Thomas Natschinski im Online-Interview - 05.11.2005

Th.Natschinski

 

Interviews

 

c Jens Kurze & Peter Günther * Oktober 2005 für www.ostmusik.de

 

Thomas – alles Gute zum Geburtstag ! Wie geht es dir heute ?

Danke für die Glückwünsche, es geht mir gut. Geburtstag in Familie – und wahrscheinlich wird Jürgen Walter, wie immer völlig überraschend vorbeischauen.

Thomas, Du bist ein Urgestein in der ostdeutschen Künstlerszene, hast mit vielen Künstlern in den unterschiedlichsten Bereichen gearbeitet. Wenn Du so zurückblickst in deine Bandzeit Ende der sechziger/ Anfang siebziger Jahre, woran erinnerst du dich dann spontan?

Die Anfangszeiten waren einfach genial. Wir haben einfach drauf los gespielt, ohne Hitparadendruck – und das, was wir wollten. Die Beatles waren unser Auslöser und unser großes Vorbild. Wir haben viele Songs von ihnen gespielt und natürlich dann auch unsere eigenen. Toll war natürlich auch, dass wir von der Jugendsendung „Basar“ entdeckt wurden und dank unserer deutschen Texte auch produzieren konnten, erst im Rundfunk, dann auch bei Amiga. Die erste eigene Single – das war schon ein tolles Erlebnis, sogar das Cover hatten wir selbst gestaltet.

 

  Ihr wart damals als Thomas Natschinski & Gruppe so etwas wie Pioniere auf dem Gebiet der populären Musik, habt deutsche Texte mit Elementen der Beatmusik zusammengebracht, ( schon lange vor der später so hochgejubelten neuen Deutschen Welle ) Wurde das seinerzeit mehr gefördert oder gebremst ?

Das mit den deutschen Texten war unser ureigenstes Anliegen. Die Beatles haben ja auch die Texte und die Musik selbst geschrieben, also haben wir das auch versucht. Dass das dann so erfolgreich wurde lag natürlich mit daran, dass wir aufgrund unserer deutschen Texte auch Zugang zu den staatlichen Studios bekamen. Die anderen Bands hatten entweder nur nachgespielte englische Songs oder Instrumentals und hatten es da schwerer.

Ich denke, die deutschen Texte wurden eher gefördert, weil es dadurch eben auch eine „ostdeutsche“ Beatmusik gab. Allerdings hatten auch wir mit einigen Songs Probleme. Zum Beispiel wurde ein Lied von uns „Werktag“ nicht veröffentlicht, weil darin ein Arbeiter morgens an der Bushaltestelle stand und fror. Ein sozialistischer Werktätiger freut sich auf die Arbeit und friert nicht. Mit solch seltsamen Argumenten hatten wir öfter zu tun. 

Ich bin mit deiner Musik aufgewachsen, habe selbst „ Die Straße“ oder „Lied von den Träumen“ gespielt, und zu meinen Lieblingsliedern gehören auch heute noch so berührende Lieder wie „Maja“ oder „Mädchen auf der weißen Bank“ von eurer 3. LP. - Auf dieser waren aber auch Texte über „die Schlacht um Wohnraum“ zu finden – Vorgabe „von oben“, Zugeständnisse eures Texters Hartmut König, oder einfach nur dem damaligen aktuellen Zeitgeist geschuldet ?

Das hatte auch wieder ursächlich mit unseren Vorbildern zu tun. Songs wie „A hard days night“ von den Beatles z.B. handeln ja auch von solchen Themen. Auch Bob Dylan oder die Rolling Stones haben oft solchen „Zeitgeist“ in ihren Texten verarbeitet. Allerdings waren solche Inhalte nicht bei jedem beliebt, weil es halt auch immer mit Staat und Sozialismus assoziiert wurde. Ich denke heute, dass Hartmut König damals schon ein wenig zu positiv über die DDR gedacht hat und aus heutiger Sicht sind mir manche Texte auch etwas zu dick aufgetragen. Damals habe ich das nicht so empfunden. Jedenfalls war es keine Vorgabe „von oben“ – aber die haben sich natürlich gefreut, dass sich eine Band mit solchen Themen befasst. 

