Raggae Play - Presse 1982

Neues Leben  3/1982

 

Zerbeulte Blechschüsseln für Reggae – Fans

Jürgen Balitzki

 
Im Frühjahr 1980 fand man sich unter der musikalisch – inspirativen Schirmherrschaft der Herren Marley, Cliff und Brown zusammen, kramte in deren Repertoire, fand 30 Titel heraus und versah sie mit eigenen Texten. Eher der Not gehorchend als einer ausgereiften Konzeption, entstand mir nichts dir nichts die für REGGAE PLAY charakteristische Musikzierweise: Der von fröhlicher Börde – Metalität gemilderte Karibik Rhythmus paart sich Textmixturen aus Nonsens, Klamauk und Lebenswitz sowie einer dazu fast immer passenden Bühnenshow.
 

Der hinter seinem Schlagzeug sehr oft hervor hüpfende Frontmann Lutz Winkler meint heute, dass er echte Rocker kaum unter der Reggae – Standarte harmonisch vereint hätte. Glücklicherweise besaßen damals alle seine Kollegen keinerlei tanzmusikalische Vor –oder Verbildung. Reiner Roloff, erster Gitarrist der Band, kam sogar aus dem seriösen Bereich, zwei weitere Mitstreiter aus regional bekannten Singeklubs, wie SKAJ Schönebeck. Lediglich Lutz kannte die Praxis der Rocker – er spielte bei Punkt, den Primanern und bei Quintessenz.

Die ersten Tanzmuggen liefen ganz gut, die folgenden brachten Pleiten. Im Harz zum Beispiel, teilen sie selbstkritisch und doch mit einem Hauch Sendungsbewusstsein mit, forderten Tanzwütige die bekannten Standards („ihr habt doch `ne Orgel, spielt doch mal was von Deep Purple“).

   

Zumindest errangierten sie damals einen, wenn auch außermusikalischen Teilerfolg: Die Jungen verschwanden in Richtung Tresen, die Mädchen blieben.

Im Oktober 1980 ernteten sie in Fachkreisen Lob, nämlich zur Suhler Werkstattwoche Jugendtanzmusik. Der Rundfunk zeichnete im Weimaer Kasseturm ein Konzert auf, Musikredakteure griffen zu und sendeten eifrig, zum Beispiel den Nikolaus – Reggae „Stiefel aus“.

Wirkung: REGGAE PLAY gewann zusehends Mitspieler aus dem Publikum, auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn gelegentlich zerteilen Winkler & Co. zerbeulte Blechschüsseln und Kochtöpfe ans schlagkräftige Auditorium, lassen sich zunächst begleiten, um dann die wohlverdiente Pause anzutreten. Manch ein Aushilfstrommler soll die vorübergehende Abwesenheit der meister gar nicht registriert haben.

Alle reden über Kommunikation, REAGGAE PLAY macht sie – könnte ich sloganhaft formulieren. Und in der Tat: So ein heiter – aufgeschlossenes Tanz – und Hörpublikum wie weiland im Görlitzer Rockzentrum „Zwei Linden“ kam mir lange nicht mehr zu Gesicht. Verkleidungen und Schminke, ein vom Fasching bewahrtes Relikt, betonen das Clowneske der Aktion, verhelfen – das bekennen die Jünger des rhythmischen Nachschlags freimütig – zu mehr Selbstbewusstsein und damit Souveränität in der Handhabung spielerischer Mittel.

Beim Schreiben dieses Beitrages begann REGGAE PLAY den Umbruchversuch vom Amateur –zum Profistatus, fast alle studieren. Weder ein Fördervertrag noch ein Mentor beflügelten bisher die Arbeit, das Magdeburger Bezirkskabinett für Kulturarbeit will sich diesen Fragen allerdings widmen.