Ostmusik.de
Leseprobe aus „Der Ostrock ist tot… Es lebe der Ostrock!“ Mit freundlicher Genehmigung von Frank Flemming
Im Jahr 1993, fast vier Jahre nach dem Fall der Mauer und drei Jahre nach dem Beitritt des kleinen zum großen Deutschland singt Veronika Fischer eine Komposition von Franz Bartzsch mit einem Text von Kurt Demmler ein. Sie heißt Es war ein Land und enthält in ihren 2:04 Minuten inhaltlich und musikalisch all das, was den so genannten Ostrock ausmacht: Man hört eine ausgebildete, klare Stimme zu einer von Klavier und Streichern gespielten Ballade und lauscht einem Text, der das Befinden des größten Teils der Menschen dieses untergegangenen Landes treffsicher und mit wenigen Worten schildert: „Es war ein Land, mein Land Mir so verwandt Dass ich weinte, als ich es verlor Es war ein Land, mein Land Und war es doch nicht mehr Als es die Menschen band an sich Mit Macht und Hinterlist Ich hab’s geliebt, gehasst, geliebt, gehasst Doch nie war es mir gleich! Es war mein Land, kein Land So schnell wie es verschwand Von einem Tag zum anderen Dass kein Mensch es wiederfand Es war ein Land, gebaut auf Sand Und einem Traum Und als das Land verschwand Blieb nur der Traum, auf dem es stand.“ Auf mich wirken diese Worte wie ein Schlussakkord: die drei Großen des DDR- Rock - Fischer, Bartzsch und Demmler - setzen ihn. Schon damals bei seiner Veröffentlichung 1993 und auch jetzt, weitere 28 Jahre nach Entstehung dieses kleinen Meisterwerkes, stellt sich die Frage, was von alldem heute noch erinnerungswürdig und bewahrenswert ist. Viel ist in der Zeit nach der sogenannten Wende über Politik, Planwirtschaft, Alltagsleben, Recht und Unrecht, Schule, Armee, Erziehung, Überwachung, Freud und Leid und eben auch über Beat, Rock und Popmusik aus der DDR und den sogenannten Bruderländern geschrieben worden: Das „Rocklexikon der DDR“ von Götz Hinze1 listet alle wichtigen Bands, Interpreten, Texter, Radiosendungen und Begriffe rund um den Ostrock auf. Birgit und Michael Rauhut haben alle Veröffentlichungen des einzigen Schallplattenlabels Amiga für den Bereich Rock- und Popmusik von 1964 bis 1990 in Buchform veröffentlicht .2 Im Interviewbuch „Du hast den Farbfilm vergessen“ 3 äußern sich einige der wichtigsten Vertreter des DDR-Rock mit vielen interessanten Episoden zu Geschichte, Musikeralltag, Erfolgen und Rückschlägen innerhalb dieser Szene. Zahlreiche Biografien von bzw. über Renft, Puhdys, Karat, Veronika Fischer, Cäsar, Reinhard Lakomy, City, Stern-Meißen/Lift/electra als „Sachsendreier“ und Bands aus den sogenannten Bruderländern Ungarn, Polen und Tschechien sind erschienen. Nicht zu vergessen ist die von 2004 bis 2017 in zweimonatlichem Abstand wiedererschiene Zeitschrift „Melodie und Rhythmus“. Sie lieferte zumindest im Zeitabschnitt bis 2009 beste Informationen zur aktuellen Entwicklung des Ostrock, Christian Hentschel sei gedankt. Doch wer will schon ausschließlich über Musik lesen? Musik ist ja eigentlich zum Hören da. Zum wieder und wieder hören. Das konnte man im Osten bis 1989 nur vom Medium Schallplatte oder von selbst mitgeschnittenen Tonbandaufnahmen. Als nach der Wende auch CDs in ostdeutschen Haushalten Einzug hielten, erschien natürlich auch einiges aus dem Bereich Ostrock auf diversen Samplern bei „Mediamarkt“, „Mc-Donalds", „FF-Dabei“, „Super-Illu" und anderen als „Beigabe“. Hier wurde meist wahllos zusammengestellt und Ostrock für eine schnelle Mark regelrecht verramscht. Anspruchsvoller und interessanter waren dann die ab 1995 erschienen CD-Sampler „Beatkiste“ und „Notenbude“, sowie die 1998 erschienene und thematisch geordnete 16-CD-Box „TD64-Story“. 2008 erfolgte dann endlich unter der ordnenden Hand von Jörg Stempel die Veröffentlichung der CD-Box „Amiga-Hit-Collection“ sowie in jüngster Zeit die Wiederveröffentlichung diverser Vinyl-Amiga-Alben. Vieles davon, jedoch nicht alles, kann man sich zudem über Amazon oder iTunes anhören, bzw. digital oder eben auch „körperlich“ erwerben. Das ist tröstlich, denn es zeigt, dass es für Ostrock scheinbar noch immer einen Markt gibt. So ist nach Kurt Demmlers Worten zwar ein Land verschwunden, dass kein Mensch mehr wiederfindet, die Musik, die in diesem Land entstanden ist, verschwand jedoch nicht. Sie wird immer noch durch Auflegen alter Vinyl-Schallplatten gehört, mehrheitlich jedoch als CD oder Download neu- oder nacherworben. Was macht eigentlich den Reiz dieses Genres aus? Im internationalen Vergleich, das heißt den deutschen, englischen oder gar amerikanischen Single-Charts spielte er keine Rolle 4/5. Abgesehen von ein paar wenigen Platzierungen von Frank Schöbel mit Wie ein Stern (Platz 37 in 1971), Jürgen Hart mit Sing mei Sachse, Sing! (Platz 56 in 1980) und Karat mit immerhin 5 Titeln von 1981 bis 1990 findet Musik aus dem Ostblock imWesten Deutschlands kaum statt. Leider - das sei wiederum grundsätzlich vorangestellt - war nicht alles, was da aus den Boxen und Kopfhörern in unsere Ohren gelangte, aufrührerisch, tiefsinnig und originell. Im Gegenteil, das Wenigste davon ist heute noch hörenswert, hat heute noch Bestand. Und somit kommen wir also zum Kernpunkt dieses Buches: Wir wollen herausfinden, welche aus der Fülle der in der Zeit von 1960 bis 1990 bei Rundfunk und Platte produzierten Titel wirklich hörenswert sind. WelcheWirkung sie bei Erscheinen und heute auf uns hatten bzw. haben. Welche Erinnerungen sie wecken. Welche Bedeutung sie für nach uns folgende Generationen haben könnten. Es geht somit um Fragen wie: Was ist