Nr. 48

Engerling

Lyrik

 

Komp. Wolfram Bodag

 

Text: Wolfram Bodag

 
Geht ein alter Mann
seit vielen, vielen Tagen
unsre Strasse auf und ab.
Bleibt erstarrt vor jedem Türschild stehn,
als stünde er vor einem Grab.
Der Bart ist stopplig,
die Füße tun ihm weh,
sein Weg war lang und hart.
Er blickt sich traurig um
und läuft zu mir zurück.
Brubbelt etwas in sein Bart
und fragt mich
wo die Nummer achtundvierzig ist.
Doch ich kenn` sie nicht,
kenn` nur meine eigne Nummer.
 

Und ich frag

ob die besagte Achtundvierzig
wirklich in der Strasse sei.
Er pocht mit seinem Stock
an meine Haustür.
Dies hier ist die Nummer drei,
dann die Nummer fünf, die sieben
und die neun.
Gegenüber liegt die zwei,
so sei er bis an die fünfzig vorgestoßen.
Dort ist die Strasse vorbei.
 

Und ich nehm` ihn beim Arm

und geh die Nummern ab,
Haus für Haus.
Sechsundvierzig, siebenundvierzig,
fünfzig und aus.
Und er fragt mich fordernd
wo die achtundvierzig sei,
die Zahl ist nicht dabei,
nicht dabei ...
 

Und so renne ich seit vielen, vielen Tagen

unsre Strasse auf und ab.
Bleib gehetzt vor jedem Türschild stehn,
ob es die achtundvierzig wirklich gab.
Der alte Mann ist längst verschwunden,
mir wachsen Stoppeln im Gesicht.
Und wenn mich einer nach der Uhrzeit fragt ...
Ja, selbst den Monat wüßt` ich nicht.
Aber eines weiß ich,
bald wird jemand bei mir stehn,
und der wird mit mir gehn
nach der achtundvierzig sehn.

Hinweis: Der hier aufgeführte Text entstammt keiner gedruckten Publikation, sondern wurden von den Originalaufnahmen abgehört. Für ihre hundertprozentige Richtigkeit kann deshalb keine Garantie übernommen werden.