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Mein Vater ist gestorben ( "Gute Nacht" aus Zyklus „Winterreise“ - op. 89 Nr. 1; 1827 ) |
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Thalheim |
Lyrik |
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Komp. Franz Peter Schubert (1827) / Neuf: Jean Pacalet |
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Text: Johann Ludwig Wilhelm Müller (1822) / Neuf: Barbara Thalheim |
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Mein Vater ist gestorben. |
| In einem Gitterbett mittags um eins, |
| als ich im Stau stand, |
| zwischen Bautzen und Görlitz. |
| Die Sonne knallte aufs Autodach, |
| ich hatte Magenkrämpfe aus heiterem Himmel |
| und krümmte mich auf meinem Sitz vor Schmerzen. |
| Im Theater hieß es: "Schön das sie da sind, |
| ihr Vater ist gestorben um 13 Uhr." |
| Was macht man, wenn der Vater stirbt ? |
| Sagt man das Konzert ab, |
| oder singt man ihm die Totenmesse ? |
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Mein Vater ist gestorben, |
| in einem Gitterbett. |
| In seinem Wohnzimmer während die Glotze lief |
| und der Regulator einmal schlug, |
| ohne Schläuche in der Nase, ohne Tropf am Arm, |
| gescheitelt und rasiert, in Windelhosen. |
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Mein Vater stöhnte |
| in seinem Gitterbett, |
| den ganzen Tag, die ganze Nacht, |
| eine ganze Woche lang |
| so, das sich die Nachbarn beschwerten. |
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Ich stand in Görlitz |
| und sang Romantik- Lieder: |
| Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus, |
| der Mai war mir gewogen |
| mit manchem Blumenstrauß ... |
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Ich sang leise, hilflos, mit gebrochner Stimme, |
| als flüsterte ich in jemandes Ohr, |
| ich hörte meinen Vater stöhnen, als ich sang: |
| Die Liebe liebt das Wandern, |
| Gott hat sie so gemacht, |
| von dem einen zu dem ander` n feins Liebchen gute Nacht ... |
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Während des Konzertes stöhnte mein toter Vater. |
| Ich hörte kaum noch Einsätze, |
| kaum noch die Harmonien der Musiker. |
| Das Publikum sah mich an, |
| als wäre ich eine Außerirdische, |
| als flöge ein Engel durch den Raum. |
| Es gab keinen Applaus. |
| Nach dem Konzert fuhr ich nach Berlin |
| 4 Stunden geradeaus, auf eine Leiche zu. |
| Mein toter Vater lag in seinem Gitterbett, |
| einen Schal um dem Kopf, |
| damit der Mund geschlossen bleibt nach der Leichenstarre. |
| Er war ein fremder Mann, |
| die Augen eingefallen, Golflöcher mit Bällen drin, |
| die Nase spitz wie Pinoccio, |
| die Haut hellgrün, getünchte Kasernenklowände. |
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Ich wollte weinen, |
| ich hatte keine Tränen, |
| meine Halsschlagader klopfte wie ein Metronom, |
| der erste Tote meines Lebens, |
| dem ich Aug und tot gegenüberstand. |
| Ich konnte ihn nicht berühren, |
| ich sah ihn an, lange, |
| die Erschütterung wollte sich nicht einstellen. |
| Der da lag, den kannte ich nicht. |
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Am nächsten Morgen um 7 Uhr |
| kamen zwei schäbige Herren in schwarzen Anzügen. |
| Sie falteten die Hände vorm Gemächt |
| und erwiesen dem Toten die letzte Ehre. |
| Dann zogen sie sich Gummihandschuhe an, |
| solche, die die Friseure zum Haarefärben nehmen. |
| Sie hoben meinen toten Vater samt Laken |
| aus seinem Gitterbett, |
| legten ihn auf eine Plastik - Iso - Matte, |
| die sie ausgebreitet hatten, die nach Formalin stank |
| und wickelten die Leiche in einen |
| silbernen mit Klettverschlüssen versehenen Kosmonautenanzug. |
| " Ab in den Himmel mit dir ! " |
| Es machte hhhritsch, hhhritsch, |
| und mein abgemagerter 50-Kilo-Vater war ein Paket, |
| rechteckig, 1,80 x 40. |
| Die beiden Männer falteten nochmals ihre Hände |
| in Schritthöhe und sagten mit gesenkten Köpfen: |
| Herzliches Beileid. |
| Dabei knickten sie nach vorne ab, synchron, |
| wie zwei Antennen mit Kugelgelenk. |
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Mein Vater ist gestorben |
| in einem Gitterbett, |
| nach 87 Jahren, |
| 4 deutschen Ländern, |
| 5 deutschen Währungen, |
| einem Jahr Knast, |
| 4 Jahren KZ, |
| 10 Jahren Emigration, |
| 3 Ehen . |
| Mein Vater ist gestorben |
| in einem Gitterbett. |
| Er hinterließ nur |
| mich. |
Hinweis: Der hier aufgeführte Text entstammt keiner gedruckten Publikation, sondern wurden von den Originalaufnahmen abgehört. Für ihre hundertprozentige Richtigkeit kann deshalb keine Garantie übernommen werden.