Neues Deutschland 13/14. Januar 1996

 

Momentaufnahmen von Reinhard Lakomy

Almut Schröter

Die 6-Uhr 13 Bahn - CD ist eine Zornscheibe. Sie beginnt mit der Abstimmung über den Einigungsvertrag in der Volkskammer der DDR. Als Sprecherin agiert Frau Dr. Sabine Bergmann - Pohl - mit großem Applaus zum Ausverkauf. Bei den Tönen aus dem Hintergrund wird mir kalt. Es dröhnt, als werde jemand zum Schafott geführt ...

Ein Produzent fand sich nicht. REINHARD LAKOMY musste sich selbst um die Produktion kümmern. Er nahm die CD in seinem Studio auf. Auf der Scheibe von Buschfunk steht sechsmal sein Name. Trotzig, fast wütend wirkt das.

"Ich hätte mir gewünscht die CD wäre mehr ätzend und weniger zornig geworden. Doch die Zeit war nicht so. Hier kam erst einmal der Frust heraus. Man wusste ja damals nicht, wie das weitergeht mit den Leuten, die da aus dem Westen kamen. Wenn ich an diese Inquisitoren denke, wird mir richtig schlecht. Die waren doch da drüben froh, die endlich mal los zu sein, diese dritte, vierte Garnitur, diese Schwachköpfe, diese Flachzangen. Viele haben sich ja dann selbst wegkatapultiert."

Flachzangen. Das ist LAKOMY. Er hat seine Sprache behalten. Sie ist direkt. Was er sagt, kommt weder auf Stelzen, noch auf Knien. Was er denkt, stolpert heraus. Ein Philosoph ist er nicht, er fühlt sich durchs Leben. Jahre hat er gebraucht um zu erkennen, das es zur Gesellschaftsform Sozialismus keine Alternative gibt. Er begründet das an den Zukunftsaussichten, die Kinder dieser Erde auf lange Zeit haben werden. Deshalb will er den einst so hoffnungsvollen und doch gescheiterten Versuch dieser Gesellschaftsform in der DDR nicht am Pranger sehen. Doch der Rückweg ist für ihn kein Ausweg.

"So wie es jetzt ist, bleibt es auch nicht", sagt er. Ein deutsches Land will er akzeptieren, die würdelosen Methoden der sogenannten Einheitspolitik nicht. "Was heißt hier immer Deutschland ist größer geworden ? So ein Schwachsinn. Keinen Quadratzentimeter ist es größer geworden !" Er hasst Worthülsen, andere durchschauen sie auch, glaubt er. "Die Leute im Osten haben inzwischen ein feines Gespür für Verlogenes und Korruptes entwickelt. Sie wissen zwar nicht immer, wie sie es benennen sollen, aber sie fühlen es, und sie wählen danach."

Eine Welle der Sympathie trifft ihn bei Konzerten heute wie früher. LAKOMY badet nicht lange darin, aber er wärmt sich. "Ich bin mir keiner heldentaten bewusst, spüre jedoch immer mehr Zuneigung. Und wenn manche sagen, kiek mal an, der hat `s also wieder geschafft, kann ich nur antworten: Ich lebe vor, das man es auch ohne Arschkriecherei schaffen kann."

Nachleben lässt sich seine Unabhängigkeit nicht so einfach. Bis auf die Anfänge seiner beruflichen Entwicklung war LAKOMY Einzelgänger, der die Nähe der Kollegen nur zeitweise suchte. Obwohl er fast immer auf sich selbst gestellt war, fiel ihm der Wechsel ins neue Deutschland schwer. Der Erfolg hat ihn nicht blind gemacht für die seelischen Nöte anderer. LAKOMY setzt das auf seine Weise um. Er ist kein Politiker. Er wird für andere nicht auf die Tribüne steigen, aber auf die Bühne.

Sang er auch, er fühle sich wie ohne Haut, wenn er Deutschland sage, sein Heimat und Familiengefühl ist stark. Er lebt im Berlin - Blankenburger Haus mit ausgebautem Tonstudio und achtet darauf, dass das Böse draußen bleibt. Ja, es geht ihm gut. Jammern, ohne zu leiden, ist nicht seine Masche. Natürlich weiß er, das Musiker seines Formats im Westen Millionäre sind. Die große Gier befällt ihn deshalb nicht. Liebt er auch den Erfolg, so will er sich die Distanz zum Geldverdienen behalten: " Nie nach dem Motto: Die Moral ist egal !"

Das er so arbeiten, kann bringt Neider. Die kann und will er nicht verstehen. " Dieses fressende Gefühl entsteht doch aus der Unfähigkeit, etwas zu erreichen, was der andere hat. Wenn ich etwas sah, was mir gefiel, habe ich das bewundert und mich angestrengt, um es auch zu bekommen."