Ich habe kürzlich Gaby Rückert & Ingo Koster, deinen ehemaligen Gitaristen, im Konzert erlebt – sehr schlicht, sehr persönlich, und sehr überzeugend. Und als Ingo die „Mokka-Milch-Eisbar“  anstimmte, wurde hinter mir lautstark mitgesungen. Das muss doch für einen Komponisten ein tolles Gefühl sein, wenn seine Lieder auch nach über 30 Jahren noch lebendig sind, oder ?

Dieser Song weckt in mir zwei unterschiedliche Gefühle. Zum einen ist es so ziemlich der schlagerhafteste Song unserer ersten Jahre – und wir hatten so viele, die einfach viel besser und schöner waren. Zum anderen ist es natürlich toll, wenn Songs so lange einen Wiedererkennungswert haben. Mich sprechen laufend Leute auf die „Mokka-Milch-Eisbar“ an und ich freue mich natürlich sehr darüber. Die Bar  hieß übrigens ursprünglich „Eis-Milch-Mokka-Bar“, aber das sang sich so schlecht. Also haben wir das umgedreht. Später ist die Leuchtreklame nach einer Renovierung unserem Song angeglichen worden. 

Nach deiner Armeezeit formierte sich 1973 Brot & Salz  als Nachfolger der Thomas-Natschinski-Gruppe ( die Agit-Prop-Texte im Beatmusik-Gewand wurden von Jahrgang 49  mit dem späteren Pankow-Gitarristen Jürgen Ehle  weitergeführt.). Der praktizierte Stil von liedhaftem Rock war in den 80ern recht erfolgreich. Schade, dass es nur spärliche Tonträger davon gab... Gibt es aus dieser Zeit Songs für Dich, an die Du dich heute noch besonders erinnerst und bedauerst, das sie nicht die Medien -Aufmerksamkeit erhielten, die sie vielleicht verdient hätten?

Ich finde es sehr schade, dass wir mit „Brot und Salz“ nicht mehr Erfolg hatten. Und ich weiß heute noch nicht, woran das gelegen hat. Vielleicht war unser Stil zu uneinheitlich, weil wir drei Bandmitglieder waren, die Songs beigesteuert haben. Die schönsten Songs waren vielleicht „Deine Schritte sind so klein“, „Nie zuvor“, Chef, lass mich rein“ und „Blues vom Abschied“. 

Warum hat sich Brot & Salz eigentlich aufgelöst ? Hatten die „härteren Kollegen“ das Ruder auf den Konzertsälen übernommen ?

Grund für die Auflösung war einerseits der fehlende Erfolg. Zum anderen bekam ich immer mehr Aufträge für Filme und Songs für andere Interpreten, auch Hörspiele und Schauspielmusiken – und das hat mich ab einem gewissen Zeitpunkt einfach mehr interessiert als die Rumreiserei auf den Tanzsälen und die laufenden Diskussionen mit Lektoraten und Berufsausweiskommissionen. Ich habe dann die Gelegenheit genutzt, als zwei Kollegen ausgestiegen sind, nicht noch einmal neu aufzubauen, sondern die Band aufzulösen.

Gibt es noch Kontakte zu ehemaligen Musiker-Kollegen von Brot & Salz?

Mit Ingo Koster und Helmut Frommhold gibt es immer noch eine sehr gute Freundschaft. 

Du warst immer wieder die gefragte „musikalische Feuerwehr“ als Keyboarder und Komponist für Einsätze bei Kollegen, so 1978 für Veronika Fischer ( es entstand das Album „Aufstehn“ ) oder 1980 für Karat. Wie kam es eigentlich zur dieser fast 3jährigen Zusammenarbeit ? War dies von Anfang an nur als Übergangslösung gedacht oder warum hast du die Band wieder verlassen ?

Die Arbeit mit Vroni hat mir sehr viel Freude gemacht und uns verbindet heute noch  eine gute Freundschaft. Für Vronis Winteralbum  „Dünnes Eis“ habe ich zwei Songs geschrieben und auch für ihre neue CD, die nächstes Jahr produziert wird, komponiert.

Die Karat-Zeit war sehr wichtig für mich. Dort habe ich sehr viel gelernt und bin vor allem sehr viel herumgekommen. Ed Swillms – ein Studienkollege von mir auf der Musikhochschule – war krank geworden und ich sollte ein halbes Jahr für ihn in der Band spielen. Daraus sind dann die drei Jahre geworden. Die Band wollte mich sehr gerne behalten. Aber ich habe mich entschieden, wieder ausschließlich als Komponist zu arbeiten und die Band zu verlassen. Es tat auch mir unheimlich leid, aber ich konnte meine Kompositionsaufträge einfach nicht mehr mit den Tourneen koordinieren.

