25.10.2007  Berlin - Thomas Natschinski & Freunde

  Bericht Jens Kurze / Fotos u.a. von Sylke und Birgit ... vielen Dank Th. Natschinski
 

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Weit, weit und wild – Thomas Natschinski & friends live

„Du machst die Bilder, ich den Bericht“ sagte ich vor dem Konzert zu Peter, dem Initiator & Webmaster von www.ostmusik.de – da wußte ich noch nicht, dass er den leichteren Job haben würde ... 

Lange habe ich mich auf dieses Ereignis gefreut, denn mit Thomas Natschinski verbindet mich seit einer gemeinsamen DT-64-Sendung im August 1977 ein dauerhafter, freundschaftlicher Kontakt. Ich durfte teilhaben an seinen verschiedenen Stationen nach Team 4 und Brot & Salz, war durch ihn informiert über Höhen und Tiefen, über Kompositionen und Projekte - darauf war und bin ich schon ein wenig stolz.

   

Seine zurückhaltende Art  - obwohl er unbestritten ein Meister seines Fachs ist, dem die musikalischen Ideen für sich selbst und vor allem für andere offenbar nie auszugehen scheinen – hat mich immer fasziniert.

Mit Musik von Team 4 bin ich aufgewachsen, habe sie selbst gesungen. Und später sind viele seiner wundervollen Melodien in meinem Kopf hängen geblieben. Ganz gleich, ob er sie für die Großen der Szene wie Veronika Fischer oder Jürgen Walter geschrieben hatte, ob er bei Karat das Erbe von Ed Swillms weiterführte und dabei behutsam neue Akzente setzte, oder ob er die damals unbekannte Gaby Rückert ganz nach vorn brachte – seine Handschrift möchte ich nicht missen. Und viel zu selten hat er für sich selbst Lieder gemacht ... 

All das ging mir durch den Kopf, als er mir zur Eastrock Symphony im Sommer dieses Jahres auf dem Berliner Gendarmenmarkt vom Projekt eines Konzerts an seinem 60. Geburtstag erzählte. Ich dachte da an einen kleinen, intimen Club-Gig im engen Kreis – aber wir alle sollten eines Besseren belehrt werden. 

Warum so viele Worte im Vorfeld ? Ganz einfach – weil mir die Worte fehlen, das Konzert zu beschreiben, das Gefühl an diesem besonderen Abend war so stark.

Alle, die das Glück hatten dabei zu sein, werden mir Recht geben: wir haben ein ( im doppelten Sinne des Wortes ) einmaliges Konzert erlebt.

     

  Im Foyer herrschte die Atmosphäre eines Klassentreffens, Freunde, Sympathisanten und Musikerkollegen fielen sich erfreut in die Arme.

Ich konnte mal wieder mit einem bestens aufgelegten Ingo Koster reden ( Thomas Natschinski Gruppe, Brot & Salz, Drei, Gaby Rückert ), Detlef Haak lief an mir vorbei, mit Bernd Römer ( Karat ) haben wir über die Gitarrero-Zeit gequasselt, Claudius Dreilich bestaunte die alten Bilder, Andre Gensicke ( Zöllner, 7 Sünden ) freute sich über das Wiedersehen, Christine ist immer noch eine wunderschöne und so herzliche Frau, ich hab Hartmut aus EE getroffen und Birgit und Manu vom Gaby-Rückert-Freundeskreis und und und .... und der Saal war rappelvoll.

     

Pünktlich 20 Uhr ging es los : die Musiker betraten die Bühne. Keine simple Begleitband, sondern das Feinste vom Feinsten. Von links nach rechts: Thomas Kurzhals ( Stern Meissen, Karat ) Keyboards, Ralf Templin ( Tim Fischer, Jürgen Walter ) Gitarren, Micha Behm ( Stern Meißen ) drums, Jäckie Reznicek ( Silly, Pankow ) Bässe, Richie Barton ( Silly ) keyboards.

Das ehemalige DT-64-Moderatorenteam Christine Dähn und Andreas Fürll machten  ( leider aus dem off ) die Anmoderation, und es begann ein Feuerwerk an Hits – wohlgemerkt alles ( bis auf ganz wenige Ausnahmen ) aus der Feder des Geburtstagskindes Thomas Natschinski.

