Rezension aus Melodie und Rhythmus 5/1989

Wolfgang Martin

     

Ihre 15. LP präsentieren die Puhdys als Co-Produktion VEB Deutsche Schallplatten/ Amiga und Koch - Records Münschen/BRD. Ich habe sie mittlerweile mehrfach von verschiedenen Tonträgern gehört: als Vinyl - Umschnitt  auf einer ORWO - Normalkassette, von Schallplatte und CD. Die Soundregistratur ist also sehr unterschiedlich ausgefallen, wenngleich alle drei Höreindrücke ziemlich klar verdeutlichen, das die Puhdys gerade auf den Soundmix sehr viel Sorgfalt verwendet haben.

Zerlegt man die LP in ihre Song-Einzelteile, die Songs ebenfalls in ihre einzelnen musikalischen Bestandteile, so konstatiert der geneigte Kritiker: Aha, die Puhdys haben also aus den Fehlern der letzten Plattenproduktionen gelernt, sind zu alten, erfolgsträchtigen Gewohnheiten und Arbeitsweisen zurückgekehrt. Das beginnt mit der Autorenschaft. Die Kompositionen werden als Ergebnis kollektiver Ideenrealisierung ausgewiesen, und nach reichlicher Selektion aus mehreren Angeboten hat man sich für einen extra entschieden, der mit dem Namen Kowarski angegeben ist.

Musikalische Experimente, wie sie insbesondere auf den Soloproduktionen von Dieter Birr ( „Maschine“ ) und Dieter Hertrampf ( „Quaster“ ) fehlgeschlagen sind, wurden auf dieser LP weitestgehend ausgespart. Die Puhdys haben sich auf das besonnen, was sie können, und womit sie viele Jahre den Ton auf der DDR-Rockszene angegeben haben: klar strukturierte, einfach Songs, die zum größten Teil auf ihren eigenen Hard-Rock-Traditionen aufgebaut sind.  Größter Vorzug: Auf einen harten Musikteppich wurden klangvolle Melodien gesetzt, die Computer zugunsten hand gespielter Instrumente im Einsatz reduziert.

Erfreulich zu hören das Klaus Scharfschwerdt nach dem in den letzten Jahren ( insbesondere auf der LP „Ohne Schminke“ )überstrapazierten Einsatz des Kollegen Drum-Computer nun wieder selbst trommelt. In drei Titeln ( „Auf der Fahrt“, „Neue Helden“ , „Wir sind allein“ ) gibt es die Fusion mit großem Orchester, mit den Arrangements von Peter Gotthardt. Auch das ist nicht neu bei den Puhdys. Erinnert sei an die Musikproduktionen zum „Paul und Paula“ Film, insbesondere das Stück „Von der Liebe ein Lied“. Ein Gotthardt ohne Paukenschläge ist kaum vorstellbar und so bekommt die LP mit dem Titel „Auf der Fahrt“ gleich einen fulminanten Einstieg, der die Wände wackeln lässt. Spätestens beim ersten Gitarren-Chorus allerdings kann man wieder durchatmen: Zum Glück, es bleibt Rockmusik !

Dann folgt „Kleiner Planet“, mein persönlicher Favorit. Dies ist ein stimmiges Lied, das das Zeug zu einem neuen Puhdys-Klassiker hat. Zu Recht wurde dieser Titel in der DDR als erster für die Medienpräsentation ausgekoppelt. Er besticht zunächst durch das elementare musikalische Prinzip der Dynamik, das ja spätestens seit Ravels „Bolero“ für alle Zeiten klassisch festgeschrieben wurde. Die Dynamik wurde in diesem konkreten Fall von den Puhdys geschickt genutzt, um die emotionale Wirkung eines nachdenkenswerten Textes über das notwendigerweise ewige Thema „Leben auf diesem Planeten und Bewahrung vor seiner Zerstörung“ zu erhöhen.

Auch bei dem folgenden, dem Titelsong „Neue Helden“, wird noch einmal nachdrücklich bewusst, was den künstlerischen Qualitätsverlust der Puhdys in den letzten Jahren in fast schmerzhafter Weise ausmachte. Waren nicht gerade sie immer federführend in der rockgemäßen Reflexion von sozialer und gesellschaftlicher Relevanz bestimmter Themen in den Texten ?

