeblichen Volk der Dichter und Denker vor (beide Bezeichnungen implizieren außerhalb der Grenzen ´´diesen unseren Landes´´ historisch determiniert doch eher Numero 18 und Nummer 8 der Anfangsbuchstaben im Alphabet) - hierzulande assoziiert der durchschnittlich Interessierte eher Zsuzsa Koncz, Omega oder Kovács Kati (was ja an sich schon mal bemerkenswert ist bei der weit verbreiteten und ergo ´´der normativen Kraft des Faktischen`´ entsprechenden Nabelschau).
Darum sei als Einleitung zunächst der für die ignoranten Vertreter der angeblich öffentlichen Medien erstellte Waschzettel zitiert:

Zu seinem einzigen Deutschland-Konzert kommt László Tolcsvay am 20.Oktober nach Berlin ins CHB, dem ehemaligen Haus der ungarischen Kultur am Alexanderplatz.
Der Künstler wurde 1950 in Budapest geboren und gilt als herausragender Vertreter der ungarischen Beat-Generation der 60er Jahre. Erste musikalische Stationen waren die Amateurbands The Strangers und The Wanderers, Ende der sechziger Jahren gründete er das legendäre Tolcsvay-Trio,das 1973 –zusammen mit den Szörényi-Brüdern Levente und Szabolcs so wie János Bródy (alle drei zuvor bei Illés) unter dem Namen Fonográf neue Akzente in der musikalischen Landschaft Ungarns setzte. László Tolcsvay wird der Verdienst zugeschrieben, als Erster Elemente der Rockmusik mit ungarischer Volksmusik verbunden zu haben. 1973 schrieb er die Melodie zu Petöfis ´´Nationallied´´, welches sich zur Hymne seiner Generation entwickelte. Neben seiner kompositorischen Tätigkeit für Fonográf arbeitete er auch erfolgreich für zahlreiche andere Künstler, so z. B. für Zsuzsa Koncz und Judit Halász.
Von seinen größeren musikalischen Arbeiten soll als Erstes das Musical ´´Doktor Herz´´ Erwähnung finden – über 300 Mal an ungarischen Bühnen aufgeführt, stand es 1991 auch auf dem Spielplan des Royal Exchange Theatre von Manchester.
´´Isten Pénze´´ und sein Marien-Evangelium haben das Publikum von Budapest und Bratislava und Oradea ebenso begeistert wie das von Deutschland, Italien, der Schweiz oder den USA.
1987 vollendete Tolcsvay die ´´Ungarische Messe´´, bei der volkstümliche, klassische und Elemente der Rockmusik auf geniale Weise miteinander verknüpft werden.
Neben weiteren Oratorien und Balletmusiken hat er inzwischen fünf Solo-Alben veröffentlicht.
Im Jahre 2003 hatte in Paris seine ´´Rákóczi-Fantasie´´ Premiere, die anschließend auch in Rom , Brüssel, Kosice und Budapest zu sehen war.
Am 30.Oktober vergangenen Jahres schließlich wurde die gemeinsam mit János Brody komponierte Kantate ´´Ein Satz über die Freiheit´´ uraufgeführt.

Ein vielseitig - vielsaitiger Mensch also, freundlich, zugänglich und offen für neue Ideen.
Eine davon war unsere Überlegung, László Tolcsvay mit den seit über einem Jahrzehnt erfolgreich die ungarische kulturelle Tradition (u.a. Bártok, Petöfi) in die Gegenwart transponierenden Transsylvanians bekannt zu machen, die unter dem prägnanten Slogan ´´1000 Years Old Hungarian Speed Folk´´ nicht nur die spezifisch deutsche Hüftsteife völlig schmerzfrei hinwegoperieren, sondern auch im restlichen westlichen Europa ungezählte (Tanz-)Rockpaläste an die Grenzen ihrer statischen Belastbarkeit brachten und zudem die gern postulierte, aber nicht unbedingt realitätsnahe Option vom harmoniegeschwängerten multikulturellen Global Village Europa nicht allein durch ihr Repertoire, sondern auch durch ihre deutsch-ungarische Besetzung in der Realität verankern.
Aus der geplanten kurzen Stippvisite wurden schließlich knappe drei Stunden - der sprichwörtliche Funke sprang sofort über und wuchs sich in kürzester Zeit zu einem leidenschaftlichen Feuer aus, welches seine Höchsttemperatur in einer der heißesten Sessions sengend verströmte, die der im Kato unterhalb der U-Bahn Station ´´Schlesisches Tor´´ gelegene Proberaum der Band wohl je erlebt hat und es wäre so erstaunlich nicht, wenn die BVG auf Grund von Gleisverwerfungen einen Schienenersatzverkehr hätte einrichten müssen. Egal, ob das rockige ´´Juliska-Jánoska´´ von den Transsylvanians oder die eher besinnliche ´´Erste Straßenbahn´´ (´´Az elsö villamos´´) aus der Tolcsvayschen Feder - die fünf spielten zusammen, als würden sie seit Ewigkeiten zusammen auftreten - was sie vielleicht auch eines nicht all zu fernen Tages machen werden...
Aber nicht genug damit, dass dies für sich genommem schon Wunder-Land pur war.  László Tolcsvay hatte Probleme mit seiner Gitarre für das Konzert im CHB und so setzte sich Transsylvanians-Gitarrero Hendrik Maaß mal eben kurz auf sein Fahrrad - den immer näher rückenden Zeitpunkt seines Fluges nach London im Nacken - und übergab seine akustisches Arbeitswerkzeug zu treuen Händen; über so viel undeutsche Unkompliziertheit konnte dann auch Tolcsvay Ùr nur noch staunen.
Schon stand die nächste Terminatur an, ein kleines Interview im rockradio.de - Studio von DJ Fredi für ostmusik.de, keletizene.de und natürlich auch für den Sender, der wächst und gedeiht und sich wachsender Belebtheit erfreut - nicht zuletzt bei den Musikern selbst, geht es doch hier weder um ´´Format´´  und die restliche Kommerz-Kacke - und um Kohle schon gleich gar nicht -  sondern um Inhalte, also genau um das, was die öffentlich-rechtlichen Anstalten (sic!) sich selbst dermaleinst, in schon lange veralzheimerter Vorzeit, ins Stammbuch schrieben, dafür kräftige Gebühren kassieren, immer bestrebt, minoritäre Ecken und Kanten abzuschleifen, um nur ja nicht den goldenen (Schnitt-) Mittelweg zu verlassen und so etwas wie Kontur oder Profil erkennbar werden zu lassen.

