Neues Leben  1978

   
 

Kalt und heiß

 

Waltraud Brunnig

   

Die Stadt Magdeburg empfängt mich in dichtem Nebel; die Gruppe Magdeburg vollzählig versammelt beim Chef Didi. Man ist dabei, Autogrammpost zu beantworten. Natürlich werfe ich nicht nur einen Blick auf die vielen Karten und Briefe. Lese neben Autogrammwünschen, Grüßen, Fragen nach einer LP unter anderem oft solche Superlative wie „Ihr seid einfach Spitze“, „Toll“, „Meine Starband“.

Nun, wie Stars sehen sie an diesem Nachmittag nicht aus. Eher ein bisschen müde. Und auf jede Frage von mir kommt ihnen auch nicht gleich die passende Antwort über die Lippen. „Weißt du“, meint Didi, „ was sollen wir viel erzählen … Wenn du mal Zeit hast, sieh dir doch mal an, wie es bei uns zugeht!“

Jetzt, da ich ihren ganz normalen Arbeitsalltag miterlebt habe, würde ich in Anlehnung an einen Titel der Magdeburger sagen: „Kalt und heiß!“ Und das bedeutet: laut und leise, aufregend und anregend, hektisch und konzentriert. Und gerade letzteres ist wichtig für eine Sache, die wesentlich mitentscheidet über Erfolg oder Misserfolg …

Lange war `s mir ein Rätsel, welchen Weg ein Titel nimmt, bis er uns tanzen, weinen, lachen lässt. Wo hat sie also ihren Ursprung, die schöpferische Arbeit der Magdeburg – Musikanten ? Bei Richy meist am Klavier. Wenn er nach der Hektik einer Tournee in der Ruhe seiner Heimatstadt Haldensleben Gesehenes und Gehörtes in sich ausklingen lässt, um es dann umzusetzen in musikalische Empfindungen. Da improvisiert er, spinnt er sich ein, entstehen Fragmente eines Titels. Auch Didi kann so überm komponieren zu Hause alles um sich herum vergessen. Genauso geht `s Pitti an der Gitarre oder dem Basser Paule.

Sie hören Musik auch anders als ich, habe ich gemerkt. Bewusster, spielen sie förmlich mit, suchen ständig Anregungen für Eigenes. Sogar Stellen aus Büchern verselbstständigen sich mitunter zu musikalischen Ideen. Vielleicht gerade deshalb die Vorliebe fast aller für `s Utopische ? Phantasie und Musikalität allein aber machen noch keinen Musiker. Früh schon erwarben sie darum theoretisches Grundwissen an Musikschulen, qualifizierten sich später an der Musikhochschule Weimar.

Mit neuen Titeln von Didi, Richy, Pitt und Paule liegen nun vier Kompositionsvorschläge für die nächsten Probenwochen der Band auf dem Tisch. Schon hier fällt durch alle die Entscheidung: Passt jeder einzelne zu uns, können wir ihn vertreten ? Auch die Gruppe Magdeburg wurde von populären Trends in der Popmusik beeinflusst. So startete sie zum Beispiel mit „Funky – Tanz“ oder „Komm, und bleib bei mir“ Versuche in dieser Richtung. Vertretbare waren das zwar, aber Kompromisse blieben `s doch. Und weil ihnen schließlich ihre Ehrlichkeit zu sich selbst und gegenüber ihrem Publikum wichtiger war, stehen sie heute mehr denn je zu einem Rock, wie sie ihn mögen; einem, der losgeht, aber Lyrik, Poesie, Emotion nicht entbehrt, der ihre Persönlichkeit widerspiegelt.

„Ebbe und Flut“ ist wohl der schönste Beweis für ihre einheitliche musikalische Auffassung. Zu der sind sie im Laufe der Jahre gelangt, in gemeinsamer Arbeit, im Sich – Umsehen – und – Hören, im Streit nicht selten und auch manchmal im Zorn. Sie kennen sich schon sehr lange und genau. Didi den Hajo und Pitti, noch aus der Klosterbrüder – Zeit. Richy, Paule, Affe und Uli muggten schon zusammen in der Magdeburger Band „Mini-Rock“. Sie waren damals sicher nicht die einzigen Musikanten, die im Winter in einer dünnen Jacke herumrannten, weil sie das Geld für den Wintermantel lieber in ihre Anlage steckten.

Dietrich, der sich Richy direkt aus dem Hörsaal in die Band holte, und später Affe von Reform sagt: „Das ist die kreativste, beste Besetzung von Magdeburg!“ Allein dadurch, das vier von uns komponieren, können so verschiedene, und doch Magdeburg – typische Titel entstehen, wie „ Tief auf meinem Grund“, „Teufels Rock `n` Roll“ oder das angejazzte Instrumental „Kalif Storch“.

Auch Richys neuer Titel wurde akzeptiert. Noch am selben Abend setzt er sich hin und schreibt das Grundarrangement für jedes Instrument. Darüber wird es zwei Uhr Nachts.