Ostrock? Was brachte er an „guter“ und „schlechter“ Musik hervor? Soll heißen: Was ist heute noch hörenswert, was nicht? Welche Rolle spielten die nationalen Hitparaden? Welche Titel waren die wirklichen Nummer-1-Hits? Welchen Einfluss hatte die Westmusik auf den Ostrock? Gab es dreiste Plagiate?Wer schrieb die besten Songs?Wer schrieb die besten Texte? Lebt der Ostrock auch nach dem Untergang der so genannten sozialistischen Staatengemeinschaft - gemeinhin Ostblock genannt - als eigenständige Musikform weiter? Ich habe lange darüber nachgedacht, welchen Ansatz man zur Beantwortung oben genannter Fragen wählen sollte. Einen rein wissenschaftlichen sicher nicht. Dafür sind die mit dem notwendigen kulturhistorischen und philosophischen Wissen ausgestatteten Kritiker und Musikwissenschaftler zuständig. Stattdessen will ich versuchen, mit Hilfe der eingangs erwähnten Literatur, vor allem aber aus eigenem Erleben als Hörer, Fan und aktiver Rockmusiker und Texter oben genannte Fragen kritisch, jedoch objektiv zu beantworten. 1970 –War da schon was? Niemen aus Polen und Omega aus Ungarn haben es uns also vorgemacht: Rockmusik in der Muttersprache ist machbar und kommt an! Es muss also nicht unbedingt in Englisch gesungen werden. Dies bewiesen Omega mit ihrem 1970 erschienen Folgealbum Auf der nächtlichen Landstraße erneut. Wenigstens vier Titel davon sind auch heute noch hörenswert: − Auf der nächtlichen Landstraße (Az Ejszakai Orszagüton), platziert in der „Beatkiste" 1970, − Oh Barbarella, platziert in der „Beatkiste“ 1971, − Nur ein Wort (Van Egy Szo), platziert in der „Beatkiste" 1971 und − Sie ruft alle Tage herbei platziert in der „Beatkiste" 1972. Auch „im Untergrund“, d.h. auf den Tanzsälen der DDR darf wieder gerockt werden. Belege hierfür sind die Neugründung von Bands wie der Klaus-Renft- Combo aus Leipzig (1968), Joco-Dev (1967) und den Puhdys (1969) aus Berlin, dem Dresden-Sextett (1969) und electra (1968) aus Dresden oder den Nautics (1969) aus Erfurt. Einen authentischen Zustandsbericht zum Live-Betrieb dieser Zeit liefert uns hierzu Stefan Trepte: „Die Leute, das Publikum, das war ein ganz anderes als heute. Die waren mit dieser Szene verbunden, die waren zufällig keine Musikanten geworden, aber die waren wie eine Familie, wie ein Herz und eine Seele, was man heute nur bei ganz großen, gelungenen Konzerten noch findet. Du konntest in jeden Saal kommen, das war ein herrliches familiäres Gefühl zwischen Publikum und dir als Musiker – du hast dich ja überhaupt noch nicht getraut, so zu nennen. Du warst eben einfach in ´ner kleinen Band und hast Musik gemacht, und hast den Leuten eigentlich das, was sie gerne selbst hätten machen wollen, mehr schlecht als recht, irgendwie dargeboten. Und das trug zu einem unheimlichen Selbstbewusstsein bei. Du hattest riesigen Erfolg – ich habe dort Säle erlebt da haben wirklich Hunderte voller ekstatischer Begeisterung gerast, voller Glückseligkeit, möchte ich mal sagen, aber ehrlich! Da war an hervorragenden Sound oder exzellente musikalische Leistung oder Qualität noch gar nicht zu denken. Das war nicht etwa, weil sie nun hingekommen sind und sich abreagieren mussten – die Zeit war so, das war das, was die Leute gebraucht haben zu der Zeit und das ist gekommen.“ Die Produzentin Luise Mirsch berichtet aus diesen Tagen über die Talentsuche: „Wir organisierten in den Sendesälen oder den Kulturhäusern sogenannte Vorspiele und dadurch stießen wir eben auf die ersten Gruppen, das war z.B. in Greifswald das Baltic-Quintett mit Wolfgang Ziegler an der Spitze, in Weimar hörten wir die Nautics, später Kerth und Bayon und in Dresden hörten wir das Dresden-Sextett. Davon kriegte wiederum electra Wind. Und Modern-Soul, das war - glaube ich - schon 1968/1969, hatten sogar schon eigene Lieder: Unser Haus und Unsere Stadt zum Beispiel, das wurde dann bei uns auch produziert.“ Sogar das Fernsehen der DDR beteiligt sich mit insgesamt acht - von Ende 1969 bis Mitte 1972 in unregelmäßigen Abständen - ausgestrahlten Sendungen unter dem Titel „Die Notenbank“ an der Popularisierung deutschsprachiger Rockmusik. Initiator ist der bereits 1964 mit einem Film über Achim Mentzels Diana-Show-Quartett in Erscheinung getretene Bernd Maywald. Ende 1969, Anfang 1970 steigt die Gesangs-Studentin Veronika Fischer bei der Tanzband Fred-Herfter-Combo aus und bei Stern-Combo-Meißen ein. Neben Ein Tag in der Stadt werden noch weitere, jedoch nie veröffentliche Titel produziert. Vroni wird 1971 wiederum von Panta Rhei abgeworben. Leider bekommt das dafür zuständige Schallplattenlabel Amiga von dieser „Untergrundbewegung“ kaum etwas mit. Die veröffentlichen zwar je zwei Singles der polnischen Band Skalden und von den Roten Gitarren (plus LP), sowie eine weitere LP von Thomas Natschinski und Theo Schuhmann; wirklich Bemerkenswertes ist allerdings nicht dabei. Einzig auf der 1970 produzierten Horst-Krüger-LP sind zwei - wenn auch schlagerhafte - interessante Titel: Wirst du gehen und Hast du vielleicht geweint. Was Amiga nicht packte, versuchte also der Rundfunk mit der Sendung „Franks Beatkiste“, einer nationalen wöchentlichen Hitparade, moderiert von Frank Schöbel und einer groß angelegten republikweiten Talentsuche auszugleichen: Unter der Leitung der Musikproduzentin Luise Mirsch durften Amateur-Bands ihre eigenen Titel nach vorheriger Auswahl in den Studios der 14 Bezirke produzieren. Neben musikalischer Originalität und Beherrschung der Instrumente machte man allerdings deutsche Texte zur