Peter Tschernig Rezension 1987

Melodie & Rhythmus 8 / 1987

 

Lisa Mahn

 
     
Ziemlich sicher wird diese Platte eine brave Verkaufsziffer einbringen. Sie wird auf unzähligen Brigade -, Familien - und sonstigen feiern das Tanzen befördern, zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen und damit in unterhaltendem Sinne wirksam werden.

So wie es PETER TSCHERNIG seit etlichen Jahren auch live landauf landab vermag. Die nunmehr hier in Rede stehende Langspielplatte sei im Sinne ihres Titels "Irgendein Haken ist immer dabei" programmatisch verstanden und zum Anlass genommen für ein wenig Nachdenken darüber.

Im zweiten Titel seiner Platte sagt es PETER TSCHERNIG unmissverständlich: "Country - Music, das ist meine Welt, Country - Music, weil sie mir gefällt." Es ist hier sicher Country & Western gemeint, zumindest ist von den Wurzeln jener authentischen nordamerikanischen Volksmusik weißer Siedler aus der Gegend des Appalachen - Gebirges auf dieser Schallplatte nichts zu vernehmen. Country & Western ist in den USA zweifellos eine Säule der Musikindustrie mit eigen Stars, eigenen Hitparaden und spezifischem Umfeld. Was es damit im einzelnen auf sich hat, kann man im Handbuch der populären Musik von Wicke / Ziegenrücker nachlesen.

Die vorliegende LP kommt dagegen offensichtlich nicht gut weg in ihrer künstlerischen und politischen Bedeutung. Es tut sich die Frage auf, was wir damit anfangen können. In der Mehrzahl der Texte zur LP , die fast alle von PETER TSCHERNIG selbst stammen, ist er bemüht, volksverbundene, einfache Alltagsthemen zu gestalten. Dabei werden durchaus interessante Bereiche angesprochen wie mangelnde Nachbarschaftskontakte im Komfort - Neubau und deren Belebung ( "In dem Haus, in dem er jetzt wohnt" ), Vater und Kinder nach geschiedener Ehe ( "Jeden vierten Sonntag" ) u.a. .

Vor allem in diesem Lied wird allerdings deutlich, das die Ernsthaftigkeit und Tragweite des Sachverhaltes mit einer selbst bemitleideten Tränendrüsenattacke absolut nicht zu bewältigen ist. Text: "Ich bekam das Auto und sie das Sorgerecht",  und mit dem Blick auf das Kind: " Einmal wird er wissen, alles hat seinen Preis."  Es ist für den deutschsprachigen Schlager wohl ein grundsätzliches Problem, immer wieder den Versuch anzutreten, auch ernst genommen werden zu wollen und durchaus auch problematisieren zu können. Es ist doch, als würde ich mit einem Traktor zum Formel - Eins - Rennen gehen oder meinetwegen mit einem Porsche Feldarbeit versuchen ...

Apropos Funktionalität: Musikalisch ist jedenfalls soweit alles in Ordnung. Eine ( leider nicht namentlich genannte ) Studioband bedient die Country & Western - Erwartung komplett mit Fiddle, Banjo, Schlagzeug, Gitarre, auch der gesuchte Pedal - Steel - Guitar, und was sonst noch dazu gehört. PETER TSCHERNIG selbst singt wie ein richtig starker Mann: ganz tief runter gedrückte Stimmlage, und auch die deutschen Texte wollen in seiner besonderen Interpretation beinah amerikanisch klingen. Jedenfalls klingen sie fast wie die großen Cowboy Vorbilder Johnny Cash ( "Ring of Fire" ) oder Gunter Gabriel.

Alle Titel sind gute Tanzmusik ( zweimal im 3/4 Takt ). Es ist sicher deutlich geworden, was hier aus dem Country & Western übernommen worden ist. Reaktionärer US - amerikanischer Patriotismus ist es selbstredend nicht. Konservatives Denken, zumindest im Sozialen, teilweise allerdings. Das betrifft z.B. augenfällig das Verhältnis zur Frau, die als die stets verständnisvolle Daheimgebliebene geschildert wird ( "Nicht alles was man glänzen sieht" ) oder als den Männervergnügungen im Weg Stehende ( "Immer wenn ich lüge" ).

Ganz in diesem Sinne und auf den Punkt gebracht empfinde ich dieses augenzwinkernde Patriarchatentum in dem unsäglichen Stück "Es war mal wieder schön". Textausschnitt: "Was Schnaps doch für `ne  Wirkung hat, bei Bier da mach ich niemals schlapp ... Sie meinten ich hätt` Angst vor meiner Frau. So was hört ein Mann nicht gern. Ich und Angst, na, meine Herr `n ... Gegen zwölf war `s dann geschehn, ich konnte nicht mehr grade stehn`... Mir fehlt das Stück vom Film. ... Wenn mir auch der Schädel brummt, es war mal wieder schön."

Nachdem uns PETER TSCHERNIG im vorletzten Lied noch sehr persönlich versichert, das er mit durch und durch idealistischen Motivationen seinen Beruf ausübt ( "Ich kann beim besten Willen nicht anders leben. Ich kann `s  nicht, das hat nichts zu tun mit Geld" ), klingt die Platte schließlich aus mit dem Stück "Good Hearted Woman" von Waylon Jennings und Willie Nelson.

Der Vollständigkeit halber sei noch angefügt, dass fünf der dreizehn Titel bereits auf anderen Platten veröffentlicht worden sind.