Der November ist
mit Jubiläen und Jahrestagen einer gedenk-feierlichsten Monate des Jahres
überhaupt, wahrscheinlich weil sich Jahreszeit und menschliches Gedächtnis
äquivalent verhalten: grau und trübe.
Um dies etwas aufzuhellen - ohne nun gleich erwarten zu wollen, dass dem in
der Kunst der Verdrängung gar (welt-)meisterlich agierenden
deutsch-bundes-demokratisch-republikanischem Volke das eine oder andere
Licht aufginge - fand man sich, im Gemeindesaal der Zionskirche zu Berlin,
ein zur Erinnerung an jenes Datum:
Vom 24. auf den 25. November 1987,
eine Viertelstunde nach Mitternacht, dringen Generalstaatsanwalt und
Stasi-Mitarbeiter in die
Umwelt-Bibliothek ein und
überrumpeln die Drucker, die soeben die neuste Ausgabe der Umweltblätter
produzieren. Die anwesenden sieben UB-Leute werden festgenommen, die
Druckmaschinen konfisziert.
Die "Aktion-Falle" des MfS führt zu zahlreichen Protestaktionen in Berlin,
Solidaritätsbekundungen für die Umwelt-Bibliothek kommen aus dem In- und
Ausland. Die Verhafteten müssen freigelassen werden. Die Umwelt-Bibliothek
kann ihre Veröffentlichungen fortsetzen, erst durch Hilfe von Mitarbeitern
der evangelischen Kirche, später durch Spenden von Maschinen, Farbe,
Computer und Drucker aus dem Westen. Sie wird über die Oppositionsszene
hinaus bekannt und zum Symbol für erfolgreichen Widerstand gegen das Regime.
Innerhalb
dieses ganztätigen Exkurses nach ´´Es war ja nicht alles
schlecht´´-NOstalgien mittels Zeitdokumenten, Gesprächen und
Podiumsdiskussion der knapp einstündige Auftritt von Stephan Krawczyk an
diesem Orte (ehemals) gesellschaftlicher und persönlicher Brisanz;
unausbleiblich also, das nicht nur Agierenden & Auditorium mitunter eher
unbekömmliche Erinnerungswerte den Blutdruck und (Gedächtnis-) Kreislauf
bestimmten...
Der ungebärdige Barde gewohnt souverän in Umgang mit Publikum, Akustik und
sprachlicher Brillanz - kein Wunder bei diesem Namen, bedeutet doch die
Übersetzung des polnischen ´Krawczyk´ nichts anderes ´´als wie´´
´Schneider´, die Vorsilbe `Maß´ muß irgendwann im Laufe der
Familiengeschichte verlorengegangen sein, denn wie seine im textilen
Bereiche tätigen Kollegen - so sie denn Meister ihres Fachs - findet sich
auch bei ihm keinerlei Verwerfung, überflüssiges Ornament und blenderischer
Zierrat; akkurate Handarbeit, wohin das Ohr sich wendet, sei es beim ´87er
´´Für Freya´´, dem (in-)brünstigen ´´Marie-Lied´´, aktu-älteren Essenzen
(´´Waldmensch´´, ´´Fisch Erich´´) oder Vorge- und Erlesenem - natürlich auch
aus eigener, scheinbar nie versiegender, Quelle.
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Vergleiche mit
Elias Canetti,
Kurt Tucholsky und/oder der spitzesten aller ZungenFedern,
Karl Kraus, liegen auf der Hand - man muß sie nur wahrnehmen, oder - um
der Behauptung den Nachweis folgen und den Dichter selba sprechen zu lassen
- ihnen mit gebührender Aufmerksamkeit begegnen:
´´Das Wort steht im Raum und
will sich setzen, doch niemand biete ihm einen Platz an. Wir sehen das Wort,
und wir sehen die Füße des Wortes, auf denen unmöglich gut zu stehen ist,
weil es Hände sind. Die Hände des Wortes - so komisch das klingen mag: Im
Raum steht das Wort auf den Händen, womit es uns eigentlich berühren wollte.
Aber wir bieten ihm einfach keinen Platz an.
Soll es doch stehen und schwach werden.´´ (aus ´´Feurio´´,
Verlag Volk und Welt, 2001) |