Bedingung, was vielen Bands zunächst zuwider war. Eigentlich - so die landläufige Meinung - ging Beatmusik in Deutsch gar nicht! Dass es dann doch ging, beweisen die vielen von Gerulf Pannach, Kurt Demmler, Wolfgang Tilgner, Ingeborg Branoner, Jan Witte, Bernd Maywald, Joachim Krause und anderer geschriebenen Texte für Bands in den 1970er Jahren. Hierzu nochmals Luise Mirsch: „… im Vorfeld gab es schon Demobänder, die wurden gehört und dann wurde über die Komposition, über den Text usw. geredet. An und für sich bemühten sich auch die Tonmeister, die Soundwünsche der Künstler oder der Rocker zu erfüllen, weil sie instinktiv fühlten, dass sich die Musiker umhörten, genau Bescheid wussten, die internationalen Platten hatten… Da gab’s nicht so eine Rechthaberei… Und eigentlich haben die Tonmeister auch durch die Rocker viel gelernt, genau wie wir Produzenten. Da wir alle noch am Anfang standen, war das eine gute Teamarbeit. Es ging darum, mit unseren Mitteln das Bestmögliche aus der Sache zu machen.“ 3„…wir Rockleute nutzten eigentlich die Nächte. Das ging dann nachts um zehn los und dauerte bis zum nächsten Morgen sechs Uhr früh. Wir arbeiteten nachts und am Wochenende, praktisch immer dann, wenn die Musiker aus den anderen Bereichen (Tanzorchester, Sinfonieorchester, Rundfunksender) in den Studios nichts zu tun hatten.“ Auszug Kapitel 12 Ostrock im Radio Wie sah also die Sendelandschaft bzw. das Sendeangebot der DDR-Sender in den 1970er Jahren für Jugendliche bzw. Rockmusik interessierte Bürger aus? Sieht man von einer ab dem 01.12.1961 immer freitags gesendeten einstündigen Sendung namens „Abend der Jugend“ bei Radio DDR ab, gab es erst während des Deutschlandtreffens im Mai 1964 - bzw. am 29.06.1964 erstmals ausgestrahlt - eine regelmäßige Jugendsendung: das „Jugendstudio DT 64“ des Berliner Rundfunks, wochentags von 16 bis 19 Uhr. Diese wurde jedoch gleich Ende 1965 musikalisch „von oben“ entschärft. Erst ab 1970 lief dann dort wieder verstärkt Beatmusik. Mit der Umbenennung des „Deutschlandsenders“ in „Stimme der DDR“ im November 1971 wurde auch dessen Sendeprofil jugendlicher. So konnte man Anfang der 1970er Jahre wochentags von 16 bis 19 Uhr „Jugendstudio DT 64“ auf Berliner Rundfunk hören, danach auf Stimme der DDR umschalten und von 19.12 Uhr bis 20.30 Montag, Mittwoch und Freitag „Hallo - Das Jugendjournal“ hören. Beide Sendungen waren jedoch eher politisch ausgerichtet und nicht mitschneidefreundlich. Reine Musiksendungen und somit mitschneidefreundlich waren auf Stimme der DDR zur gleichen Sendezeit jeweils dienstags „Die Notenbude“ und donnerstags „Die Beatkiste“. 1972 kam jeweils dienstags um 18 Uhr das „DT-Metronom“ als mitschneidefreundliche dritte nationaleWertungssendung hinzu. Die einzige zeitliche Überschneidung von relevanten Radiosendungen ergab sich donnerstags: während die „Beatkiste" lief, konnte man ab 20 Uhr auf Radio DDR I auch die „Musikalische Luftfracht“ hören. Samstags wurde „Hallo - Das Jugend-Journal“ von 14 bis 16 Uhr ausgestrahlt. Danach lief auf Radio DDR I die bereits erwähnte zweite Wertungssendung „Tipp-Parade“ und um 19.12 Uhr konnte man dann auf Stimme der DDR bei „Vom Band - fürs Band“ perfekt mitschneiden. Sieht man von „Hallo – Das Jugendjournal“ ab, welches sonntags zu nachtschlafender Zeit von 9 bis 11 Uhr lief, war in den 1970ern an diesem Wochentag „Ruhe im Karton“. Wahrscheinlich dachte man, dass die DDR-Jugend sonntags wichtigeres zu tun hat, als Beat-Musik zu hören. Mit Aufkommen der ersten Diskotheken lief erstmals am 19.07.1973 immer donnerstags innerhalb von Jugendstudio DT64 „Die Podium-Diskothek“ als Mitschneideservice für Diskotheker. Die Sendelisten sind bis 1989 vollständig in der Broschüre „In Sachen Disko“10 veröffentlicht und dienten als fundierte Quelle für die im Anhang befindliche Titelliste des Ostrock. Zusätzlich zu oben genannten Sendungen wurde Mitte der 1970er Jahre wochentags von 15 bis 16 Uhr die Sendung „Duett - Musik für den Rekorder“ auf Berliner Rundfunk neu ins Programm aufgenommen. Hier war ausnahmsweise mal 50:50 angesagt, denn es wurde jeweils eine Ost- und eineWestband kurz porträtiert und gespielt. Am 05.03.1976 kam mit der „Tipp-Disko“ jeweils freitags 20.05 Uhr die vierte nationale Wertungssendung hinzu, in welcher 13 Ostrock-Titel platziert waren, jedoch auch ein Beatles-Titel vernünftig mitgeschnitten werden konnte. Insgesamt gesehen ging es also in den 1970er sowohl mengenmäßig als auch qualitativ stark bergauf im Rundfunk der DDR. Rückblickend erscheinen mir die Jahre ab 1971, in denen auch ungarische und polnische Bands präsent waren, musikalisch interessanter und vielfältiger. Ende der 2. Hälfte der 1970er glaubte man jedoch, auch ohne die „Brüder“ ganz gut zurecht zu kommen. Ab 1980 fand Ostrock in den Medien nur noch national statt, was ich persönlich sehr schade finde. Da sich der Musikmarkt in den 1970ern international und auch national immer mehr ausweitete, war das Mitschneiden vom Radio auf Tonband-Kassetten ein zu teures Unterfangen geworden. Wer keine Westbeziehungen hatte, wo Kassetten im 10er-Pack schon für 12 bis 15 DM zu haben waren, stieg letztendlich doch auf das gute alte Spulentonband um. Beliebt waren dabei tschechische Geräte der Firma Tesla. Mit einer großen Bandspule (540 m) von ORWO konnte man bei normaler Bandgeschwindigkeit (9,5 cm/sec) für 32 Mark drei Stunden Musik in Stereo aufnehmen, zahlte also nur ein Drittel des Kassettenpreises. Eine der informativsten Rock-Sendungen startete 