Morgens gegen Neun hupt ihn Ulis Auto genauso unerbittlich aus den Federn, wie der Wecker ur selben Zeit Paule oder Pitti wachrasselt. Didi hat ihnen mit der Klärung organisatorischer Fragen bereits eine Arbeitsstunde voraus. Auf alle wartet draußen am Stadtrand Magdeburgs der Probenraum. Schnell noch den Heizlüfter unter den Arm geklemmt, Richy, in der Keyboardecke ist es winters kalt trotz heißer Musik, und los geht `s.

Nach einer kurzen Improvisation zum Warmwerden wird es ernst – und für einen Außenstehenden wie mich fast langweilig. Immer und immer wieder erklingt dasselbe, wird abrupt abgebrochen, ein Einwand vorgebracht, angehört, von vorn begonnen. Ich kann noch erfassen, wie jeder das Arrangement je nach Gefühl für sein Instrument variiert. Aber warum das Schlagzeug wieder und wieder zu trocken klingt, weiß ich beim besten Willen nicht. Und für Fragen hat jetzt niemand ein Ohr. Wie scheinbar mühelos das alles später von der Bühne kommt …

Ach vierzehn Tagen Probe, von morgens bis abends, auch am Wochenende, sind die vier neuen Titel im Proberaum auf ein Demonstrationsband aufgenommen. Um sie nun ihrem Texter Jan Witte und dem Rundfunkproduzenten Walter Cikan vorzustellen, macht die Gruppe Magdeburg auf dem Weg zu einer Neubrandenburg – Tournee einen Tag in Berlin Station. Zwei Titel sind dabei, die Paule singt. Frisch, unbekümmert, locker. Das kann eine interessante Farbe neben Hajos gewohntem Gesang im Magdeburg – Repertoire werden ! – ist die einhellige Meinung in der Diskussion zwischen der Band, dem Texter und dem Produzenten.

Überall in ihrem Musikantenalltag spüre ich, was manchmal Berufung, Besessenheit oder Enthusiasmus genannt wird, kurz alles, was der Gleichgültigkeit, der Routine, der Schablone entgegengesetzt wird. Die Musik ist ihr Element. Dafür wird es ihnen nie zuviel, aus dem Koffer zu leben und Persönliches hintenan zu stellen. Jedes Konzert wird so auch zum Prüfstein für die eigene Leistung.

Nach Stunden Autofahrt durch früh hereinbrechende Dunkelheit und über Strassen, auf denen sich der Schnee erst in Matsch und mit steigenden Minusgraden in gefährliche Eisglätte verwandelt, langen wir endlich in Spechtberg an. Die Techniker Horst und Heinz sind längst schon da und gerade mit dem Aufbauen der Anlage fertig. Raus aus dem Auto, einmal kurz gereckt, und ran ans Instrument zum Einstimmen.

Sie haben sich nach manchem Für und Wider geeinigt, Richys neuen Titel im Konzert einzusetzen. Vor NVA Angehörigen erlebt er also seine öffentliche Feuertaufe. Aber im kalten Kulturhaussaal hat sich der Moog – Synthesizer total verstimmt. Ich sitze neben Uli am Mischpult und spüre, wie er unruhig wird, aber nichts ändern kann. Ich schaue mich um. Die Soldaten sind begeistert wie vordem beim „Teufels Rock `n` Roll“ oder „Tief auf meinem Grund“. Doch ihr Beifall erscheint den Musikern unverdient, kann die Unzufriedenheit nicht vertreiben.

Gewöhnlich herrscht während des Essens gegen Mitternacht im Hotel ausgelassene Fröhlichkeit, nimmt man sich gegenseitig auf den Arm, machen Witzeleien die Runde. Heute kommt mir Affe noch verschlossener vor, als in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft, der quirlige Pitti, der stets freundliche Richy, auch Didi und Paule sind ungewöhnlich still, und selbst Hajo scheint es nicht so richtig zu schmecken. Als später alle, auch die Techniker, ihre Meinung sagen zu dem, was jeden unzufrieden ließ, atme ich auf. So werden in der Diskussion Lösungen für Probleme geboren. Zum Beispiel Richys Ansage vor dem neuen Titel muss wegfallen, damit er Zeit zum Nachstimmen hat, und der Übergang zwischen Mittelteil und Refrain wird überarbeitet.

Am nächsten Morgen merkt man keinem an, das der Schlaf fehlt, weil sie noch im Hotelzimmer bis in die frühen Morgenstunden über vieles redeten. Sie fahren nach Halle zu zwei gemeinsamen Konzerten mit der ungarischen Gruppe „General“. Auf diese Begegnung freuen sich die Magdeburger schon lange. Das ist wie Sonntag in ihrem Alltag.

Und wie dort eine Freundschaft zwischen beiden Rockbands wuchs, was ich da an ursprünglicher Spielfreude und echtem Musikantentum bei den Magdeburgern erst so richtig entdeckte, wäre schon wieder eine neue Geschichte.