Du hast gemeinsam mit anderen Künstlern sehr stimmungsvolle LPs für Kinder geschrieben. Das „Kinderfest“ ist immer noch eine der Lieblingsplatten meines Sohnes, er ist nach wie vor ein begeistertes „Piratenkind“ ...Wie problematisch ist es, sich in diesem Bereich gegen die Übermacht z.B. der Zukowski-Allgegenwart zu behaupten ?

Ich schreibe heute nicht mehr so viel für Kinder. Aus der Nachwendezeit gibt es ein Kindermusical „Der verzauberte Märchenwald“, das mit großem Erfolg im Space-Dream-Theater in Berlin gelaufen ist. Daraus hat sich dann eine schöne Zusammenarbeit mit den beiden „Drachenkindern“ Eddy und Freddy ergeben. Wir werden vielleicht nächstes Jahr wieder ein Stück auf die Bühne bringen. Die Konkurrenz ist überall im Musikgeschäft groß und der Einfluss der großen Konzerne übermächtig. Damit muss man wohl leben. 

Mitte der 90-er Jahre konnte ich endlich meine Orwo-Kassetten-Mitschnitte deiner 80-er-Jahre-Solo-Titel durch eine CD ersetzen. Lieder wie „ Eine Mütze voller Träume“ oder „ Will keine andre“ sind für mich einfach zeitlos : Easy-listening ( was so schwer zu machen ist ), mit modernen Sounds, leichten Country-Einflüssen , perfekt arrangiert, viel zu schade zum Vergessen . Umso ärgerlicher, dass sich heute kein Musikredakteur traut , davon was ins Tagesprogramm zu nehmen...  Wie bewertest du die momentane Rolle der Medien im Zusammenhang mit der ehemaligen ostdeutschen Musik-Kultur ?

Das ist eine sehr komplexe Frage. Ich bedaure es sehr, dass überhaupt im Rundfunk kaum noch deutschsprachige Musik zu hören ist. Oft sind es aber gerade die Oldies, die gespielt werden. Erfreulicherweise sind auch einige Titel von mir dabei, z.B. „Ich lieb Dich mehr und mehr“, was ich selbst gesungen habe oder „Berührung“ oder „Teil mit mir“ mit Gaby Rückert, oder auch „Clown sein“ mit Jürgen Walter. 

Dein Gespür für liedhafte Melodien und regelrechten Ohrwürmern hast du gern weitergegeben. Es gab eine sehr lange, sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit Künstlern wie Jürgen Walter oder Gaby Rückert. Viele Lieder wurden zu unvergesslichen Wegbegleitern und richtigen musikalischen Kostbarkeiten.(  „Clown sein“ ist im Original nun mal von Thomas Natschinski / Jürgen Walter, und nicht von Harald Juhnke ) . Die Leser der Zeitschrift „Super-Illu“ haben nicht umsonst vor kurzem in ihrer Abstimmung um den populärsten DDR-Hit aus der Vielzahl von Vorschlägen Gaby Rückert mit „ Berührung“ auf Platz 7 gewählt - Glückwunsch ! Dieses Lied zählt auch für mich zu deinen schönsten Kompositionen. Gibt es dieses Miteinander auch heute noch ? Was ist in dieser Richtung geplant ?

Mit Jürgen Walter gibt es eine dauerhafte wunderbare Zusammenarbeit. Wir arbeiten gerade an einem neuen Album, das Anfang nächsten Jahres erscheinen wird. Es macht wieder großen Spaß und ich glaube, dass mir einige sehr schöne Songs gelungen sind. Am 18.12.2005 in unserem traditionellen Konzert in der WABE in Berlin wird es einige Songs von der CD schon mal Live zu hören geben.

Mit Gaby habe ich natürlich auch noch Kontakt. Vor einiger Zeit habe ich Songs für sie geschrieben, die auf einer Single erschienen sind. Leider haben sie sich nicht so richtig in Szene setzen können – siehe die vorhergehende Frage. 

Du hast dich seit vielen Jahren voll auf deine Arbeit als Komponist für Film, Fernsehen und Bühne konzentriert, hast viel Kraft und Geld in dein Studio gesteckt. Was ist inzwischen entstanden, worauf bist du besonders stolz, und woran arbeitest du momentan ?

