Lift Presse 2003

Neues Deutschland 27.01.2003

Finden wir uns neu!

Martin Hatzius

 

30 Jahre LIFT – Frontmann Werther Lohse über die Geschichte der Ost-Rocker 

Am 28. Januar 1973 gründete sich in Dresden die Gruppe LIFT. Mit melodisch-lyrischen Rockballaden eroberte sie die Herzen ihrer Fans und wurde zu einer der bedeutendsten Bands der DDR. Anlässlich des 30. Jubiläums sprach Martin Hatzius mit Sänger Werther Lohse.

Von den heutigen Bandmitgliedern sind Sie am längsten bei LIFT aktiv, seit 1974. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
Lohse:  Es war toll, mit so vielen Kollegen zusammenspielen zu können, die Besetzung hat ja oft gewechselt. Trotzdem sind unsere Songs immer irgendwie erhalten geblieben. Natürlich haben sie sich im Laufe der Jahre auch verändert, aber nicht in ihrer Substanz. Sie haben sich ein bisschen dem Zeitgeschmack angepasst. Das heißt aber nicht, dass wir heute Techno machen, sondern vielleicht, dass unsere Balladen etwas sparsamer geworden sind.

Hat sich der häufige Besetzungswechsel auf die Musik ausgewirkt?
Eigentlich nicht. Unser Stil ist immer erhalten geblieben. Wie die Songs konkret klingen, hängt aber mit den jeweiligen Interpreten zusammen. Ein wirklicher Einschnitt war der tödliche Unfall zweier Bandmitglieder im Jahr 1978, aus menschlicher, aber auch aus ganz pragmatischer Sicht. Da der damalige Bandchef ums Leben gekommen war, mussten viele Dinge ökonomischer Art geklärt werden, bevor es weitergehen konnte. Das hat ein halbes oder dreiviertel Jahr gedauert.

Welche Lieder kommen heute beim Publikum am besten an?
Es gibt viele Songs, die die Leute auf Konzerten komplett mitsingen: »Wasser und Wein«, »Am Abend mancher Tage«, »Nach Süden« und andere mehr. Obwohl es auch viel Neues gibt, sind es in der Regel die Titel, die in den Siebzigern oder Anfang der Achtziger erschienen sind.

Wie hat sich das Ende der DDR auf Musik und Arbeitsbedingungen der Band ausgewirkt?
Als die Wende kam, dachte ich, die Ostmusik hätte sich erledigt. Viele Gastspieldirektionen, Konzert- und Klubhäuser verschwanden einfach. Das betraf alle Ostbands, außer Karat und vielleicht die Puhdys, die auch im Westen bekannt waren. Das Publikum war Ende der Achtziger ziemlich platt davon, immer dasselbe vorgesetzt zu bekommen. Die Leute wollten sich im Westen erst mal umgucken, was es noch so alles gibt. Aber dann haben sie sich ziemlich schnell auf die Vergangenheit besonnen. Schon ab 1993 gab es wieder ein großes Interesse.

Wie erklären Sie sich das?
Es ist erstaunlich, aber viele Menschen verbinden mit unserer Musik wirklich sehr persönliche Erlebnisse. Ich höre immer wieder von Leuten, die dieser Titel an ihre Hochzeit erinnert oder jener an die Geburt ihres Kindes. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir immer sehr viel Wert auf die Sprache, die textliche Aussage der Songs gelegt haben. Wie die anderen Ostbands mussten wir ja gezwungenermaßen deutsch singen und hatten immer mit dem Lektorat im Rundfunk zu kämpfen. Wir konnten die Probleme, die wir sahen, nicht direkt aussprechen. Unter diesen Voraussetzungen hat die Suche nach versteckten Aussagen eine wichtige Rolle gespielt. Ich glaube, dass die Art der Lyrik, die sich dabei herausgebildet hat, heute wieder angesagt ist. Das sieht man ja auch am Erfolg der neuen Platte von Grönemeyer. Solche Texte haben wir vor 25 Jahren auch schon gemacht. Wenn LIFT nicht diese musikalische und textliche Zeitlosigkeit hätte, würde es uns schon lange nicht mehr geben.

Haben Sie auch Fans im Westen?
Wir spielen sehr selten im Westen. Es gibt da vereinzelte Radiosender, die sich für Ostmusik interessieren. Aber ich glaube schon, dass das Publikum, das uns kennt, im Osten ist. Heute ist alles kommerziell ausgerichtet, und die Konzerte müssen sich tragen. Es hat keinen Sinn, im Westen vor leerer Hütte zu spielen. Eigentlich ist es mir auch egal, ob ich in Stuttgart die Leute erst überzeugen muss oder die Fans in Leipzig schon habe. Wir sind 20 Jahre lang von Suhl bis Rügen und zurück getourt, und das machen wir heute auch wieder. Na und? In Bayern gibt es schließlich auch regionale Bands.

Wie werden Sie Ihr Jubiläum feiern?
Es wird das ganze Jahr über Konzerte in verschiedenen Regionen geben. Los geht es am 28. Januar im Klub »Neu Helgoland« am Berliner Müggelsee. Da haben wir eine Zusammenkunft mit vielen Kollegen aus der damaligen Zeit geplant. Wie ein Klassentreffen, aber in Form eines öffentlichen Konzerts. Neben LIFT werden auch electra und Stern Meißen auf der Bühne stehen, mit denen wir gemeinsam den »Sachsendreier« bilden. Veronika Fischer musste leider absagen, aber Reinhard Lakomy wird kommen und viele andere Freunde.

Welche Pläne haben Sie für die nähere Zukunft?
Nach dem Erscheinen unserer Live-CD »Unplugged« vor anderthalb Jahren sind wir im Moment dabei, eine neue Studioplatte zu produzieren, die hoffentlich noch in diesem Jahr herauskommt. Außerdem haben wir eine neue Single, die bald auf dem Markt zu haben sein wird. Ihr Titel ist gleichzeitig unser Jubiläums-Motto: »Finden wir uns neu!«