War dies nicht auch der Anlass und der Ausgangspunkt dafür, das Rockmusik aus der DDR in westlichen deutschsprachigen Ländern und anderswo gefunden hat ? Vielleicht ist es in unserem Land – und nicht zuletzt durch die Puhdys selbst – immer ein wenig verkannt worden, das der beste Teil von DDR-Rock-Lyrik auch Bestandteil unserer Nationalkultur ist, das sogar Nationalpreise vergeben wurden.

Gisela Steineckert hat darüber auf dem Kongress der Unterhaltungskünstler gesprochen. Der zeitweilig leichtfertige Umgang mit der Sprache, das nicht oder nur ungenügend beherrschte Handwerk, brachten den Puhdys Unglaubwürdigkeit und Popularitätsverlust. Wir leben in einer solch bewegten Zeit, wo man gerade von dem Teil Kunst Denkanstöße erwartet, der zuerst die Hirne junger Leute erreicht. Natürlich liegen zwischen denen und den Puhdys Generationen, die sich nicht unbedingt in jedem Detail ihrer Ansicht zum Leben verständigen oder gar einigen können. Insofern ist es gut, das die Puhdys und ihr Texter Kowarski ein erwachsenes Angebot machen.

Dennoch gibt es solch globale Themen, die uns alle angehen, die „Neuen Helden“ zum Beispiel.

Die A-Seite der LP halte ich für stärker als die B-Seite. Das liegt zum einen an der Brisanz der Themen, teilweise in großartigen Metaphern aufgelöst, zum anderen an der Farbigkeit der Musik: die schon erwähnten Fusionen, der Einsatz von Naturflöte, Akustik-Gitarre und Bläsern …

Einem Titel wie „Frei wie der Wind“ gebe ich absolute Hit-Chancen. Die B-Seite beginnt mit dem etwas mystifizierenden und gar zu wuchtigen „Wir sind allein“. Thema in Variationen, nur mit Worten, die mich nicht erreichen. „Mama, Erde, alte Fledermaus, fahr nur deine Radarohren aus“ oder „Papa Weltgeist sucht einen alten Drive“. Da tauch ich schon lieber in dem recht exotischen Zwischenspiel ab und vergesse solche Bilder.

Das von Quaster gesungene „Lichtermeer“ kommt wie ein Weihnachtslied daher und lässt mich weltanschaulich zweifeln, ob da ein und derselbe Texter am Werke war ( „Jeder hat sein Lebenslicht, bei dem Gevatter hat er `s stehn. Und erkennt das seinige doch nicht – wie gut.“ )

Ab Titel acht geht’s dann wieder bergauf, Puhdys - Typisches in Erinnerung an die erfolgreiche „Lebenszeit“ Phase mit „Leben ist zu kurz“. Der Text soll Mut machen zu bewusstem Leben, was auch das Nachdenken über den Tod und seine Endgültigkeit einschließt.

Als einzige Gastmusiker  ( bis auf das Orchester ) haben die beiden Keyboarder Carsten Mohren und Lothar Kramer mitgewirkt. Nach dem metallischen „Stier“ könnten die alten und auch vielleicht neuen Fans der Puhdys aus vollen Kehlen und mit gutem Gewissen ihr „Ole!“ rufen.

Ein würdiger Abschluss der Platte dann mit dem Lied „Herbstwind“, das in knappen Versen dem viel besungenen Kreislauf der Natur im Wechselspiel menschlicher Sehnsüchte ein neues Opus widmet.

Mit der LP „Neue Helden“ geben die Puhdys den viel versprechenden Startschuss für das 20. und letzte Jahr ihrer aktiven Gruppenlaufbahn. Trotz vieler traditioneller Elemente ist es keine Nostalgieplatte geworden. Der nötige frische Wind für eine Rockplatte, die über das Jahr 1989 Gültigkeit haben kann, ist trotz mancher Einschränkung hörbar.