1980 zu einer Sendezeit, die der interessierten „werktätigen Bevölkerung“ einiges abverlangte: „Trend - Forum populärer Musik“, sonntags ab 22 Uhr auf Berliner Rundfunk. Sie wird in Götz Hintzes „Rocklexikon der DDR“ zurecht als „Flaggschiff des Musikjournalismus der DDR“ 1 bezeichnet und behandelte ausführlich und kritisch Trends der Musikentwicklung in Ost undWest. Bis 1985 kamen in der DDR-Radiolandschaft keine neuen Jugendsendungen mehr hinzu. Ab März 1986 jedoch hatte die „Kurbelei“ am Senderwahlknopf meines Radios - Stationstasten wurden gerade eingeführt - endlich ein Ende: Erstmalig und einmalig für den gesamten Ostblock wurden fast alle oben genannten Sendungen und Redaktionen zu einem neuen Sender, dem „Jugendradio DT64“ zusammengeschlossen. Um ein anfangs 11-stündiges durchgehendes Programm zu gewährleisten, wurden weitere neue Sendungen wie „Morgenrock“, „Für Euch nach zwei“, „TonArt“, „Countrythek“ und andere ins Programm aufgenommen. Samstags nachmittags wurden die neuesten Hits aus den amerikanischen und englischen Charts vorgestellt und Platzierungen genannt. Spätestens mit der Ausweitung auf ein 24-Stunden-Programm brachen für uns Hörer paradiesische Zeiten an. Man muss sich das aus heutiger Sicht einfach nochmal vor Augen halten: Keine Werbung, keine Verkehrsmeldungen, keine vor Dummheit und Einfältigkeit strotzenden Zwischenmoderationen, keine von der Musikindustrie vorgegebene und ins Rotationsprinzip gepresste Musikauswahl! Dafür gab es informative, gut recherchierte und locker vorgetragene Textbeiträge und viel - nach heutigen Verhältnissen - unendlich viel Musik! „Schon Monate vor der Wende erwiesen sich die Macher des Senders als überaus kritisch und entwickelten sich zu einem akzeptierten Begleiter eines nicht unerheblichen Teils der DDR-Jugend. Als 1991 der Sender zu Gunsten der Frequenz von RIAS 1 abgeschaltet werden sollte, hagelte es Proteststürme der Hörer, die in einem Sitzstreik vor dem Funkhaus in der Nalepastraße und anderen Demonstrationen unter anderem in Dresden, endeten“1, schreibt Götz Hintze. Genützt hat es nicht viel. Am 31.12.1991 wurde der DDR-Rundfunk abgewickelt. Damit verschwand der Ostrock fast komplett und endgültig aus der öffentlichen Wahrnehmung. Zwar kann man im heutigen „Dudelradio“ hin und wieder mal einen Osttitel der 1970er oder 1980er hören, die Auswahl beschränkt sich jedoch gefühlt auf 20 bis maximal 30 Titel, sprich immer wieder dasselbe. Im Gegenzug darf man dafür saftige Rundfunkgebühren berappen. Dass da viel mehr war, zeigt meine im Anhang befindliche Titelliste mit mehreren tausend Notierungen sowie die mit einem bis sechs Sterne ausgewiesene - wenn auch subjektive - Auswahl von auch heute noch hörenswerten Empfehlungen. Kapitel 34 Sommer 1978 – Von Stars and Stripes und Gummiknüppeln Wir waren eine Band – eine Band im ursprünglichen Sinne des Wortes: eine Bande eben. Wir waren vier wirkliche Freunde und um unsere Band herum hatte sich wiederum eine Gruppe Gleichaltriger und Gleichgesinnter geschart, die sowohl Fans der Band als auch unsere eigenen Freunde waren. Eine solche Gemeinschaft nannte man damals auch „Clique“, wobei dieser Begriff Ende der 1970 noch positiv besetzt war. Wer zu unserer Clique gehören durfte, wurde von uns allen gemeinsam, gewissermaßen aus dem Bauch heraus entschieden. So hielten wir uns lästige Schmarotzer und Dummschwätzer vom Leibe. Wir hatten uns im Heuboden unseres Hauses einen großen Gemeinschaftsraum eingerichtet, den wir „Club“ nannten und in welchem wir Feierlichkeiten wie Geburtstage, Verlobungen oder Silvester durchführten. Zur Ausstattung unseres Clubs zählten neben den üblichen Sitzgelegenheiten natürlich Poster, selbst entworfene Wandbilder und Sprüche, die heute als Graffiti durchgehen würden sowie ein altes Harmonium. Da wir über einen illegalen Stromanschluss verfügten, konnten wir im Winter elektrisch heizen, die Verstärkeranlage aufbauen oder einfach ungestört unsere Musik hören. Nein, wir brauchten keinen von der staatlichen Jugendorganisation des FDJ geleiteten „Jugendclub“, keine Wandzeitung, keine Ordnungsgruppe, keine politischen Schulungen… Wir machten unser eigenes Ding. Zu besten Zeiten gehörten unserer Clique 18 Leute an und wenn wir zweimal im Jahr mit dem Zug zur Leipziger Messe fuhren, war da schon mal ein Raucherabteil eines Wagons der Deutschen Reichsbahn komplett durch uns belegt. Natürlich hatte immer einer eine Gitarre dabei und so sangen wir zu mitgebrachtem Bier und Wein nicht nur Songs aus dem Bandrepertoire, sondern auch mal einen Titel von Heino oder Herbert Roth. Pflichttermine auf der Leipziger Messe waren für uns Musiker die Stände der westlichen Musikinstrumente-Hersteller im „Petershof“. Bei den Vorführungen des Effekt-Geräte-Herstellers „Electro-Harmonics“ fielen einem fast die Ohren ab, so schön waren die Gitarren-Sounds. Nur kaufen konnte man davon nichts. Wir jedenfalls nicht, denn wir hatten keinWestgeld. Dafür freuten wir uns „wie die Schneekönige“, als wir am Stand des Keybord- Herstellers „Farfisa“ mehrere Poster des Yes-Keyboarders Rick Wakeman geschenkt bekamen, welche wir stolz in unserem „Club“ neben das Melodie und Rhythmus-Poster von Achim Menzel hängten. Vielleicht auch darüber, durchaus möglich. Im Sommer 1978 fuhren bzw. trampten wir zu sechst, d.h. in drei Zweiergruppen getrennt über Berlin, Magdeburg und Dresden kommend gemeinsam nach Bad Doberan. Nahe dem Ostseestrand von Heiligendamm verbrachten wir dort bei bestemWetter einige wunderbare