Weit, weit und wild war der Opener, ein Song aus seinem eben erschienenen Solo-Album. Gleich darauf Gaby Rückert im Duett mit ihm : „Berührung“ – 27 Jahre ist das nun schon her, und dieses Lied ist immer noch so schön, so gut, so berührend .  Veronika Fischer folgte, dann Jürgen Walter mit Clown sein – Gänsehaut !!

     

 

Du meine Güte, dachte ich, hängen die die Meßlatte aber zu Beginn hoch – ob die Dramaturgie das trägt ? Oh ja !

Begeisterung bei Ingo Koster und der legendären Mokka-Milch-Eis-Bar. Thomas an die Musiker von Silly : das hättet ihr euch auch nicht träumen lassen, mal diesen Titel zu spielen ... allgemeine Heiterkeit, logisch ! Und überhaupt: die Musiker, allesamt ehemalige Kollegen und Immer-noch-Freunde von Thomas spielten mit echter Hingabe, so als wären das ihre eigenen Lieder, verliehen den Songs eine jazzige Farbe, im Sport heißt das wohl: sie spielten absolut mannschaftsdienlich. Und immer wieder Gratulationen, Umarmungen, Lachen, Gesten, Zwinkern.

Da war kein Stress, keine Hektik, aber andererseits auch kein pures routiniertes Runtermuggen. Jäckie, der sonst die Bühne allein braucht, wurde auf den Aktionsradius eines A3-Blatts verdammt. Doch das hat ihm nichts ausgemacht ( er sagte hinterher zu mir: Alter, das war eben auch kein Rock-Gig, und über bei über 20 neuen Songs macht Blattspielen durchaus Sinn . ) Überhaupt war mal wieder deutlich, dass diese Leute eben keine schnell gecasteten Stars sind, sondern solide Handwerker . 

Danach ein von Thomas Kurzhals extra für dieses Konzert geschriebenes Werk für 3 Keyboarder. Jazzrock per excellence, Weather Report lassen grüßen. Atemberaubende Taktwechsel und Punktierungen ! Wow, das ging aber richtig ab und verlangte von allen Muschkanten höchste Konzentration ! Jäckie gab die Zeichen für die Themenwechsel – ein Genuss ! Respekt ! Wo kann ich das noch einmal hören oder kaufen ? 

Ohne Pause ging es weiter mit Gaby Rückert solo, dann  mit Thomas im Duett.

Zwischendurch immer ein paar erklärende Worte von Thomas zu den Songs und den Interpreten, immer wieder Blumen zum Geburtstag. 

 

Sprachlos saß ich da, als Thomas und Bernd Römer das Instrumental ( Musik zu einem nicht existierenden Film ) spielten – was für eine wundervolle Melodie ! Römer ließ die Gitarre singen wie selten, in sich gekehrt, Augen geschlossen ... 

Inzwischen hatte Gotte die Bühne geentert, und gemeinsam gabs eine kraftvolle Version des Beatles-Klassikers While my guitar gently weeps – ja, die 3 Gitarren weinten wirklich, und uns alten Beatlesfans kamen die Tränen der Rührung. Selten so gut und intensiv gehört – mehr davon ! Und absolut überzeugend Ralf Templin, den kannte ich von den Musikern am wenigsten.

Thomas erinnerte an seine Zeit bei Karat und sang statt wie damals mit Herbert nun mit Claudius Und ich liebe dich.

Was ging in diesem Moment wohl in Thomas vor, was für eine herzzerreißende und dennoch vorwärts weisende Situation. Die lange wortlose Umarmung sagte alles ...

Ein Boogie riß uns aus den Gedanken –es gab generell keinen Leerlauf, keinen Spannungsabriß. Geli Weiz war nun endlich auf der Bühne, Gotte und sie haben auf der aktuellen Solo-CD die Backings gesungen, und es erinnerte mich an die BAP-Tour mit Sheryll Hackett. Geli, warum hören wir dich so selten ...? Am Schluß von Tausendviel, einem der neuen Titel, ließen Geli & Gotte die Vocalisen in Happy birthday to you ( Steve Wonder ) übergleiten – super ! 

