Keimzeit 30.04.2006  Gotha

Bericht Thomas Behlert

Irrenhaus in Gotha

Da stand sie also während des Stadtfestes einfach so auf der Bühne: Die musikalische Legende des Ostens, deren Konzerte ausverkauft sind, die mit ihren Texten am Lauf der Zeit rüttelt und so manches Lied für immer in die Köpfe der Fans eingebrannt hat. Sie war nun endlich in Gotha angekommen.

Was im vergangenen Jahr nur heimlich gemunkelt wurde und wegen der Überpräsenz der Band in Thüringen ins Wasser fiel, sollte am Sonntagabend Wirklichkeit werden: Keimzeit in der Kreisstadt. Zu Beginn des Konzertes hatte sogar Frau Holle aufgehört ihr Wasserbett auszuschütteln. Die Berliner Band reihte Gotha in die Clubtournee „Mensch Meier“ mit ein. Dies bedeutete, dass viele Songs erklingen werden, die mehr den Geist aufrütteln und weniger in die Beine gehen. Da zum Gothardusfest alle Veranstaltungen umsonst und draußen sind, kamen viele Zuschauer, die nur bekannte Gesichter sehen oder einfach ihr wichtiges Gesicht präsentieren wollten.

Norbert Leisegang nahm daher schon Rücksicht auf die lauten Gespräche, auf die gelallten Beifallsrufe und auf die sehr kalte Witterung: Er sang mehr und laut, als dass er aus dem Leben plauderte und an die Intelligenz  des Publikums appellierte. Die als „Mensch Meier“ angekündigte Show passte wirklich besser in einen Club, als mitten auf den Marktplatz. da trotzdem viele Feinheiten erklangen und manch Text nur zur Geltung kam, wenn man ihn von der ersten Zeile an verstand. Keimzeit stellten ihr neues Album „Privates Kino“ vor, wobei sie ganz einfühlsam und wunderbar funkig nach Mailand gingen und „Tage ohne Sex“ besangen. Gerne hätte die mitgereiste Keimzeit-Gemeinde gewusst, was passiert wäre, wenn die Gebrüder Leisegang & Co den Song „Rentner“ angestimmt hätten, denn hier heißt es: „Rentner im Rudel nerven“, und: „Rentner schmettern laut und mit Leidenschaft merkwürdige Weisen textsicher im Chor“.

Bestimmt hätten sie sich den Fans in der ersten Reihe angeschlossen und dann sogar den Gilbert Bècaud Titel „Nathalie“ laut und falsch mitgesungen. Keimzeit zeigte aber auch, dass sie mehr als nur ihre Lieder aufführen können. Während des zweistündigen Konzertes sang Norbert einmal in russisch, dann wieder auf englisch und schließlich um 21: 15 Uhr das übernatürliche „Irrenhaus“. Aber nicht nur auf diesen Song warteten die vielen tausend Zuschauer, sondern vor allem auf „Kling Klang“. Hier wurde gejubelt, der Rhythmus mitgeklatscht und sich ganz stolz gefühlt, wenn man mehr als nur die Zeile mit dem zuckersüßen Mund mitsingen konnte. Der Ton Steine Scherben Song „Mensch Meier“, der von Franz Plasa für ein Rio Reiser Tribut-Album produziert wurde, klang herrlich progressiv, aufmüpfig und wie für Keimzeit geschaffen.

Trotz einiger Schwachstellen, geht das Keimzeit-Konzert in Gotha in wichtige Musiklexika ein.