Urlaubstage. Leicht getrübt wurde unsere Stimmung, als man uns in einer Freiluftdisko den Eintritt verwehrte, da einer aus unserer Clique ein aus Ungarn mitgebrachtes T- Shirt mit aufgedruckten Sternen und Streifen trug, welches angeblich die amerikanische Flagge nachbildete. Im Jugendmagazin „neues leben“ war hierzu sogar ein abfälliger Artikel erschienen. Schwer getrübt wurde jedoch unsere Stimmung zu einem Open-Air-Rockkonzert auf einer Freilichtbühne in Rostock, auf welcher als Topact City spielen sollte. Wir waren von Bad Doberan aus mit dem Zug angereist und bezahlten am Kassenhäuschen der Freilichtbühne das für Lehrlinge bzw. Schüler recht hohe Eintrittsgeld von über 10 Mark. Während sich die Reihen langsam füllten, sahen wir jedoch voller Erstaunen, dass die Techniker auf der Bühne die bereits aufgebaute Anlage wieder abbauten. Die Musiker der beiden Vorbands waren wenig später in ihre Autos gestiegen und losgefahren. Lediglich der LKW von City stand noch am Bühnenrand und wurde eilig beladen. Im Publikum ging das Gerücht um, dass ein Sommergewitter drohe und die Veranstaltung ausfallen solle. Andererseits wurden aber am Kassenhäuschen unvermindert Karten verkauft und Leute eingelassen. Das roch nach Betrug und rief erst leisen, dann lauten Unmut beim Publikum hervor. Einige mutige Fans hatten um dem City-LKW eine Sitzblockade gebildet und die Luft aus den Reifen gelassen, um die Band an der Abfahrt zu hindern. Citys Managerin Traudl Gogow sah dem Treiben hilflos zu. Später wurden aus dem angrenzenden Park Äste und Holz herbeigeschafft und auf der leeren Bühne ein Feuer entzündet. Das Kassenhäuschen war mittlerweile geschlossen. Der Himmel hatte sich mit dicken Gewitterwolken verdunkelt und die betrogenen Fans feierten nun ihre eigene Party, wenn auch nur für kurze Zeit. Als die ersten Regentropfen fielen, traf auch schon die erste Hundertschaft der sogenannten Volkspolizei ein. Sie bildeten eine Kette und wollten die Massen von den Rängen her in Richtung Bühne drängen und einkesseln. Sie schlugen mit gezückten Gummiknüppeln auf das flüchtende Publikum ein. Zum Glück tat sich am linken Rand eine Lücke in der Polizeikette auf und so gelang es uns – abgesehen von einem Nackenschlag, der unseren Bassisten traf – unversehrt über die Ränge nach oben zu flüchten. Mittlerweile war auf der rechten Bühnenseite die Feuerwehr eingetroffen und hatte begonnen, das schöne Lagerfeuer mit Wasserwerfern zu löschen. In all der Hektik hatten wir gar nicht bemerkt, dass der Himmel nun endgültig seine Schleusen geöffnet hatte und ein Wolkenbruch erbarmungslos auf uns hernieder prasselte. Völlig durchnässt rannten wir zum Bahnhof und fuhren mit dem letzten Abendzug nach Bad Doberan zurück. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass es einige Verletzte und viele „Zuführungen“ gegeben haben soll. In allen Betrieben und Einrichtungen des Bezirkes Rostock wurden Befragungen zwecks Teilnahme an dieser „Veranstaltung“ durch die so genannten staatlichen Organe durchgeführt und weitere Verhaftungen vorgenommen. Was für ein Trauerspiel! Eigentlich waren wir alle nur gekommen, um Citys Teufelsgeiger mit Am Fenster zu hören und bei rockigen Klängen abzufeiern. Einzig die Verantwortlichen „unserer“ Jugendorganisation, die sich – wie zum Hohn – auch noch Freie Deutsche Jugend nannte, hatte kläglich versagt. Auszug aus Kapitel 39 „Es gibt Momente, da stellen sich dieWeichen…“ Im dritten Jahr ihres Bestehens hatte unsere „Amateur-Tanzmusik-Combo“ die ersten Hürden zum ersehnten Erfolg genommen.Weitere Hürden würden folgen. So war es für uns als 17- bzw. 18-jährige Schüler und Lehrlinge, ein schier unlösbares Problem, unsere bescheidene Anlage zu irgendwelchen Veranstaltungsorten zu transportieren. Keiner von uns hatte eine PKW- Fahrerlaubnis, geschweige denn einen eigenen PKW, Anhänger oder gar einen Kleintransporter. Das war in der Mangelwirtschaft, in der wir lebten, so etwas wie Goldstaub. So blieb uns also nichts anderes übrig, als die Hälfte unserer Gage irgendwelchen gierigen Kleinunternehmern und Gütertaxifahrern zu überlassen. Ein weiteres Problem war die Plakatierung. Es gab weder Kopierer, noch genügend Papier. Zudem war es verboten, Plakate – selbst kleine Zettel – an öffentlichen Plätzen anzubringen. Da der Staat für sämtliche Druckerzeugnisse das Monopol hatte, musste man also eine Druckgenehmigung beantragen. Selbst wenn man eine hatte, dauerte es oft noch Monate bis man die begehrten Plakate oder gar Hochglanzposter sein Eigen nennen konnte. Noch schlimmer sah es auf dem Gebiet der Beschaffung von Musikinstrumenten und Beschallungstechnik aus. Das, was im staatlichen Handel angeboten wurde, war entweder technisch veraltet, störungsanfällig oder klang einfach nicht so, wie man es von Aufnahmen aus dem Radio gewohnt war. Vor allem das Publikum erwartete aber, dass die Musik, die von der Bühne kam, so originalgetreu wie möglich klang. Dies war auch der Grund dafür, dass sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre immer mehr mobile Diskotheken fast seuchenartig ausbreiteten und den Livebands einen großen Teil des Publikums abspenstig machten. Wenn Udo Lindenberg in seinem Song Boogie-Woogie- Mädchen singt: „Ich hoffe, du gehörst jetzt nicht schon zu den Leuten, die nicht mehr zu den Bands hingehen…,“ trifft das den Nagel auf den Kopf. Trotz all der Widrigkeiten gaben wir vier jedoch nicht auf. Sicher wäre es eine Alternative gewesen, in eine bereits bestehende, etablierte Band als