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TAZ 11.10.2004 |
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Auf fast verlorenem Posten |
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Dirk Becker |
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Ex-Pankow André Herzberg gastierte vor erstaunlich halbleerem Saal im Lindenpark |
Lieber noch
einmal nachfragen. Obwohl, die Ankündigung schien unmissverständlich:
Freitagabend im Lindenpark. Doch ein Blick vorbei an dem Stehtisch mit der
Geldkassette hinein in den Saal, in dem kaum ein Mensch zu entdecken war
verunsicherte. „André Herzberg spielt heute Abend wirklich hier?“ Der junge Mann
hinter der Kasse, Herrscher über viele unverkaufte Eintrittskarten, nickte. Ja,
Herzberg sollte hier sein neues Album „Losgelöst“ vorstellen. Im Januar war er
noch mit seiner ehemaligen Band Pankow im Rahmen einer begrenzten Reuniontour im
Lindenpark gewesen und der Saal wohltuend voll. Und jetzt?
Jetzt fanden nicht einmal 100 Leute vor die Bühne. Das ließ genug Raum für
Spekulationen. Im fast totenstillen Barbereich erklärte eine redselige Dame,
dass derartige Besucherzahlen auch Vorteile hätten. Sie könne, ohne Gedrängel
und ohne anzustehen, sehr schnell ein neues Bier erhalten. Für den Musiker aber,
und nun senkte sie ihre Stimme so als ob sie befürchten müsste, ihre Worte
würden bis zur Bühne klingen. Für den Musiker aber, flüsterte sie, ließ den Rest
unausgesprochen und wackelte, ihr Bedenken betonend, mit dem Kopf.
Herzberg und Begleiter nahmen es wie es war. Mit „Losgelöst“ begannen sie, doch
ganz gelöst schienen sie nicht. Seine musikalische Vergangenheit folgt Herzberg
auf Schritt und Tritt. Und sich davon zu lösen, fällt besonders schwer, wenn so
vielen einen daran messen. Als Pankow in Originalbesetzung hier im Januar
spielten, da wurde unmissverständlich deutlich, was diese Band so besonders
machte. 1981 gegründet, waren es von Anfang an Sänger André Herzberg und
Gitarrist Jürgen Ehle, die hier den prägenden Stempel drückten. Herzbergs
trotzköpfiger und oft nöliger Gesang, dazu Ehle mit seinem rotzigen
Minimalismus, der mit ein paar Tönen, zwei drei Akkorden ihre Lieder zu etwas
Unverkennbaren machte. Nicht musikalische Differenzen ließen die beiden Musiker
ab 1989 getrennte Wege gehen.
Der Schatten der Stasi,
wie Herzberg feststellen musste, reichte bis in ihre Freundschaft. Doch ihren
Liedern hat dies nie etwas anhaben können. Sie besitzen den besonderen Lack des
Rock 'n' Roll, an dem Zeit und Persönliches kaum kratzen können. Wann immer
Herzberg Pankowklassiker spielte, und er tat es oft an diesem Abend, war die
kleine Meute im Saal fast außer Rand und Band. Herzberg ohne Pankow, das geht
einfach nicht. Und weil er das weiß, gibt er dem Affen den geliebten Zucker.
Aber dafür verlangt er auch die Ohren für seine neuen Lieder. Mit manchen tat
man sich schwer. Andere dagegen, wie „Sisyphos“, zeigten, dass Herzberg sich
nicht von seinen Schatten dominieren lässt. Mit Jäcki Reznicek am Bass und
Stefan Dohanetz am Schlagzeug hatte er zwei Mitstreiter aus alten Pankowtagen
dabei. Raini Petereit an der Gitarre wird manchen noch von Rockhaus bekannt
sein. Etwas befremdlich wirkte nur der Militärstil, den Herzbergs Mitmusiker in
ihrer Kleidung pflegten und deren Grund sich einfach nicht erschließen wollte.
Am Ende, nach zwei Zugaben, wirkte André Herzberg doch gelöst und dankbar
gegenüber diesem überschaubaren Haufen, der genug Krach zu machen wusste.
Nachzufragen hatte sich an diesem Abend wahrlich gelohnt.