Neumis Rock Circus - Presse 1983

Melodie & Rhythmus  1/1983

   
 

Hahn im Korbe

 

Walter Kutzner

   
Nur wenige Situationen strahlen ein solch hohes Maß an menschlicher Schönheit, Glück und Güte aus wie jene, in denen Kinder – mal wie manisch gebannt mit sperrangel offenem Mund, dann wieder händeklatschend und höchstjubelnder Begeisterung – dem mehr oder minder fröhlichem Possenspiel von Kasperle und Clowns folgend. Gelingt es nun heute einem Clown, solch ungebrochene Kinderfreude noch beim wohl doch einigermaßen verwöhnten Rockpublikum, bzw. vollends Erwachsenen oder gar bei Omas und Opas für eine ganze Veranstaltung hervorzuzaubern, dann kann er für eine Weile mit sich und seiner Arbeit zufrieden sein: NEUMI kann das.
 

 

Als phantastischer Clown, als ätzender Satiriker und messerscharfer Parodist, als Pantomime, als Slapstick-Meister, als Spaßmacher im besten Sinne des Wortes oder auch nur als Rocksänger, liefert er mit seiner Band hochklassiges Rock – Entertainment, liefert er eine Show ab, deren Unterhaltungswert sich zweifellos auch auf internationalem Parkett messen könnte. Das rank und schlank vorweg.

Am 15.Oktober vergangenen Jahres nun stellte er, der nahezu alleinige Komponist und Texter (nur Circus Schlagzeuger Ingo Politz und Keyboarder Rainer Oleak steuerten zum neuen Repertoire je eine Komposition bei) im Berliner Haus der Jungen Talente das neue Programm seines rockzirzensischen Unternehmens vor. Fachpublikum war reichlich anwesend, auch hatten es sich zahlreiche Vertreter unserer Berufs – Rockszene nicht nehmen lassen, den freien Abend zur Begutachtung von NEUMIS Neuem zu nutzen.

Was dann über alle Originalität und Lustbarkeit der einzelnen Stücke des neuen NRC-Programms hinaus am meisten faszinierte, war nicht nur, das NEUMI das Ganze blendend zusammen hielt, hervorragend verband, sondern dass er die volle Zeit der Darbietung eine Spannung zu halten in der Lage war, in der jener eingangs erwähnten Kinderveranstaltungen verwandt ist. Und obwohl auf solcher Weise mehr denn je die besondere Art einer NEUMI – Personality – Show mit jener faszinierenden Vielfalt seiner Gesichter, Possen und Parodien das tragende Grundelement des neuen Programms geworden ist, ging doch auch der Rest der Band sowohl musikalisch, schauspielerisch als auch solistisch ein gehöriges Wegstück künstlerischen Fortschritts.

Nicht nur Ingo Politz und Rainer Oleak als die beiden weiteren, für meine Begriffe fähigsten NRC – Künstler haben das an diesem Abend bewiesen, sondern auch Gitarrist Stefan Schirrmacher und Bassist Hans-Joachim Schweda beherrschten das innerhalb des gestrafften dramaturgischen Rahmens komplizierter gewordene und wesentlich mehr Disziplin erfordernde Figurenspiel sowohl im theatralischen als auch im musikalischen Sinne.

Solche Straffung und Disziplinierung auch in weiteren Seiten des neuen NRC – Programms: Aufs äußerste stimmig und darum ebenso lobenswert waren Lichtkonzeption – und Dramaturgie des ROCK CIRCUS, die ein kontinuierlich durchdachtes, sparsam optimales und dennoch zumeist hell und freundlich strahlendes, zudem noch warmes, angenehmes Licht brachten; eine Lichtdramaturgie, die im gesamten Programm nicht in einem einzigen Fall der sonst im Rock so oft vorzufindenden mystischen Prätention vordergründiger, bzw. farblicher Überfettung oder auch nur einer oberflächlichen Rhythmisierung verfiel.