junger Spritzer einzusteigen. Doch das kam für uns nicht in Frage. Wir waren Kumpels, echte Freunde, wollten „unsere“ Musik machen und nicht mit irgendwelchen „alten Säcken“ abhängen. Zudem lebten wir in der Provinz, im Wald, auf dem Dorf. Wirklich gute Bands kamen aus Leipzig, Dresden oder Berlin, was für uns so weit weg war, wie der Mond. Um unsere musikalischen und instrumentalen Fähigkeiten zu verbessern, hatten wir uns in der nahe gelegenen Musikschule in Aue in den Fächern Gitarre bzw. Schlagzeug eingeschrieben und trafen dort glücklicherweise auf Lehrer, die selbst im Musikbetrieb der Endsechziger und Siebziger Jahre als sogenannte „Amateure“ tätig waren und uns nicht nur das stupide Spielen nach Noten, sondern auch Tipps für den Umgang mit Veranstaltern, Publikum und den „staatlichen Organen“ geben konnten. Im letzten Jahr des Bestehens unserer kleinen Band stellte sich für jeden von uns zumindest theoretisch die Frage, ob man denn in diesem Land seinen Lebensunterhalt als Rockmusiker bestreiten konnte. Die Antwort auf diese Frage kam den bekanntenWitzen zum Thema „Frage an Radio Jerewan“ gleich: Im Prinzip ja, aber…denn nichts in diesem Lande ging ohne den Staat, ohne Kontrolle. Für alles – ausnahmslos alles – war eine Genehmigung, Ausbildung oder Prüfung erforderlich. Um in den Besitz der begehrten „Profi-Pappe“ zu gelangen, gab es im Prinzip zweiWege: a) ein Direktstudium an einer Musikhochschule, der eine Aufnahmeprüfung und eine mindestens fünfjährige Klavierausbildung vorausgegangen sein musste oder b ) eine nebenbe rufliche , ca. fünfjährige Ausbildung an einem Musikkonservatorium mit Abschlüssen in den Fächern Musiktheorie, Musikgeschichte, Notenlehre und dem entsprechenden Hauptfach. Natürlich setzte die Obrigkeit voraus, dass man nicht durch irgendwelches Fehlverhalten in der Öffentlichkeit auffiel, was eine Exmatrikulation nach sich zog. Wer sich voll und ganz seiner geliebten Kunst hingab und nicht in Besitz der o.g. „Profi-Pappe“ war, somit also kein geregeltes Einkommen hatte, konnte wegen asozialem Verhalten sogar inhaftiert werden. Per Gesetz gab es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht zur Arbeit. Und was Arbeit war, bestimmte der Staat. Doch auf solche Gedanken konnten wir in unserer kleinen Band gar nicht erst kommen. Denn beginnend im November 1978 wurden alle Bandmitglieder in Abständen von jeweils sechs bis zwölf Monaten nach und nach zur Armee eingezogen….. Auszug aus Kapitel 42 „Albatros“ – Der Überflieger Textlich wird hier der Freiheitsgedanke mit Hilfe des Gleichnisses des Herrschers der Lüfte, der keine Grenzen kennt, dem Stürme und raue Gewalt nichts anhaben können auf eine völlig neue, höhere Stufe gestellt. Während Renft von profaner Republikflucht und Lift vom Traum des Fliegens in warme Gefilde sangen, macht Norbert Kaiser uns allen mit seinen poetischen, bildhaften Worten klar, dass Freiheit zu den Grundrechten der Menschen gehört und der Kampf darum – trotz Schlösser, Riegel, Fesseln und Ketten, trotz Wolkenwänden und Blitzen – zum Erfolg führen kann, ja führen wird. Die friedliche Revolution vom Herbst 1989 hat es ja bekanntlicherweise bewiesen. Nun sind gute Texte aus dem Land der Dichter und Denker ja nicht unbedingt eine Seltenheit. Leider haben wir oft genug erlebt, dass diese dann musikalisch nur ungenügend umgesetzt wurden. Nicht jedoch hier. Nicht bei Ulrich Swillms. Dem ganzen Stück wohnt eine perfekte Dramaturgie inne. Die Ruhe der ersten Strophe steigert sich mit der Dramatik der Worte zu einem ersten Höhenpunkt genau an der richtigen Stelle, wenn Dreilich von krachenden Stürmen und wenig später dann vom ungeheuren Aufstieg zur Freiheit der Meere singt. Begleitet wird die Band von einer Streichergruppe. Wie ich finde, ist das eine gute Wahl. Ein komplettes Orchester hätte vielleicht alles „zugekleistert“ und dem Stück trotz seiner Dramatik die Transparenz genommen. So bleibt in Strophe zwei das rockige Element erhalten. Bass und Gitarre spielen unisono und Schlagzeuger Michael Schwandt darf sich an seinen zahllosen Becken und Toms völlig ausleben und veredelt den Song mit phantasievollen Einlagen. Mit einem Gong-Schlag geht der Titel nach 3:45 Minuten in einen zunächst ruhigen Instrumentalteil über. Schließt man jetzt die Augen, beginnt sofort ein Film im Kopf zu laufen: ruhige See, endlose Weite, ein Gefühl, als schwebte man selbst davon. Man lauscht Bernd Römers clean gespielter Gitarre, hört Michael Schwandts eingestreute 16tel-Triolen und leise Streicher. Dann, bei 4:50 Minuten übernehmen die Keyboards das Gitarrenthema und beginnen mit dem Bass ein Frage-Antwort-Spiel, worauf wenig später die lauter werdende Streichergruppe die Keyboards überlagert und sich bei 5:10 Minuten in derartige Höhen hinaufwindet, dass mir jedes Mal ganz schwindelig wird. Die Harmonien erzeugen in mir an dieser Stelle des Titels ein Gefühl, welches man als eine Mischung aus Sehnsucht, Wehmut und Trauer beschreiben kann. Ein wirklicher Gänsehaut-Moment. Die nun einsetzende Oboe verstärkt das Gefühl des Sehnens noch einmal, ehe dann die darauf folgenden Stakati das Stück zum Höhepunkt führen und treffsicher den Kampf zwischen Gut und Böse charakterisieren. Obwohl Herbert Dreilich in der darauffolgenden dritten Strophe nochmals diesen Kampf mit denWorten: „Und türmen sich Wände Und greifen ihn Zwingen aus Wolken wie Blei Und schlagen die Blitze Er kämpft mit den Schwingen das Hindernis frei Er findet den Weg auch im Orkan“ beschreibt, wurde das