Das Highlight der letzten Jahre war natürlich die Show „Wunderbar – die 2002. Nacht“ im Friedrichstadtpalast Berlin, für die ich die komplette Musik komponieren durfte. Die Show lief anderthalb Jahre mit 400 Vorstellungen und hatte ca. 700.000 Besucher.

In diesem Jahr kam wieder mal ein Kinderfilm in die Kinos, der auch noch läuft: „Der Dolch des Batu Khan“. Regie führte Günter Meyer, mit dem ich ja sehr viele Filme gemacht habe, z.B. die beliebten „Spuk-im Hochhaus“-Serien und z.B. „Sherlock Holmes und die sieben Zwerge“.

Momentan muss das Album mit Jürgen Walter fertig werden. Außerdem schreibe ich ja die Illustrationsmusiken für die Kriminal-Feature-Reihe „Täter-Opfer-Polizei“, die jeden zweiten Sonntag um 19:00 auf dem RBB läuft.

Es wird im November eine Karat-CD erscheinen mit unveröffentlichten nachgelassenen Songs meines Freundes Herbert Dreilich. Er hatte mir noch kurz vor seinem viel zu frühen Tod einen Text gegeben „Manchmal denk ich“. Diesen Text habe ich im Frühjahr vertont und singe ihn selbst auf diesem Album, das von dem Peter Maffay – Gitarristen und Produzenten Peter Keller produziert worden ist. 

Ich habe gelesen, dass du gemeinsam mit deinem Vater Gerd Natschinski für das Volkstheater Rostock den Kult-Film „Heißer Sommer“ ( der 70-er-Jahre-Kino-Kassenschlager mit Chris Doerk und Frank Schöbel ) als Musical umgesetzt hast. Wie kam es zu dieser Idee und wie muss man sich die musikalische Umsetzung vorstellen?

Die Idee, aus dem Filmstoff ein Musical zu machen, ist nicht neu. Es gab auch schon Interesse einer Musicalcompany aus New York, die den Film auf die Bühne bringen wollten. Daraus ist noch nichts geworden. Aber das Theater in Rostock hat eine sehr schöne Fassung herausgebracht, die in diesem Jahr 8x aufgeführt wurde. Auf Grund des großen Erfolges wird es im kommenden Jahr 20 Vorstellungen geben. Die Kulisse war faszinierend – im Stadthafen Rostock auf einer eigens aufgebauten großen Freilichtbühne, im Hintergrund vorbeifahrende Schiffe – auf der Bühne Trabbi, alter Traktor und Barkas-Bus. An der musikalischen Umsetzung war ich nicht beteiligt. Ich wollte die Musik nicht selbst bearbeiten. Es ist immer schwer, von eigenen Stücken neue Bearbeitungen zu machen. Die Musik hat Thomas Bürkholz bearbeitet und auch selber dirigiert. Das Buch hat Axel Poike sehr schön nach dem Drehbuch geschrieben.

Würdest du auch als Musiker noch einmal auf die Bühne zurückkehren - vielleicht ganz solo mit deinen eigenen Stücken ?

Die Idee könnte mich schon reizen – ist aber nicht geplant. 

Gibt es einen Musiker oder Künstler, der dich besonders begeistert ?

Immer noch James Taylor, ganz neu Josh Groban, auch das neue Album vom Altmeister Paul McCartney gefällt mir sehr gut.

Abschließende Frage: surft du auch mal im Internet und informierst dich über aktuelles Geschehen auf  Seiten, die sich wie wir mit dem Thema Ostmusik beschäftigen ? Was hälst du von solchen Initiativen wie unserem Forum ?

Das Internet ist gerade für solche Themen sehr wichtig, weil oft die einzige Möglichkeit der Information und Kommunikation. Natürlich surfe ich recht viel, mich interessieren sehr viele Themen. Das Thema Ostmusik kommt bei mir automatisch immer wieder vor, weil ich ja selbst Bestandteil dieser Szene war und bin. Allerdings bin ich kein Ostalgie-Fan. Ich lebe jetzt und muss mich in der aktuellen Welt behaupten. Aber ich möchte keinen Moment meiner musikalischen Vergangenheit missen und habe in der Szene sehr viele Freunde.

Thomas, wir danken dir für die Möglichkeit dieses Online-Interviews. Wir wünschen dir alles Gute – und dass dich das immer noch aktuelle Interesse an deiner Musik und deiner Person zu weiteren tollen Songs inspiriere !