Melodie & Rhythmus 8 / 1988

Klaus Dieter Böhm

Und immer wieder Soul 

1968 in Berlin. Fredersdorfer Klub „Ostbahnhof“. Eine Session jagt die andere. Von Dixieland über Soulmusik bis Free Jazz ist alles möglich. Bekannte Gesichter:

Uli Gumpert, Klaus Lenz, Manfred Schulze …. Hier findet Hugo Laartz ( org, p ) seine Mannschaft für eine neue Band – das Modern – Septett: Andreas Altenfelder (tp ), Jürgen Fritsch ( ts ), Eugen Hahn ( b ), Gunter Wosylus ( dr ) Günther Dobrowolski ( g ), Klaus Nowodworski ( voc ).

Titel von Otis Redding, Wilson Ricket, James Brown, Jimmy Smith u.a. stehen auf dem Programm. So zieht man seine Kreise. Soul war angesagt …

Mit Conny Bauer ( tb ) verstärkte sich der Bläsersatz, und auch personell gab es Veränderungen. Kreativere Zeiten brachen an, es gab erste Rundfunkproduktionen mit eigenen Titeln. Und aus dem Moder – Septett war inzwischen die Modern – Soul – Band geworden. Man tourte mit Gastsolisten, fusionierte mit den Musikanten von Klaus Lenz zur Big – Band …

Diskotheken kannte man noch nicht. Aber in den Berliner Live – Läden wie Gesellschaftshaus Friedrichshagen, dem Eisenbahner – Kulturklub, und Rübezahl brannte die Luft. Engagierte Veranstalter sorgten dafür, das normale Konzertabende Rockfestivals wurden, bis zu zehn Bands ( auch polnische und ungarische Gruppen ) wetteiferten und musizierten miteinander …

Doch vor der aktiven Förderung einer breiten DDR – Rockszene gab es auch Durststrecken – die Haare waren zu lang, die Musik zu laut … Oder die musikalischen Moden wechselten, und so mancher glaubte, der Soul hätte seine Schuldigkeit getan.

MSB – Chef Hugo Laartz ( wohl so etwas wie der Soul-Vater der DDR ) hat es immer besser gewusst und zog mit der Band unbeeindruckt von allen Moderichtungen in Rock und Pop seinen Streifen durch …

1982 kam Christian Schmidt als neuer Sänger hinzu – „Joe Cocker aus Pankow“, wie Hugo damals sagte …

Und heute?  Man freut sich über Erfolge in den ehemaligen Live – Hochburgen wie Hartha, Colditz, Bad Liebenwerda oder Leipzig., Cottbus und Rostock. Gute handgemachte Musik wird wieder akzeptiert.

Klaus – Dieter Böhm war bei einem solchen Konzert, am 17.6.1988 in Colditz, dabei:

14.00 Uhr Treffpunkt Bahnhof Berlin – Köpenick. Warum so früh? Für einen ordentlichen Soundcheck müsse Zeit sein, werde ich belehrt. Nach drei Stunden Fahrt ist die „Colditzer“ Freilichtbühne erreicht. Konzertbeginn 21 Uhr. Aber ein Teil des Publikums ist bereits angereist, nicht nur aus Colditz. Man beobachtet und befachsimpelt den Soundcheck. Gitarre, Bass und Schlagzeug werden von „Arnold“ an den Instrumenten und „Schwinge“ am Mischpult eingestellt. Hugo macht seine Keyboards selbst startklar. Die meiste Zeit wird für die drei Bläser, das Markenzeichen von MSB, benötigt. Zunächst blasen sie ihre Mikros auf dem für sie aufgebauten Podest an, proben ihren Satz dann vorn an der Bühnenrampe.

Während dieser Zeit richtet „Kalle“ seine Lampen, Spots und Scheinwerfer auf alle Musikanten ein, die gerade auf ihren Positionen probieren. Schließlich spielt die ganze Band noch zwei Titel an, um die akustische Bühnensituation auszuloten. Das zahlreicher gewordene Publikum applaudiert …

Noch Zeit für einen kleinen Imbiss, ein kühles Getränk in der nahen Gaststätte. Inzwischen strömen die Massen auf den Platz, die Fans drängen sich um den Bühnenrand …

Das MSB Konzert beginnt mit einer kleinen Ouvertüre, einem Vorspiel ohne Akteure auf der Bühne, das sehr spannend klingt und ein wenig an südostasiatische Tempelmusik erinnert, rotes Licht und Nebel unterstützen diese Stimmung.

Das sich anschließende Instrumentalstück wird von Andre Erdmann am Saxophon und Anrey Horvath, dem neuen Gitarristen eingeleitet, dann ein nahtloser Übergang zum „Berliner Song“, und die Band steht komplett auf der Bühne. Kraftvoll und rau die Stimme von Christian Schmidt.

Bereits nach den ersten Titeln wird schon intensiv vor der Bühne getanzt. Getanzt wird auch auf der Bühne – die einstudierte Choreographie der drei Bläser läuft wie geschmiert, wirkt nie aufgesetzt. Spaß auf beiden Seiten.

Neue Titel sind im Programm zu hören ( leider eben nur für das Live – Publikum, denn die neuesten MSB – Produktionen im Rundfunk liegen bereits zwei Jahre zurück ! Schade und unverständlich zugleich ! ). Einige der neuen Stücke werden teilweise in englisch präsentiert, wie „Safari“, „Surchin“ oder „Everybody Needs Somebody To Love“.

Neu auch der Joe Cocker gewidmete Titel „Aber wenn du kommst und singst“. Begeisterung !

Die gilt auch Instrumentalem, wie Joe Zawinuls „Birdland“ oder Eigenem mit dem Titel „Ferrys Time“ – ein Stück für den Trompeter Ferry Grott.

Im Publikum scheint man die Songs alle bestens zu kennen. Ansagen erübrigen sich, die Songs kommen Schlag auf Schlag, bis der „Alte Soul“ an der Reihe ist …

Die Zugabe lag in der Luft. Und es bleibt nicht bei der einen: „Dont You Love Me Anymore“ von Joe Cocker. Man verlangt noch nach dem berühmten MSB – Joe Cocker – Medley. Es wird geradezu euphorisch aufgenommen. ( Und dabei fällt mir wieder ein: Wieso kam eigentlich niemand auf die Idee, diese Band – anstelle von NO 55 – als Vorgruppe bei den Joe Cocker – Konzerten einzusetzen ? ).

Nach mehr als zwei Stunden Konzert muss selbst der Skeptiker konstatieren: MSB ist eine Live – Band wie sie im Buche steht ! Spielfreude, Engagement und handwerkliches Können zeichnen die Modern Souler aus. Und nicht zuletzt das gelungene Bemühen, dem guten alten Soul immer wieder Leben einzuhauchen.

Auf der Rückfahrt erfahre ich noch von einem der belebendsten Augenblicke ( so Hugo Laartz ) in der MSB – Geschichte: von drei erfolgreichen Konzerten im März dieses Jahr in Dänemark, Auftritte in Klubs mit internationalem Ruf.

Aufmerksamkeit hatten wir vielleicht erwartet – aber Begeisterung, so viel Applaus, Zugaben … Das war schon erstaunlich für uns, auch insofern, das die Vergleiche zu internationalen bands auf der Hand liegen, so spielte am Vortag z.B. John Mayall dort … Für den Herbst erhielten wir eine neue Einladung …“

Und auch ich werde der nächsten Einladung zu einem MSB – Konzert mit Sicherheit folgen !