Und was den windschnittigen Ätherwellen-Reitern recht ist, kann natürlich ihren Brüdern und Schwestern im Geiste von der schreibenden & druckenden Fraktion nur billig sein, darüber muß man sich nicht unbedingt echauffieren - einfach weil man sich das vorher denken und eins und eins zusammenzählen kann - wenn aber zum Beispiel der Ober-Kapellmeister von ´´tuten & blasen´´ durch verstockt-ignorantes Desinteresse sich empfiehlt, kommt man schon etwas aus dem Takt(gefühl) incl. Harmonielehre...´´Anyway´´ ließe ein anderer Papst von eigenen Gnaden Steine rollend jetzt verlauten, denn auch hier erwies sich die zuvor veranschlagte Zeit von ca. dreißig Minuten als all zu knapp bemessen - befänden wir uns noch in der Ära des guten, alten Dampfradios drängte sich der reichlich alberne Kalauer vom Dampfplauderer förmlich auf, doch ist dieser im konkreten Falle mehr als daneben, denn was László Tolcsvay von sich gab war alles andere als heiße Luft. Ausführlich und mit sichtlichem Spaß an der Freud´ beantwortete er alle Fragen und auch nachdem die diversen Mikros ab- und die Diktaphone ausgeschaltet waren, ging das Gespräch weiter. Hätten nicht die Omegafreunde.de (nicht zu verwechseln mit dem Omegafanclub.de) und das spätabendliche Konzert von Kistehén Tánczenekar seiner geharrt, wäre wohl noch die oder andere Stunde unbemerkt vergangen. So verabschiedete sich kurz nach Mitternacht ein gut gelaunter und entspannter László Tolcsvay zusammen mit seiner Gattin, der gleich ihrem Manne international erfolgreichen Künstlerin Zsuzsanna Péreli, in Richtung Hotelbett...

20.Oktober

Der ´´Tag der Wahrheit´´, an welchem sich herausstellen sollte, ob wir trotz medialer F-D-P-Taubheit (Flachzangen, Dumpfbacken und Pappnasen) und dem relativ hohen Eintrittspreis von 25,- Euro, der sich u.a. aus der Gage, den Flügen &  Übernachtungen etc. zusammensetzt,  genügend  Konzertbesucher mobilisieren konnten, um nicht nur die ohnehin einkalkulierten persönlichen finanziellen Verluste so gering wie möglich zu halten, sondern vor allem auch, ob es uns gelungen ist, dem auftretenden Künstlern eine optimale Atmosphäre zu ermöglichen, ist doch ein Auftritt vor gähnend leeren Reihen alles andere als eine prickelnde Angelegenheit.
( Ein besonders herzliches Köszönöm szépen aber auch - zumindest von mir - an das CHB!
In meiner seit dreieinhalb Jahrzehnten währenden Konzertgänger-´´karriere´´ gab es ja schon das eine oder andere allerliebst-herzerfrischende  ´´Schmankerl´´ - aber das ein Laden, Haus oder Schuppen eine Veranstaltung, die in seinen Räumen stattfindet, einer Ankündigung nicht für wert befindet, ist dann schon eine reife Leistung und eröffnet völlig neue Dimensionen hinsichtlich der Öffentlichkeitsarbeit. Das schreit förmlich nach Patentierung und sollte fester Bestandteil aller BWL-Seminare werden.)
Auch egal, zumal dieses legendäre Gebäude (in dem sich dereinst der vom antifaschistischen Schutzwall fürsorglich behütete Musik-Afficionado seine harte Ostmark gegen die Platten von Generál, Piramis, LGT, Skorpió, Omega und , neben vielen anderen mehr, eben auch für Tolcsvay-Fonográf-Vinyl eintauschte, gab es doch damit nicht nur etwas, um den Durst der Ohren zu stillen - schon die Plattencover, deren drucktechnische Qualität und graphische Gestaltung, vermittelten eine Hauch westlicher Dekadenz, waren quasi Vorboten des Verbotenen - aus Freundesland) seiner Sanierung entgegendämmert und der überwiegende Teil der Belegschaft im neuen, neben dem Maxim Gorki Theater gelegenen Gebäude seine überbordenden Aktivitäten nicht mehr mit einbringen kann.
Knapp zwanzig Tickets fanden im Vorverkauf ihre neuen Besitzer, das ließ Übles befürchten, doch peau a peau füllte sich der Saal, gut einhundertsechzig, überwiegend magyarisch justierte Ohren waren ´s dann bei Konzertbeginn - im Vergleich zur numerisch nicht wesentlich höher angesiedelten Zahl potentieller Berliner Musikfreunde durchaus verdächtig nah dran am Guinness-Buch-Eintrag...
´´Öszinte dal´´ (´´Ehrliches Lied´´) von der zweiten, ´75er, Fonográf-Scheibe ´´Mi újság Wagner úr?/Was gibt es Neues, Herr Wagner?`` eröffnete den Abend. Weiter ging es dann wie folgt :