Da steht er in der geräumigen Wohnküche, brummt rum. Will das nicht und das nicht, straft Gegenstände und Lebensmittel mit mürrischen Blicken, als hätten sie sich verkehrt herum aufgestellt. Seine Frau Monika Erhardt kann damit umgehen. Er weiß das zu schätzen. Das Besondere ihrer Beziehung ist nicht allein die Liebe. Sie arbeiten auch gut zusammen. Seit 1981 ist die ehemalige Tänzerin freie Schriftstellerin, schreibt sämtliche Texte für die Platten. Monika Erhardt arbeitet auch zu Hause. Aber sie hat Zeit, wenn jemand Hunger verspürt, wenn es an der Tür klingelt, wenn das Telefon schrillt, wenn Tochter Klara - Johanna etwas zu erzählen hat ...

Johanna wird von den beiden abgöttisch geliebt. Es sieht aus, als könne ihr der Vater nichts abschlagen. Künftige Schwiegersohnbewerber verdienen im voraus Mitgefühl, weil sie unter seinem Blick im Erdboden versinken werden. Noch ist Frieden. Johanna ist erst zwölf.

Das Lakomysche Haus atmet Gastfreundlichkeit. Ich bekomme das Gefühl, hier schon gewesen zu sein. Das rührt von der natürlichen Art her, miteinander umzugehen und vom Verzicht auf Statussymbole. Was hier in früheren Jahren geliebt wurde, ist noch da, was das Leben leichter macht, wie eine schöne Küche, wurde neu angeschafft. Auf einem Fensterbrett tummeln sich erzgebirgische Miniaturen ... Auf neureich fährt LAKOMY nicht ab. Aber in den Sommerferien fährt er nach Italien. Auf Elba, wo Napoleon in die Verbannung gezwungen wurde, lässt es sich auch freiwillig gut aushalten. Dort tanken die zwei an Menschen und Natur ihre Seele auf. Ein Privileg, das sie schon vor 1989, durch westliche Verwandtschaft vermittelt, genießen konnten. So sagen sie es auch. Wie bei fast jedem Berliner sitzt bei ihnen die Liebe zu Meer tief.

LAKOMY ist streitbar, manchmal ziemlich unberechenbar. Niemand weiß vorher, ob ein Gespräch mit Schreien, Türenknallen oder Umarmung endet. Langeweile bringt die Zusammenarbeit mit ihm jedenfalls nicht, hört man. Und wer es sich einmal gründlich mit ihm verdorben hat, kann zwar wieder sachliche Beziehungen zu ihm finden, aber an sein Herz kommt der nicht mehr ran.

In seinem Urteil über andere trennt er den Charakter und dessen künstlerisches Können. Veronika Fischer nennt er eine wunderbare Sängerin, aber niemals verzeiht er ihr, das sie nach ihrem Wechsel damals in den Westen erzählt hat, sie musste dauernd Lieder für die Partei singen. "Blanke Anbiederei war das ! Kennen Sie vielleicht so ein Lied ? Na." 1982 hat er sich schon in der "Jungen Welt" so geäußert. Nach dem Ende der DDR schickte ihm jemand anonym den Artikel zur Erinnerung ins Haus. Das wäre nicht nötig gewesen. Sein Gedächtnis ist in Ordnung.

Er hat ja auch nicht vergessen, wie ernsthaft während seiner musikalischen Anfangszeit in seiner Geburtsstadt Magdeburg tonangebende Künstler mit ihm zusammen gearbeitet haben, obwohl er noch so jung war. Jene Jahre zählen zu seinen wichtigsten seines Lebens. Lieder von damals wie "Heute bin ich allein", "ES war doch nicht das erste Mal" oder "Schön ist die Leibe im Wald, Ameisen halt!" sind lebendig. Sein damaliger Textautor Fred Gertz hätte weder vorher noch nachher so gute Texte gemacht. LAKOMY spitzt amüsiert den Mund für ein Zitat aus einem Fanbrief, wo wohl aus einer Pressekritik abgeschrieben worden war: "Die Einheit zwischen Musik, Text und Interpretation ist bei ihnen besonders hoch !" Das wurde unter Kollegen zum geflügelten Wort. Man zog sich gegenseitig auf.

In ein paar Tagen feiert er seinen 50. mit Freunden und Fans im Theater am Bahnhof in Berlin - Karlshorst. Obwohl er nun wirklich kein Jüngling mehr ist, will er weiter für Kinder schreiben. "Wenn man mal in die Grube steigt, will man ja was hinterlassen, das bleibt. Aber erst mal bleibe ich ja selber noch."

Wer Kunst für Kinder macht, braucht den langen Atem. Bei so einer Kinderplatte ist vieles zu bedenken, was bei anderer Musik gar keine Rolle spielt. Da muss sich eine Geschichte abrunden, müssen unterschiedlichste musikalische Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Jede der mitspielenden Figuren braucht neben ihrer unverwechselbaren Rolle ihre eigene Tonart. Nicht wie bei einer Schlagerplatte, wo ein Titel mit dem anderen nichts zu tun hat. Der Komponist sucht sich dafür von jeher gute Partner. bei der jüngsten Produktion "Der Regenbogen" finden sich beispielsweise die Sprechernamen von Gerd Duwner, Eberhard Esche, Ulrike Krumbiegel, Jürgen Thormann, Daniel Morgenroth, Carmen - Maja Antoni, Hans - Peter Reinecke, Edgar Külow und die der begabten Sängerin Ines Paulke und Carmen Hatschi.

