Publikum, erste Reihe

Thalheim

Lyrik

Komp. Barbara Thalheim

Text: Fritz-Jochen Kopka

 

Sie sitzt in der ersten Reihe,

die Augen durchdringen die Brille aus Horn.
Die Brust hat ein Bett auf dem Leib,
sie drückt den Recorder, sie legt sich nach vorn.
Die Lieder trägt sie nach Hause,
das ist Hinterhofwohnung mit Innenklo.
Eigene Wände, Zeitschriftenbilder.
Der Spiegel zeigt immer das dicke Gesicht.
Sie drückt auf den Recorder,
Lieder, bedrängt von den Stimmen des Hofs.
Geilheit und Streit, Stöhnen und Stoß,
Ritzen der Seele, verhall`n folgenlos.
 

Sie träumt den unzerstörten Traum

für alles was natürlich ist,
haltlos über die Ufer tritt
das Hilfe braucht und Hilfe nimmt.
 

Wer wird dieses dicke Gesicht lieben,

diesen Leib von unbekannter Form,
der somit unverständlich ist.
Jeder bleibt bei der geltenden Norm,
kein Bild, kein Film zeigt Bilder davon.
Das Liebe ohne Schönheit auskommt,
nur in den Liedern bleibt eine Chance,
die haben vor keiner Erscheinung Angst.
Sie sitzt in der ersten Reihe,
sie drückt den Recorder,
leer ist der Saal.
Sie bleibt bis zuletzt,
ihre Gefühle sind unbesetzt.
 

Sie träumt den unzerstörten Traum,

für alles was natürlich ist,
das ohne Schönheit lieben kann,
das Hilfe braucht und Liebe nimmt.
 

Sie träumt den unzerstörten Traum,

davon, was möglich ist.
Und das sie, wenn der tag erlischt,
in einer ersten Reihe sitzt.

Hinweis: Der hier aufgeführte Text entstammt keiner gedruckten Publikation, sondern wurden von den Originalaufnahmen abgehört. Für ihre hundertprozentige Richtigkeit kann deshalb keine Garantie übernommen werden.