Die Musik: freundlich strahlender NEUMI – Rock, der aber auch an dem erforderlichen Quantum rockiger Härte keinesfalls zu wünschen übrig ließ. Eine ganze Reihe der neuen NRC-Titel auch sind feinsinniger und dialektisch spannungsreicher geworden. So etwa „Hahn im Korbe“, der Entree Song an jenem Abend, der mit seiner subtil rhythmisierten Triangel-Einleitung erneut die klare, jungenhafte Stimme Hans Joachim Neumann freilegte:

„Hab geträumt, ich wär ein Hahn im Korbe / sehr verwöhnt, grazil und fein / mit der Liebe hätt` ich keine Sorge/ alle Hennen wären mein.“

Allein für dieses ausgewachsene, sich schon in der ersten Strophe andeutende maskuline Wunschtrauma, von NEUMI in seiner typisch ironisierend grazilen und freundlichen Weise thematisiert, hat er eine Melodie  komponiert, die nicht anderes denn wunderschön zu nennen ist.

Nicht so beim Broiler Song („Der Broiler“). Zwar geriet das Publikum auch hier mit Recht im Angebot der Kostümierung, des Textes und der tänzelnden Verarbeitung in helle Begeisterung, dennoch aber ist der Gag, so phantastisch er auch war, wohl gerade angesichts des noch nicht gänzlich unbefragten moralischen Hintergrunds  industrieller Broiler – Mast für die Länge des Titels, d.h. insbesondere für die Anzahl der Refrainwiederholungen zu schnell verbraucht. Solch kritischer Akzent aber traf tatsächlich nur für wenige Details des sonst begeisternden NRC – Programms zu.

Die berstende, überwältigende Stärke scheint wiederum in ausschweifender befreiender Parodie zu liegen. Der Hohn etwa, von dem die Ideologie überhärteter und darum mit einem Rest gefährlicher Faszinationskraft ausgestatteter Bösewichter aus solchen Film Schinken vom Schlage „Spiel mir das Lied vom Tod“ durch NEUMIS ätzende Nachahmung tödlich getroffen wird, ist gerade vermittels der Unterhaltsamkeit der NRC – Aufbereitung äußerst wirksam und zutiefst fortschrittlicher Art.

Hinlänglich bekannt dürften oder sollten ja auch die mittlerweile schon tradierten NRC – Satiren bezüglich gewisser „Kulti“vierungen oder geminderter Bewusstseinformen des traditionellen Blues – Schemas sein. Nun sind eben noch neue hinzugekommen wie etwa der Titel von den ewig fotografierenden Touristen, der insbesondere dem zweifelsfrei gastfreundlichen Berliner Publikum am Herzen liegen dürfte, mindestens, sofern diese für den befreienden Absatz jener geschmackvollen Kugelschreiber- und größeren Plastimitationen des hauptstädtischen Fernsehturms aus den Souvenir Ständen am Alex sorgen. NEUMI jedenfalls benutzt dieses Requisit mit einer gewissen, nicht zu übersehbaren Lust.

Sogenannte große Themen fanden trotz aller auch im Sinne des „Harrspangen“ – Songs dominierenden Lustbarkeit im neuen NRC – Programm einen durchaus angemessenen Platz. Ich denke nur an das offensichtlich autobiographisch angelegte Stück „Ich brauche deine Küsse“, zu dem wirklich nichts hinzuzufügen wäre – wohl aber am Ausklang des Programms, als NEUMI Ernst machte, als er seinen Ball ans Publikum zurückgab, als er ihm doppelt und wahrhaftig den Spiegel vorhielt:

Er durchbrach den für das Publikum bis dahin unverfänglichen Entertainment Rahmen und zeigte sich noch in dieser prekären Situation, da die Gefahr der Betretenheit beim Auditorium hochgeschnellt war, als wahrhafter Artist, als authentischer Künstler mit zutiefst humanistischem Anliegen.

Befragt nach weiteren künstlerischen Wünschen – ungeachtet materieller Möglichkeiten – brummelte er verträumt etwas von Streichern, Bläsern, großem Chor und Tänzerinnen …

So, wie ihm dies einst zu wünschen wäre, wünschte ich ihm viel erfolg für seine fünfwöchige, Ende `82 erfolgte Sowjetunion – Tournee, für die er mir in typischer NEUMI Art dann auch noch probehalber in kraftvollem Russisch einige ebenso kraftvolle Ansagen vortrug.