25.11.2007   Berlin - Stefan Krawczyk

Konzerte Fotos und Bericht von Thomas - vielen Dank Krawczyk
Der November ist mit Jubiläen und Jahrestagen einer gedenk-feierlichsten Monate des Jahres überhaupt, wahrscheinlich weil sich Jahreszeit und menschliches Gedächtnis äquivalent verhalten: grau und trübe.
Um dies etwas aufzuhellen - ohne nun gleich erwarten zu wollen, dass dem in der Kunst der Verdrängung gar (welt-)meisterlich agierenden deutsch-bundes-demokratisch-republikanischem Volke das eine oder andere Licht aufginge - fand man sich, im Gemeindesaal der Zionskirche zu Berlin, ein zur Erinnerung an jenes Datum:

Vom 24. auf den 25. November 1987, eine Viertelstunde nach Mitternacht, dringen Generalstaatsanwalt und Stasi-Mitarbeiter in die Umwelt-Bibliothek ein und überrumpeln die Drucker, die soeben die neuste Ausgabe der Umweltblätter produzieren. Die anwesenden sieben UB-Leute werden festgenommen, die Druckmaschinen konfisziert.

Die "Aktion-Falle" des MfS führt zu zahlreichen Protestaktionen in Berlin, Solidaritätsbekundungen für die Umwelt-Bibliothek kommen aus dem In- und Ausland. Die Verhafteten müssen freigelassen werden. Die Umwelt-Bibliothek kann ihre Veröffentlichungen fortsetzen, erst durch Hilfe von Mitarbeitern der evangelischen Kirche, später durch Spenden von Maschinen, Farbe, Computer und Drucker aus dem Westen. Sie wird über die Oppositionsszene hinaus bekannt und zum Symbol für erfolgreichen Widerstand gegen das Regime.

Innerhalb dieses ganztätigen Exkurses nach ´´Es war ja nicht alles schlecht´´-NOstalgien mittels Zeitdokumenten, Gesprächen und Podiumsdiskussion der knapp einstündige Auftritt von Stephan Krawczyk an diesem Orte (ehemals) gesellschaftlicher und persönlicher Brisanz; unausbleiblich also, das nicht nur Agierenden & Auditorium mitunter eher unbekömmliche Erinnerungswerte den Blutdruck und (Gedächtnis-) Kreislauf  bestimmten...
Der ungebärdige Barde gewohnt souverän in Umgang mit Publikum, Akustik und sprachlicher Brillanz - kein Wunder bei diesem Namen, bedeutet doch die Übersetzung des polnischen ´Krawczyk´ nichts anderes ´´als wie´´ ´Schneider´, die Vorsilbe `Maß´ muß irgendwann im Laufe der Familiengeschichte verlorengegangen sein, denn wie seine im textilen Bereiche tätigen Kollegen - so sie denn Meister ihres Fachs - findet sich auch bei ihm keinerlei Verwerfung, überflüssiges Ornament und blenderischer Zierrat; akkurate Handarbeit, wohin das Ohr sich wendet, sei es beim ´87er ´´Für Freya´´, dem (in-)brünstigen ´´Marie-Lied´´, aktu-älteren Essenzen (´´Waldmensch´´, ´´Fisch Erich´´) oder Vorge- und Erlesenem - natürlich auch aus eigener, scheinbar nie versiegender, Quelle.

Vergleiche mit Elias Canetti, Kurt Tucholsky und/oder der spitzesten aller ZungenFedern, Karl Kraus, liegen auf der Hand - man muß sie nur wahrnehmen, oder - um der Behauptung den Nachweis folgen und den Dichter selba sprechen zu lassen - ihnen mit gebührender Aufmerksamkeit begegnen:

´´
Das Wort steht im Raum und will sich setzen, doch niemand biete ihm einen Platz an. Wir sehen das Wort, und wir sehen die Füße des Wortes, auf denen unmöglich gut zu stehen ist, weil es Hände sind. Die Hände des Wortes - so komisch das klingen mag: Im Raum steht das Wort auf den Händen, womit es uns eigentlich berühren wollte. Aber wir bieten ihm einfach keinen Platz an.
Soll es doch stehen und schwach werden.´´  (aus ´´
Feurio´´, Verlag Volk und Welt, 2001)