Vorwort
2.elöszó
3.´68
4.sajnalom, hogy igy esett -- Es tut mir leid, dass es so gekommen ist
5.a mosolyod vigasztal -- Dein Lächeln tröstet mich
6.Tibeti hajna l-- Tibetische Morgendämmerung
7.a show folytatódik -- Die Show geht weiter
8.hunyd le a szemed -- Schließe deine Augen
9.köszönöm Doktor úr -- Danke, Herr Doktor
10.jöjj kedvesem -- Komm, meine Liebe
11.békét és reménységet -- Friede und Hoffnung....
12.éltek vizek -- Es lebten Gewässer
13.az elsö villamos
14.levél a távolból -- Brief aus der Ferne
15.la-di-da
16.kékszinü virág -- Blaue Blume
17.nemzeti dal -- National-Lied

Bis einschließlich Titel Numero 12 gab es zusätzlich zu den abwechselnd mit Klavier, Gitarre und Mundharmonika vorgetragenen Liedern eine unterstützende Begleitung aus der Konserve, die aber nicht einer der Songs zur Entfaltung seiner Wirkung nötig gehabt hätte - einer vergleichbaren Unsitte glaub(t)en sich auch Tibor Tátrai und Gábor Antal Szücs bei ihrem Latin Duo-Projekt verpflichtet...
´´Die erste Straßenbahn ´´ war nicht nur László Tolcsvay erster großer Erfolg als Solist, sondern auch der erste Titel, der bei diesem Konzert ohne diese vermeidbaren Ballaststoffe auskam, mit der nicht zu übersehenden Nebenwirkung, dass die anfängliche Spannung einer zunehmenden Locker- und Verspieltheit wich, letztere nicht nur im übertragenen Sinne.

Zwischen den einzelnen Stücken eingestreute Anmerkungen, Anspielungen und Anekdoten, deren mehrdeutiger Sinn sich aber leider nur den Muttersprachlern erschloss; nicht nur aus diesem triftigen Grunde ärgerte sich manch Anwesender über die selbstverschuldete Schludrigkeit beim magyarul tanul... Die anschließenden Zugaben, an deren Zustandekommen der Maestro wohl selbst nicht so recht zu glauben schien und die darum auch keinen Platz auf der Setlist fanden, wurden vom Auditorium überwiegend stehend entgegen genommen.
Nach dem letzten Vorhang kurz Luft geholt und schon ging es ans Signieren und geduldige Fragen beantworten in englischer, deutscher und der eigenen Sprache, ans Fachsimpeln mit Attila Ducsay - einem umtriebigen Hans-Dampf-in-fast-allen-Gassen, der sich u. a. einen Namen machte als Nachdichter und zuletzt für City und deren ´´Yeah Yeah Yeah´´-Album die Gábor Presser/Zóran Sztevanovity - Komposition ´´Apám hitte´´ ins Deutsche kongenialisierte: ´´Vater glaubte´´- und und und.
Bedingt durch den frühen Rückflug nach Budapest, wo am Sonntagabend der nächste Auftritt auf ihn wartete, konnte er die Einladung zum Transsylvanians-Konzert in der nahegelegenen Kalkscheune leider nicht annehmen, aber aufgeschoben soll sich ja nur auf aufgehoben reimen, mehr nicht...
Alles in allem also ein gelungener Versuch deutsch-ungarischer Zusamenarbeit - Fortsetzung folgt , die erste bereits am Freitag, den 16. November, dann mit einer musikalischen Innovation namens HANGOK, genaue Angaben zu Zeit und Ort sind hier zu finden.