Unglaublich danach Gotte, der pur zur Gitarre seine Version der Tagesreise ( Horst Krüger Band ) sang. Hier zeigte sich wieder einmal, dass eine wirklich gute Melodie auch ohne großes Arrangement trägt, dass sie lagerfeuertauglich sein muss. Okay, Gotte hatte einen textsicheren Chor im Publikum, aber das muss man sich erst einmal zutrauen. 

Witzig gings weiter: 2 ehemalige Gründungsmitglieder von Team 4 sangen herzerfrischend zwei Klassiker, einen von den Rolling Stones und einen von Thomas Natschinski. Herrlich schnoddrig und respektlos die Moderation, happy birthday eben ...

Auf in die Schlußrunde mit einem bestens selbstironisch aufgelegten Jürgen Walter ( Auch Männer sind schön ), Vroni mit dem von mir so lang erwarteten Hast du einen Freund und Thomas noch einmal aus dem neuen Album mit Männer weinen nicht. Das Grande Finale war Hey Jude. 

Zwei einhalb Stunden ohne Pause, ohne Hänger, ohne Langeweile. Unfassbar, dass nun doch Schluß war ... 

Hab ich was vermisst ? Ja, ich hätte eigentlich gern etwas aus der Brot & Salz – Zeit gehört und was von den alten Solo-Titeln wie zB Eine Mütze voller Träume. Aber ich glaub schon, dass die Auswahl ohnehin schwer gefallen ist. 

Was bleibt ?

Ein Abend, der nicht nur reich war an musikalischen und musikantischen Höchstleistungen, sondern der vor allem durch eines lebte: durch das Miteinander der befreundeten Kollegen. Da hat keiner dem anderen die Show gestohlen, der Star war Thomas ( obwohl ihm das so gar nicht liegt ) . Diese ungekünstelte Herzlichkeit auf der Bühne, die sich auf das Publikum überträgt und vielfach wieder zurückkommt machten für mich diesen Abend zu einer Kostbarkeit. Denn ich weiß, wir alle wissen, dieses Konzert gab es wirklich nur ein einziges Mal. Dies bedauern nicht nur wir, sondern auch z.B. Thomas Kurzhals, der mir sagte, dass er dieses Set gern noch 3 , 4 mal gespielt hätte ( in Anbetracht des Probenaufwandes ).

Aber sei es drum – es ist halt so. Behüten wir unsere Erinnerungen ! 

Das neue Album war überfällig, und es klingt anders als die bisherigen. Vergleiche mit Westernhagen in seiner guten Zeit und mit Wolf Maahn bieten sich an.

Ich habe nur die Angst, dass es diesem Album auch so ergeht wie den neuen Veröffentlichungen von City oder Dirk Michaelis oder von IC Falkenberg – sie finden nahezu unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

( Und da kann sich Minister Tiefensee zur Henne-Verleihung mit großen Worten aus dem Fenster lehnen – Musikredakteure werden wieder tausend Gegenargumente oder media controll ins Feld führen .... 

Leute, sooo schlecht war die 60:40-Regelung doch gar nicht, oder ? Mir würde heute schon eine 90:10 –Regelung reichen, 90 % Qualität, egal woher, und 10% meinetwegen Castingmüll ... ) 

Als ich ins Auto stieg, zeigte das Thermometer 7,5 Grad C an, aber es kam mir vor wie im Frühling – so viel Wärme ging von diesem Konzert aus.

Dankeschön an alle, die diesen Abend ermöglicht haben. Christine, danke für deine Texte, für deine geglückten Bemühungen, Thomas wieder ins Rampenlicht zurückzubringen ! 

Thomas, so nach und nach kommt es sicher bei dir an, was du dir und uns für einen tollen Abend geschenkt hast !

Bleib gesund !  Ich wünsch dir volle Auftragsbücher und viele ohrwurmverdächtige Kompositionen & bleib so, wie du bist ! 

Auf die nächsten 30 Jahre unserer Freundschaft ! 

Jens Kurze* www.tomsdaddy.de* für www.ostmusik.de 26.10.2007