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Heute soll ein Wunder geschehen. Laut Website der Stadt spielen heute Stern Combo Meißen und „Klaus Renft“. Ok, dachte ich mir und erinnerte mich an Bismarck: In Mecklenburg passiert alles hundert Jahre später. Da hat Klaus durchaus noch’ne Chance. Ich erwartete vor Ort angekommen nun auch eine Ordnungsgruppe im Blauhemd, wurde aber enttäuscht. Zwei freundliche Damen in Zivil kassierten Eintritt. In Euro. Also doch Neuzeit! Als ich das Rondell namens Konzertgarten West betrat, fielen mir als bald 2 Möwen auf, die auf dem Bühnendach Platz hielten, mal aufflogen, aber immer wieder kamen. Hm, Möwen tragen die Seelen verstorbener Seeleute in sich. Wenn man den Ozean der Zeit als Meer akzeptiert, sind wir alle Seeleute. Dann könnten die beiden da oben auch Klaus und Pjotr sein. Also geschieht hier vielleicht wirklich ein Wunder. Ich saß, mittig, knapp vor dem Mischpult und machte mich auf allerhand gefasst. Und das war gut so. Die Stern Combo machte den Anfang. Bekanntlich steckt sie in einer ostrocktypischen Krise, die Renft bereits hinter sich haben. Da durfte man auf Überraschungen gefasst sein. Und prompt wurde man bedient. Wunder Nr.1: Brumm, Fiiiep, Klirr. Akustische Mängel bei einem Konzert der Sterne? DAS war wirklich ein Novum. Bitte nicht falsch verstehen: die Herren beherrschen ihre Instrumente, der neue Sänger passt - soweit er zu hören war - stimmlich sehr gut und die Anlage schien ebenfalls vom feinsten zu sein. Aber wer saß da am Mischpult? Der leibhaftige Tinnitus Taub? Ein Technoversehrter der Loveparade? Nur Bass-Boing und Oberton-fiietsch - und die Mitten fehlten. Meistro Kurzhals fingert an den Tasten, hat aber keine Chance gegen Jägers Gong und die Bassdrum. Gottlob braucht die berühmte Vivaldi-Adaption kein Schlagzeug! Die Nummer konnte man genießen. Der ganze Rest konnte SO nicht wirken. Die Möwen auf dem Dach nahmen’s unbeteiligt hin. Ich auch. Nach kurzem Umbau sollten nun Renft folgen. Ich befürchtete Schlimmes. Soeben hatte ich „Also was soll aus mir werden“ in einer Art und Weise hören müssen, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Würde ich nun der akustischen Schlachtung der „Ottoballade“ beiwohnen müssen? Ich schwor mir, nach dem dritten Stück zu gehen, falls sich so etwas anbahnt. Nur noch EIN Legendenverwalter in der jetzigen Besetzung! Kommt jetzt die Doppelpleite des Abends zustande? Renft ganz ohne Tasten! „Nach der Schlacht“ ohne Orgel?! Die Möwen, Klaus und Pjotr, wurden auch nervöser: Kann Monsters Rückkehr all die Verluste ersetzen? ER KANN! Und wie! Der Mann mag altern, die Stimme nicht! Der trägt seinen Künstlernamen zu Recht! Und der Sound stimmte von nun an auch! Da hätten wir also Wunder Nr.2 und 3 des Abends. Spätestens nach dem 3. Stück waren alle Zweifel „fort, fort im Weltenmeer“. Zweifle Nicht! Weine Nicht! Die Behalten Ihr Gesicht! (Ok, sie sehen aus, wie die Bukowski-Brothers, aber das passt zu diesen Songs.) Wunder Nr.4: Alle Stücke klangen frisch, angenehm verjüngt, weil Mr. Piatkowski die Rockweltliteratur plünderte, dass es eine Art hatte! Immer wieder streute er Zitate berühmter Vorbilder in die Songs ein und immer hat’s gepasst: Zwischen Liebe und Zorn klang diesmal in der Mitte überdeutlich nach „Whole lotta love“. In „Nach der Schlacht“ war plötzlich ein Stückchen „Race with the devil“ von The Gun zu erkennen usw. Letzteres ist ja auch schon wieder eine kleine ostdeutsche Legende für sich. Da war also lustiges Rätselraten angesagt: Wieviele Einsprengsel erkennst du? Wofür hatte dieser Könner all die Jahre bei NO55 eigentlich büßen müssen? Und noch etwas bewies diese „Zitierwut“: Renftsongs sind ebenbürtig! Und mehr als das: So lebendig wie Renft in Kühlungsborn wären Deep Purple in Montreux 1996 gern gewesen. (Beim Vergleich Piatkowski/Morse mag Gleichstand gelten, aber Gillan vs. Monster? The winner is: the east-german Grandfather of Rock: Thomas der Leibhaftige!) Um 23.00 Uhr mußte Schluß sein. Ruhebedürftige Hotelgäste würden sonst Veranstalter/Stadt oder sonst wen verklagen. So bekam auch „als ich wie ein Vogel war, der am Abend sang, riefen alle Leute nur: Sonnenuntergang!“ seine alte Bedeutung neu bestätigt. Diese Songs gehören in Stein gehauen. Jede Zeile inzwischen Sprichwort! Die Sonne war um 23.00 Uhr tatsächlich längst schlafen gegangen. Die Möwen natürlich ebenfalls. Die Website Kühlungsborn aber hatte nicht gelogen. „Klaus Renft“ war da! Legenden sterben nie. |