|
|
Melodie & Rhythmus 2/2004 |
|
Neues Album, neues Buch, neues Label |
|
Andre Herzberg hat sich „losgelöst“ |
|
Peter Matzke |
|
|
|
Das war kein Geringerer als Andres großer Bruder Wolfgang Herzberg, ein seinerzeit bereits anerkannter Wissenschaftler und Publizist, 11Jahre älter als Andre. Das spannungsvolle Verhältnis zu seinem großen, erfolgreichen Bruder dürfte Herzbergs menschlichen und künstlerischen Lebensweg nicht unerheblich geprägt haben. Paule Panke, das Rock-Theater-Stück aus dem Lehrlingsalltag, hatte mal Hans Currywurst geheißen und war auch schon den Gauklern angeboten worden. Die wollten es aber nicht spielen. Der kleine Bruder hat es dann hei seiner neuen Band untergebracht. Paule Panke wurde zu DDR-Zeiten zwar aufgeführt, aber erst in ihren letzten Zügen 1989 veröffentlicht. 1984 produzierte die Band als zweites Album dann ihre (und Frauke Klaukes) zweite abendfüllende Rocktheaterproduktion „Haus im Glück". Doch vor allem standen sie im Rampenlicht wegen ihrer knackigen Hits. Die Erwartungen waren von Anfang an hochgesteckt, da sich alle Musiker hinlänglicher und eines exzellenten Rufes in technischer Hinsicht erfreuten - und sie wurden nicht enttäuscht. Gleich die erste Rundfunknummer, die Geschichte von einem heißen One-Night-Stand mit der „wilden Wahnsinnsmaus" Inge Pawelczik, wurde ein echter Kracher (sie sind auch tatsächlich von einer Lehrerin verklagt worden, die so hieß ...). Ruppige Musik, ein frecher, aufmüpfiger Text (von Frauke Klauke) und ein überaus charismatischer Sänger waren das Erfolgsrezept. Dann das Texter Debüt von Andre Herzberg: „Die wundersame Geschichte von Gabi", jene Story eines netten durchschnittlichen Mädchens, das eines schönen Tages einfach aus dem Schulklo-Fenster in den Himmel rauffliegt. Sie kannten den Song auswendig im Osten ... Das erste Pankow-Album erschien 1983, hieß Kille Kille und sammelte die Hits noch mal ein: Rock 'n' Roll im Stadtpark, Werkstattsong, Das Lied von der Seensucht... 1988 legten sie dann mit „Aufruhr in den Augen" den wuchtigen ersten Akkord des Soundtracks zur Wende vor. Dieses Album gehört ganz sicher zu den wichtigsten Produktionen des Ostrock, besonders „Langeweile" wurde zum Kultsong: ,,Das selbe Land zu lange geseh`n, dieselbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt“. Bei der Zensurbehörde waren sie ganz schön mutig (oder besonders verschnarcht) gewesen – und Andre Herzberg hat die erste Wendehymne geschrieben. Zur Wende spielte er gerade Theater, dorthin hatte es ihn bereits in den 80ern, als er eigentlich ein richtiger Rockstar war, gezogen. Das Kapitel PANKOW hatte er 1990 erst einmal beendet. 1991 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum, dem 1994 Album und Show „Tohuwabohu“ folgten. 1995 moderierte Herzberg eine MDR-Show, ein Jahr später nahm er mit den Ex-Kollegen das Album „Am Rande vom Wahnsinn“ auf. 2000 erschien sein Erzählband „Geschichten aus dem Bett“ – sein Prosadebüt. Dieser Tage erscheint mit „Losgelöst“ sein 3. Soloalbum (das Best of nicht mitgezählt), mit „Mosaik“ sein zweites Buch sowie die erste PANKO-DVD, die u.a ein Konzert der Reuniontour 2004 enthält. Grund genug für das erste Interview mit M & R: Gratulation zum neuen Album. Da mir hier lediglich ein Rohling ohne weitere Beschriftung vorliegt, interessiert mich zunächst: Mit wem hast du die Platte eingespielt, von wem sind die Stücke? Die Texte sind natürlich alle von mir, musikalisch bin ich etwa mit der Hälfte beteiligt. Das Album entstand in zweijähriger enger Zusammenarbeit mit meinem Partner und Freund, dem exzellenten Gitarristen Reinhard Petereit, der früher mal bei Rockhaus war. In jüngster Zeit begegnete mir dieser Name öfter. Als ich mit Uwe Hassbecker und Ritchie Barton von Silly in deren Münchehofener Studio über ihre neuen Pläne und die anstehende JUMP-Arena Tour redete, kochte Reini einen exzellenten Kaffee: Er ist Tourgitarrist der Arena-Band. Vor kurzem traf ich für m&r Dirk Zöllner, der von seiner neuen Band schwärmte. Gitarre: Reini Petereit Es hat den Anschein, als wäret ihr eine große Familie. Ganz so kann man es nicht nennen. Aber wir kennen uns eben schon sehr lange und haben natürlich alle schon mal irgendetwas miteinander zu tun gehabt. Ich selber bin auch nicht unbedingt der Familienmensch, der mit allen gleich dicke ist. Aber mit Reini kann ich sehr gut. Ein sensibler Gitarrist. Und technisch natürlich topp. Seit Tohuwabohu, deinem letzten Album und diesem hier sind immerhin 