Rezension aus Melodie und Rhythmus 4 / 1977

Wolfgang Lange

 Nun hat auch die populäre Modern Soul Band aus Berlin ihre erste LP. Das freut einen. Man darf diese Band unter Gerhard "Hugo" Laartz zu den Pionieren des DDR - Beat rechnen, deren erhebliche Verdienste nicht zuletzt in der Pflege eines bläserbetonten Beat - und Soul Stils liegen, der Einflüsse von "Blood, Sweat and Tears" zu erkennen gibt. Das ist ja kein schlechter Einfluss.

Die Domäne der Modern Soul Band ist nun keinesfalls der Instrumental Titel, wie man auf Grund der bläserorientierten Besetzung annehmen könnte. Jeder, der die Gruppe kennt, weiß das. Und ich glaube, dem hätten die für die Auswahl der Plattentitel Verantwortlichen Rechnung tragen sollen. Die beiden mitgelieferten Instrumental Titel wirken als ziemlich uninteressante Füllsel, die man gern zugunsten weiterer, anregender Vokal - Titel eliminiert sähe, von denen die Band genügend im Repertoire hat.

Es sind weniger die instrumentalsolistischen Leistungen in " 5 nach halb 7 " und " Hallo Carlos ", die einen nicht sonderlich gewogen stimmen, sondern es ist die von blasser melodischer Erfindungskraft getrübte musikalische Substanz, die die Titel konturlos aussehen lässt. " 5 nach halb 7 " schleppt sich mühselig über die Drei - Minuten - Runde und hat zudem einen sehr beiläufigen Charakter, er klingt wie eine illustrierende Musik zu einem filmischen Verkehrsmagazin. Oder zu ähnlichem. Ein profilloses Thema eröffnet das Ganze um sich damit eigentlich auf Nimmerwiedersehen zu empfehlen. Es taucht zwar auf, aber allenfalls schemenhaft. Hinzu kommt, das die vielen Unisoni nicht mit gestochener Spannung musiziert werden und dem Kenner auch nicht verborgen wird, in welcher kaschierten Holprigkeit instrumentale Wechsel und Ablösungen erfolgen.

Kaum besseres ließe sich zum lateinamerikanisierten " Hallo Carlos " sagen, einem Titel mit allerlei geflötetem Rankenwerk. Er huscht, ohne Spuren zu hinterlassen, vorüber. Ein etüdenhafter Nonsens von Gerhard Laartz, den ich mehr als Lied - Komponisten schätze.

Fünf Lieder auf dieser LP sind von ihm. Diese und die anderen verfügen über etwas, was für sie einnimmt: Es sind ehrliche, im musikalisch - inhaltlichen Ausdruck unmittelbare Lieder. Es sind keine schwachen Lieder mit austauschbaren Zeilen, sie bleiben vielmehr konkret an der Realität. Teilweise haben sie appellartigen Charakter, beziehen moralisierend und ironisch Stellung gegen Stillstand, Saturiertheit und Verspießung.

"He, Mann" ( Laartz / Kramer ) fordert zur Selbstbesinnung auf, gewissermaßen zur individuellen Re - Humanisierung. "He, Mann" ist eine provozierende Intonation, jene meinend, die unentwegt egoistisch streben, pausenlos stur auf den eigenen Weg achten. "Autobiographie" ( Höhle / Branoner ), ein zünftiger Rock - Titel, nimmt die Legion jener Zeitgenossen aufs Korn, die das Wohlstand - Vehikel Auto zum wochenendlichen Prunkstück herausputzen und am liebsten auch die Reifen bügeln würden. Und auch "Verlier` nie die eig `ne Fantasie" ( Laartz / Maywald ) ist zu jener Gruppe appellierender Lieder zu zählen. Hier, wie bei fast allen Titeln, fällt die fehlende instrumentale Spannung des Musizierens auf. Beim letztgenannten Lied kommt als formale Ungeschicklichkeit hinzu, das an den Text - Schluss noch ein umständliches, immer wieder neu ansetzendes Instrumental - Finale angehängt wird.

"Himmel und Hölle" ( Laartz / Branoner ) und "Irrtum" ( Darsow / Branoner ) wenden sich auf durchaus unübliche, antiromantische Weise dem Verhältnis Frau - Mann zu. Ist es dort eine Variante zum Thema "Rätsel - Weib", so wird im anderen Lied ausgesagt über die Spantaneität plötzlicher Verbindungen, die ebenso schnell abbrechen kann wie sie zustande gekommen sind. "Himmel und Hölle" rechne ich, wie auch "Schlafen gehn", zu den gelungenen Titeln dieser LP ( übrigens alle sind Rundfunkaufnahmen ). Selbst eingedenk einer mir zu ausgeprägten Tendenz zu Abkapslung und Insolation ( auch im musikalischen Duktus, wenn "und nichts sehn" auffällig gemacht wird durch lange ausgehaltenen, ausgestellten Ton ) halte ich "Schlafen gehn" ( Laartz / Branoner ) für ein gutes Lied.

Regine Dobberschütz singt gleichsam mit schweren Augendeckeln ( diesen Gestus transformiert sie hervorragend ins Musikalische ) von einem Mädchen, das sich nur im Bett so richtig zuhaus fühlt. ( Dies ohne jegliche erotische Anspielung verstanden. )

Regine Dobberschütz, deren Stimme mitunter nicht sehr gesund klingt ( "Nochmal klein sein" ), und Klaus Nowodworski geben der Gruppe wohl das eigentliche Gesicht. Beide passen zwar im Duett "Irrtum" nicht so recht zusammen, ansonsten verfügen sie aber über ausgeprägtes Feeling und die Fähigkeit, ihre stimmlichen Mittel differenziert, je nach Eigenart und Inhalt der Lieder, einzusetzen.