1977 war LACKY von der Bühne gegangen, weil er das ständige Wiederholen seiner Titel bei Konzerten nicht mehr wollte. Er beschloss, nur noch für kleine Menschen zu singen. "Das wäre auch so geblieben, hätte sich die Welt um uns nicht in so rasanter weise verändert." Mit den Jahren gewandelt haben sich die Inhalte. Dominierten beim "Traumzauberbaum" Poesie und Harmonie, kamen bei den folgenden Arbeiten zunehmend Konflikte ins musikalische Spiel. Piraten sind hinter goldenen Funktelefonen her, Kreditkarten nehmen sie keine. Liebe, farbiges Leben und Freundschaft machen sich stark gegen Gier, Machtsucht, Anbiederei und Gewalt. Aus den Geschichtenliedern sind Hörspiele und Bühnenstücke geworden. Mit ihnen sollen sich Kinder spielend auseinandersetzen, sollen lernen, wie man sich schützt, was man liebt. Kunst lässt sie gedanklich üben, wehrhaft zu sein.

Die nächste Platte wird "Josephine, die Weihnachtsmaus" heißen. Doch zunächst muss eine Bühnenmusik für Sternheims "Hose" fertig werden. Am 1. Februar ist Premiere im Berliner Theater "Tribüne".

Es sind auch schon Pläne gestorben. "Ich wollte ein Tonstudio für Zeitgenössische Musik bauen, zog im letzten Moment die Notbremse. Es wäre mein Ruin gewesen. Zwei Millionen hätte das gekostet, ohne Technik. Dabei will ich diese Musik nicht für die Elite machen, sondern sie normalen Musikfreunden nahe bringen. Sie ist spannender, als man annimmt, nur leider oft sehr unfachmännisch aufgenommen."

Herausforderungen ? Ein Reizwort. "Man kann ja gar nicht mehr herausfordern. Wen denn ? Wie denn ? Die Gesellschaft lässt sich doch nur noch durch Dinosaurierfilme locken, wo nach Möglichkeit auch der Gestank des Dinosauriers durchs Kino weht." Zornig spricht er vom Wechselspiel zwischen Medien und Publikum. Davon, das für ihn nur Herausforderung sein kann, was eben noch nicht gibt. "Die Manager in den Plattenkonzernen sind in meinem Alter und im Westen mit Micky Mouse aufgewachsen. Die sagen, was für sie gut war, kann heute auch nicht schaden. Das ist auch ökonomisch ziemlich kurzsichtig. Kunst für Kinder hat Langzeitwirkung. Mit dem Struwelpeter wird heute noch eine Menge Geld verdient."

Der "Traumzauberbaum" zählt jetzt 18 Jahresringe. bei seinem Erfinder regt sich bis heute kein Zweifel, das es in dieser Art bis in den letzten Erdenwinkel etwas Besseres für kleine Menschen geben könnte. "Die Leute in Konzernen haben ja keine Ahnung. Wenn einer den Geschmack einer Frucht nicht kennt, wird er sie nicht kaufen, sie anderen nicht empfehlen. Aber da gibt es eine Strategie, alles, was aus dem Osten kommt, zu ignorieren."

Grinsend haben LAKOMY und Kollegen einmal sogar festgestellt, das eine Zeitschrift mit drei Berichten über Ostkünstler nur im Ost Berlins verkauft wurde. Ein paar Strassen weiter im Westen waren sie durch Werbung ersetzt worden. " Der de-Luxe-Leser sollte damit nicht belästigt werden. Uns werden dagegen die Eß - und Schlafgewohnheiten pubertärer Hohlköpfe selbstverständlich zugemutet. Prima Einheit !"

Polydor unternimmt inzwischen dank der Bemühungen der Berliner Media Online Kindershow zaghafte Schritte auf LAKOMY zu. Seine CD `s sind im Handel. Man muss eindringlich danach fragen. " Denk bloß nicht, das ich heule, das ah doch nur danach aus. Die Seele hat `ne Beule, doch die krieg ich wieder raus" ( Der Regenbogen ). Hat LAKOMY seine Seele schon ausgebeult ? Eine Nachfolgerin der Zornscheibe von 1993 wird es jedenfalls geben. Da köchelt was. Ein Flachzangentango ? Verschwörerblick zur Texterin, verraten will er nichts.

Lachen ist eine Macht, vor der die Größten dieser Welt sich beugen müssen, sagt ein Dichterwort. Da lockt also doch wieder eine Herausforderung. "Kaputtlachen muss man sich doch über die Typen, die heutzutage hier so rum rennen." Ja, und ? Vielleicht können wir mitlachen.