10 Jahre vergangen... Das 96er Reunion-Album mit Pankow „Am Rande vom Wahnsinn“ beruhte zu 60 % auf Songmaterial von mir. 2000 gab es ein Best-Of -Album, da waren auch zwei neue Stücke drauf. Dazwischen das Highligen-Projekt mit Zöllner& Michaelis. Ich war nicht faul, aber es war nicht einfach für die Produktion des Albums und seine Veröffentlichung Partner zu finden. In der Musikindustrie herrscht nicht gerade optimistische Zukunftsstimmung ... In deinen Texten auch nicht. Na j, meine Texte zeichneten sich wohl noch nie durch übertriebenen Optimismus aus. Ich bin da wohl eher Fatalist. Ich habe auch nichts gegen einen Schuss Ironie. Was du Ironie nennst, bezeichnen andere als Sarkasmus, wenn nicht gar Zynismus. Du besingst „Das Ende alles Tage“ ; wobei alle lustig sein müssen: Wer nicht lacht, der hat versagt. Okay, dieser ist vielleicht ein bisschen apokalyptisch. Es gibt Tage, an denen es mir so geht. Ein Stück wie „Melancholie“ zum Beispiel ist doch eher ironisch, oder? Sicher - aber es ist insgesamt nicht die Art von Weitsicht, die Erfolg verheißt im Pop-Biz. Was ist schon Erfolg? Ist doch alles eine Frage des Maßstabs. Ich habe heute überall in den Zeitungen eine weinende Frau namens von Almsick gesehen. Die hatte auch mal Erfolg. Jetzt war sie nur fünfte. Alle halten sie für die große Verliererin, sie hat nie wieder eine Chance bei einer Olympiade. Ihre Lautbahn ist zu Ende Bin ich nicht viel glücklicher? Ich kann noch in 20 Jahren erfolglose Alben veröffentlichen. Und ich darf dann auch noch wie all die Male davor auf ein Wunder hoffen. Manchmal klappt 's einfach, und du hast den Zufall eben auf deiner Seite. Eines Tages habe ich auch einmal plötzlich ganz oben gestanden, das ging ganz schnell - es war auch Zufall. Erfolg ist relativ. Je mehr man davon hat, desto maßloser wird man. Ich habe jetzt ein Album veröffentlicht und zeitgleich ein Buch. Ich habe eine tolle Band und wir werden eine Tour mit 18 Konzerten spielen. Das ist ein schöner Erfolg für mich. Perspektivisch wäre es ein schöner Erfolg, wenn ich bis zu meinem seligen Ende von dem leben könnte, was ich jetzt tue. Diesem Ziel kämest du näher, wenn ihr Pankow wieder vereinigen würdet. Die Tour im vergangenen Jahr war ja ein Erfolg. Und alle erwarteten danach ein neues Album. Es kam aber keines. Ja, die PANKOW Tour lief gut. Wir haben danach kurz durchgeatmet - und sind wieder zur Tagesordnung übergegangen. Aber es gibt durchaus Pläne, was Neues zu machen. Das jedoch ist für mich noch nicht spruchreif und momentan stehen natürlich meine eigenen Sachen ganz vorne. Ich habe an Bass und Schlagzeug ja die alte Pankow-Mannschaft mit den Herren Reznicek am Bass und Dohanetz am Schlagzeug. Und natürlich Reini Petereit. Ich selbst werde auch eine E-Gitarre bearbeiten. Bleiben wir bei deinen Projekten: Erzähl was von deinem neuen Buch! Gerne. Es heißt „Mosaik“ und ist eine Mischung aus Tagebuch und fiktiven Szenen Das alles in einer Art Rückschau, die mein eigenes Leben reflektiert. Ich weiß gar nicht, ob man das schon Roman nennen kann. Es setzt einfach meinen eigenen Weg in ein bestimmtes Bild. Kindheit, Eltern, Umfeld. Manchmal fehlen ein paar Puzzle Teile, dann hört das Bild an dieser Stelle auf und setzt später wieder ein. Also eine Autobiographie? Zum Teil. Großen Raum nehmen Träume ein. Es ist ein bissel wie bei der „Wunderbaren Geschichte von Gabi", meinem ersten eigenen Text. Eine einfache Erzählung vermischt sich mit surrealer Traumsequenzen. Auf keinen Fall ist es einer jener voyeuristischen Ergüsse nach dem ,Motto: ,,Was ich schon immer gerne über mich loswerden wollte, aber bisher nicht zu erzählen traute". Nichts in der Richtung. ,,Die Wundersame Geschichte ..." ist vorn Anfang der 80er. Du hast lange gebraucht bis zu der Entdeckung, dass du auch Prosa schreiben kannst. Allerdings. Das Wort Schrittsteller ist von meiner Familie her schon mit einem derart hohen Nimbus versehen, dass ich jahrelang nie auf die Idee kam, ich könnte so was auch. Das war eher Sache meines großen Bruders. Hm. ...und es geht um viele Träume? Vielleicht ist dieses Buch die Dokumentation deiner Emanzipation von einer dominanten Familie - so etwa im Freudschen Sinne? Vielleicht. Wir sind gespannt! Abschließend musst du nun noch verkünden, wo dein Album erscheint! Na, bei deinem Chef? Im neuen Dunefish-Label. Genau! Der Mann hinter Dunefish ist Christian Hentschel - und der wiederum ist auch einer der Herausgeber des vorliegenden Blattes. |