Gleiche im vorangegangen Instrumentalteil musikalisch eigentlich bereits gesagt. Wirkliche Gewissheit des Sieges des Guten über das Böse geben uns mit derWiederholung des Refrains nicht nur dieWorte: „Dann fliegt er mit Feuer Und steigt ungeheuer zur Freiheit der Meere“. sondern auch deren nochmals um die Streichergruppe verstärkte musikalische Umsetzung. Ein Gong-Schlag und ein fast einminütiges Fadeout mit dem bereits eingangs verwendeten Synthie-Blubbern knipsen erneut das Kopfkino an und lassen den Albatros in weite Ferne davonschweben. Spannung und Erregtheit sind in Freude und Ergriffenheit übergegangen. Eigentlich möchte man aufstehen, jubeln, rufen, in die Hände klatschen…die Welt umarmen… Auch heute mehr als 40 Jahre nach Veröffentlichung, berührt und ergreift mich Karats Albatros noch immer. Er ist und bleibt meine persönliche Nummer 1 des Ostrock! Kapitel 56 „Goldener Rathausmann 1988“ oder Casting in der DDR Auf Anraten meiner Zwickauer Gesangslehrerin bewarb ich mich zur Teilnahme am nationalen Nachwuchsfestival „Goldener Rathausmann“, welches seit 1978 parallel zum Internationalen Schlagerfestival in Dresden durchgeführt wurde. Das Reglement schrieb vor, dass jeder der 14 Bezirke der DDR pro Jahr maximal zwei Nachwuchskünstler dorthin entsenden konnte. Verantwortlich für d ie Au swah l wa ren som i t d ie jewe i l igen „Komm i s s ionen fü r Unterhaltungskunst“ der Bezirke und in meinem Fall eine Hand voll mir unbekannte hauptamtlich tätige Kultur-Funktionäre des Bezirkes Karl-Marx- Stadt. Im 88er Jahrgang hatten sich aus meinem Bezirk 32 hoffnungsvolle Talente beworben. Alle erhielten einen sogenannten Fördervertrag für die neunmonatige Vorbereitungszeit, der jedoch bei unzureichender künstlerischer Gesamtleistung sofort kündbar war. So fuhr ich also im zwei-Wochen-Rhythmus, jeweils samstags, zu einem mir zugewiesenen Gesangspädagogen und arbeitete mit ihm zunächst an der Auswahl der Titel. Das Reglement des Festivals sah außerdem vor, das ein Ost- und ein Westtitel zum Vortrag gebracht werden durfte. Letztlich entschieden wir uns für zwei deutschsprachige Songs, wobei der Osttitel eine Komposition unseres Gitarristen Thomas, welche ein wenig an Kyrialesum von Mr. Mister erinnerte und einen Text aus meiner Feder enthielt und der Westtitel Rio Reisers wunderschöne Ballade Für immer und Dich war. Beide Songs lagen mir und ich legte mich mächtig ins Zeug. Von Termin zu Termin bangte ich, dass mir mein Mentor mitteilen würde, dass ich nicht mehr wiederkommen brauchte, also ausgeschieden war. Nach ca. 4 Monaten teilte er mir dann endlich mit, dass 30 der 32 Bewerber bereits ausgeschieden seien und man nun mit den beiden verbleibenden Kandidaten intensiv weiterarbeiten wolle. So also lief Casting in der DDR. Der zweite verbleibende „Kandidat“ war eine junge Frau aus dem Vogtland, die verblüffend gut die damals schwer angesagte Jennifer Rush singen konnte. Nun wurden für uns beide Halb-Playback-Aufnahmen im Studio des dialog- Keyboarder produziert, ein wenig Bühnenbewegung probiert und intensiv an den Stimmen gearbeitet. Dann kam der Tag der Vorentscheidung. An einem Samstagvormittag gegen 10 Uhr (!) durften wir einer sechsköpfigen Kommission in eigener Bühnengarderobe unsere jeweiligen zwei Titel gewissermaßen „aus der Kalten heraus“ und natürlich ohne Publikum zu dieser Unzeit darbieten. Dann durften wir den Raum verlassen und auf dem Flur auf die Entscheidung der Kommission warten. Wir warteten lange, sehr lange, fast zwei Stunden und als wir gemeinsam hineingerufen wurden, teilte die uns die Vorsitzende der Kommission in knappen Worten mit, dass „die künstlerische Gesamtleistung“ nicht ausreichend sei und der Bezirk Karl-Marx-Stadt in diesem Jahr, wie auch im Vorjahr niemand nach Dresden schicken wolle. Dann durften wir „wegtreten“. Jennifer aus Netzschkau brach in Tränen aus, Rio aus dem Erzgebirge wendete sich der Magen um.Wenig später saßen wir in meinem Trabi und versuchten uns auf der Heimfahrt gegenseitig zu trösten und Mut zu machen. Am Abend des Tages stand ich zusammen mit meiner Band „Amadeus“ auf der Bühne irgendeines Dorfsaals und sang voller Inbrunst die Zeilen meines Rathausmann- Songs: „…und schon fühlst du, wie es endet ganz allein gehst du nach Haus manchmal Selbstmitleid und Tränen eh´es los ging, wars schon aus Und wieder suchst du nach Liebe Und wieder geht sie vorbei Dein Herz zerbricht wie ein Spiegel Alles vorbei, alles vorbei, alles vorbei?“ Auszug Kapitel 60 Der Ostrock ist tot! – Es lebe der Ostrock! Reden wir also über Renft, Puhdys und City. Glaubt man den Schilderungen der zahlreich erschienen Literatur über Klaus Renft und dessen Combo, drängt sich der Eindruck auf, als sei die Band bis zu ihrem Verbot 1975, aber auch nach ihrem Neustart eine echte Chaotentruppe gewesen. Alkohol, organisatorische Missstände, verletzte Eitelkeiten, Streit um Kohle, Streit um die musikalische Ausrichtung und vieles anderes mehr. So drehte sich das Personenkarussell nach 1990 recht heftig. Zeitweise tourten sogar zwei verschiedene Renft-Bands durch die Lande. Doch bleiben wir bei den Fakten: Ex-Thomaner und Keyboarder Christian Kunert, der zusammen mit Gerulf Pannach im Westen recht erfolgreich Folk und Blues spielte, blieb der Band bis Pannachs Tod 1998 fern. Auch Gitarrist Cäsar steigt nicht wieder ein. Der macht mit seiner eigenen Band unter verschiedenen Namen weiter und veröffentlichte neben zahlreichen Remakes und Best-Of-Platten drei wirklich neue CDs mit Texten von Gerulf Pannach, Alfred Rösler (City) und anderen: „Cäsar“ (1995), „Die Zweite“ (1996) und „Zeitlos“ (2005). Während der „Als-ob-nichts gewesen wär-Tour“ 1997/98 steht Cäsar dann auch nochmals zusammen mit den Renft-Musikern Christian Kunert, Jochen Hohl, Klaus Renft sowie Christiane Ufholz und Gerulf Pannach auf der Bühne. Er verstirbt am 23.10.2008 an Krebs und wird auf dem Leipziger Südfriedhof beerdigt. Einen repräsentativen Querschnitt seines vierzigjährigen Schaffens bietet die CD „Wer die Rose ehrt“, auf welcher auch die hervorragenden Nachwendesongs Geht es dir gut? und Kain ist tot enthalten sind. Auf der 1990er Reunion-CD der Klaus Renft Combo „live“ sind neben den 75er Originalmitgliedern Renft, Schoppe, Kschentz und Hohl noch Jürgen Heinrich von SET (für Cäsar) und Robert Hoffmann (für Kunert) zu hören. Die CD enthält auch den verbotenen Republikflucht-Song Rockballade vom kleinen Otto. In der Folgezeit steigen dann Heinz Prüfer (ehemals Joco-Dev, Express und Reggae Play) an der Gitarre und Detlev Kriese am Schlagzeug für Heinrich und Hohl ein. Auf der 96er CD „Live in Konzert“ sind dann die neuen Titel Die Flut und Der Bauch (beide Schoppe) sowie Raucher Blues, Autofahrer und Wo bin ich hier (Kschentz) zu hören. 1999, also 24 Jahre nach dem berüchtigten Renft-Verbot erscheint dann endlich eine komplett neue Studioproduktion. Auf dem Cover: Büchsenbier, Musikerhände, eine Schachtel F6, ein voller Aschenbecher…Christian Kuhnert ist wieder mit an Bord und liefert einen Großteil der Kompositionen und Texte. Thomas Schoppe fehlt. Der tourt als „Monsters Renft“ mit anderen Mitstreitern durch die Lande. Trotz allen Wohlwollens kommt die CD recht skurril und uninspiriert rüber und man darf sich schon mal fragen: Wo ist das Rebellische, das Unangepasste der „alten“ Klaus-Renft-Combo geblieben? Chance vertan! Die in den Jahren 2001 bis 2007 eingespielte und im Januar 2008 erscheinende letzte Renft-CD „Abschied und Weitergehen“ entstand, wie auch ihr Vorgänger in gleicher Besetzung, wobei Marcus Schloussen (u.a. Reform) mehr und mehr den Bass des schwer erkrankten Bandgründers Klaus Renft übernahm. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren bereits drei Bandmitglieder vom „Sensenmann“ geholt worden: Bandgründer Klaus Renft (gestorben 09.10.2006), Multiinstrumentalist Peter Kschentz (gestorben 18.09.2005) und der 1991 hinzugekommene Gitarrist Heinz Prüfer (gestorben 18.03.2007). Keyboarder Christian Kuhnert erlitt einen Hörsturz und so kam es, dass mit Thomas Schoppes Rückkehr und einzig verbliebenem Original-Mitglied der Fortbestand der Band als „Viererbande“ gesichert war. Für Prüfer stieß Pitti Piatkowski (ehemals Magdeburg, City, NO55) als zweite tragende Säule zur Band und so dürfen wir das ostdeutsche Urgestein Renft auch heute noch live und voller Spielfreude bewundern. 2018 feierte die Band 50-jähriges Bestehen, damit haben sie nicht nur die Rolling Stones überholt, sondern auch die Puhdys überlebt… Auszug aus Anhang 1 -Auswertung der DDR- Jahrescharts 1975 – 1990 Unterzieht man die Top 50 der Jahre 1975 bis 1990 einer statistischen Auswertung, sind darin insgesamt 755 Titel gelistet. Fügt man die Künstler bzw. Bands Wolfgang Ziegler & Wir, Reinhard Lackomy & Angelika Mann, Dieter Birr & Maschine und Männer sowie die Klosterbrüder & Magdeburg zu je einem Künstler zusammen, werden insgesamt 148 verschiedene Künstler genannt. Davon gehören 23 dem Genre Schlager/Ulk und lediglich 9 weitere Künstler den Bruderländern an. Interessant ist natürlich die Frage, welche Band nach der Meinung der Hörerschaft wohl die erfolgreichste war. War es City, Stern Meißen, die Puhdys, Karat oder gar Silly? Da nur die Zeit ab 1975 bewertet werden kann, fallen allerdings Künstler wie Panta Rhei, Renft oder Nina Hagen schon mal aus der Wertung, denn die existierten zu o. g. Zeitpunkt bereits nicht mehr bzw. wurden kurz darauf verboten. Des Weiteren fällt auf, dass 62 der 148 gelisteten Künstler mit nur einem Titel, also als „Eintagsfliegen“ genannt sind, wobei dieser Begriff vielleicht auf Dean Read, jedoch wohl kaum auf Hansi Biebl zutreffen dürfte. Der hatte immerhin 2 LPs veröffentlichen dürfen. Sein Allzeit-Klassiker Es gibt Momente wird gar nicht genannt. Auch Omega und LGT müssen sich mit lediglich 2 Nennungen begnügen. Ein ähnliches Schicksal widerfährt auch Jürgen Kerth mit nur 3 Nennungen. Andererseits erhält Eberhard Aurichs – Entschuldigung Emmys Band dialog aus Crimmitschau – gleich mal 19 Nennungen und zieht damit mit Veronika Fischer & Band zahlenmäßig gleich. Bemerkenswert ist, dass gerade Veronika Fischer, trotz nur 5-jähriger Präsenz, mit diesen 19 Titeln insgesamt 632 Punkte erhält und in der Endauswertung immerhin auf Platz 8 kommt. Oder anders gefragt: Wo wäre sie gelandet, wenn sie hier geblieben wäre? Wie absurd eine Wertung nach der Anzahl der platzierten Titel ist, sehen wir auch an den Beispielen der Bands Prinzips mit 27 Nennungen, Berluc mit 29 Nennungen oder unserer Pseudo-Prog-Rocker electra mit 31 Nennungen. Masse statt Klasse! Eine solche Betrachtung würde außerdem noch dazu führen, dass Top-Bands der 1980er Jahre wie Silly, Rockhaus und Pankow außerhalb der Top 10 – also „unter ferner liefen“ – liegen. Somit bleibt uns also nur noch eine Bewertung nach Punkten, um ein halbwegs realistisches Bild der „definitiven Ost-Rock- Charts“ zu zeichnen. Immerhin wird darin dann auch der jahresübergreifende Aspekt mit berücksichtigt. ………
© Frank Flemming für ostmusik.de 2022