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Melodie & Rhythmus 1/1986 |
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Immer auf Tour - Reggae Play |
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Andreas Rosendal |
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Nie werde ich diese phantastische Situation vergessen, wie sie mir anlässlich des letzten Interpretenwettbewerbs der DDR-Unterhaltungskunst 1984 in Karl-Marx-Stadt widerfuhr: REGGAE PLAY hatte in jener Karl-Marx-Städter Sporthalle nur wenige Minuten zuvor - ihre damalige Silbermedaille mit einem furiosen, von Gags berstenden Auftritt in einer größeren Besetzung erkämpft, als sich am Rande einer kleinen Künstlerkantine, die hell in den ansonsten völlig dunklen Backstage-Raum strahlte, schon wieder kein Künstler, kein Org.-Leiter, kein Veranstalter mehr befand, denn sie hatten sich alle bereits zum darauf folgenden Auftritt von Silly bewegten, der gerade anlief. |
Nur ich saß noch mit einem Rest Kaffee in der Tasse mutterseelenallein da und wollte eben auch zu Silly aufstehen. Da kam er. Das heißt er kam nicht einfach so, sondern bewegte sich strengstens, als hätte er sich in seinem Leben nicht anders bewegt, in völlig perfekter, mechanistischer Robot-Art, in Electric - Boogie - Manier auf die Kantine zu. Man muss sich das vorstellen: dunkel, völlig ohne Publikum außer jenem, im Halbdunkel sitzenden Kaffeetrinker in meiner Gestalt. An der Kantine in dieser Fortbewegungsweise angekommen, bestellte er genauso, als sei er tatsächlich nichts anderes als ein Roboter, holte mit eckigen Bewegungen sein Portemonnaie heraus, bezahlte, nahm Sandwich und Getränk in Empfang, sah sich um usw., sehr zum Erschrecken des älteren Kantinen-Ehepaares, das die Szenerie gleich mir wohl noch nie so erlebt hatte. Ich selbst war auch total fasziniert, zwar nicht so sehr durch das erstaunliche Geschehen schlechthin, sondern vielmehr über die Präzision und Perfektion, mit der er jede Bewegung bis hin zum Rausholen des Geldes, Bezahlen usw. exakt linear synchronisierte, koordinierte.
Das war Break, wie ich ihn mir jenseits des artistischen Schnickschnacks immer erträumt hatte, also reale Handlungen in diesem Stil. Kurzum: Lutz Winkler hatte sich eine kleine Privatvorstellung gegeben, er übte oder vielmehr: Er war wohl in Wahrheit mit seinem vorhergehenden Bühnenauftritt für sich noch gar nicht ganz fertig, die Realität der Bühne hallte nach. Und das war auch der Punkt, an dem ich seinerzeit nur ganz für mich und unbekannterweise mit ihm Freundschaft schloss, denn spätestens dies hatte den REGGAE PLAY-Kopf in dieser Situation vollends als das gezeigt, was er war und ist: ein wirklicher Künstler, mit unbändiger Leidenschaft in ständiger, glücklich taumelnder Mimesis gefangen und fernab all jener Nummernkünstler, die sich auf die Bühne stellen, um dort nur innerlich distanzierte etwas Erstarrtes „abzufackeln", über die Bühne zu bringen", abzutun.
Traumatisch schön, wirklich unwirklich war jedenfalls diese für mich unvergessliche Episode. Ob sie indes als solche heute identisch zu wiederholen ist, wage ich zu bezweifeln, denn REGGAE PLAY befand, befindet sich seit ihrer Gründung im Februar 1980 in steter Veränderung. So ist auch heute, da ich diese Zeilen schreibe, das gerade noch aktuelle REGGAE PLAYProfil in dieser allzu praktisch - ökonomisierten Trio Besetzung mit diskofreundlichem musikalischem Repertoire effektiv schon wieder Vergangenheit, denn REGGAE PLAY befindet sich von Dezember '85 bis Februar '86 in einem Probenlager.
Dort wird die Band mit einer neuen, um drei Instrumente erweiterten Besetzung ein neues Programm einstudieren, dessen Orientierung hin zu einer größeren, heiteren Show hingeht. Ohne Zweifel kommt damit die Band auf diese Weise auch wieder zu ihren ursprünglicheren, wesentlich mehr von martialen Gags, wilden Späßen und ätzenden Slapsticks bestimmten Programmen zurück. Von dieser streunenden Art nämlich war in der Trio-Besetzung (Lutz Winkler - voc, Andreas Raab - keyb und Jürgen Rohrreis - keyb) sehr zu meinem Bedauern nicht mehr viel übrig geblieben, auch wenn die pragmatischen Disko-Songs, sehr munter-flockig, eingängig waren und ein hohes professionelles Niveau zeigten.
Immerhin kann Michael Rath, der Bandmanager, für neun Monate Auftrittszeitraum 1985 auf sage und schreibe 268 absolvierte Live-Konzerte zurückblicken. Dies spricht ganz bestimmt auch für ihre Popularität, aber wie es dem dabei eigentlich so extensiv auf ausschweifende Späße bedachten Lutz Winkler ab und zu zumute gewesen sein muss, wage ich mir nicht vorzustellen. Sicher dürfte es ihm dabei nicht nur gelegentlich auch eines Gag - Partners, so wie er ihn früher hatte, ermangelt haben. Aber wie immer ökonomisch und sonst wie hart der Musiker-Alltag auch sein mag, es harren da allenfalls mit der neuen Besetzung und Showprogrammatik wesentliche Dinge unser, auf die man sich sicherlich freuen kann. So haben die Musiker von Reggae Play am 19. November 1985 auch im Dresdner Hygiene-Museum ihren 1000. Live-Auftritt gefeiert, gemeinsam mit allen sechs ehemaligen wie heutigen REGGAE PLAY `n, mit den DDR-Meistern im Breakdance, mit einer abgestimmten, integrierten Modenschau ...
Ganz gewiss ist dies subtiler Meilenstein, gleichermaßen Abschluss wie Auftakt gewesen, denn blickt man auf die knapp sechs REGGAE PLAY, so ist viel zu verzeichnen Zweimal konnte die der Sowjetunion an Trasse gastieren, zweimal an „Rock für den Frieden“ teilnehmen, konnte Musik für die IOC-Session Berlin komponieren, kann auf eine ganze Reihe Titeln und Auftritte im Fernsehen der DDP verweisen.
Gegenwärtig laufen im Rundfunk besonders die Stücke „Was ist los“, „Eisfee", wenngleich solche Spitzennummern wie die„Fahrradtour", „Electrorobot", „Draußen warten“, „Streit ums Mädchen“, „Mein Freund will zur Disko" u.a.m. kaum in Vergessenheit geraten sollten.
Eine Langspielplatte bei AMIGA ist im Gespräch, durchgehend REGGAE PLAY und durchgehend live. Man kann gerade auch angesichts der clownesken Spezifik von REGGAE PLAY über eine Live - LP als Debüt - Platte durchaus geteilter Meinung sein, was aber dabei herauskommt muss man einfach abwarten. Schwierig bleibt eine solche Platte allenfalls, zumal alle visuellen Aspekte und parodistischen Explosionen quasi ausgespart bleiben.
Vielleicht ist - so gesehen - REGGAE PLAY mit ihren Besonderheilen auch mehr als die meiste Bands unseres Landes eine reine Live-Band: Das selbst in der jüngst vergangenen Trio-Besetzung Reggae und Spiel erhalten blieb, das die Band vielfach und unkonventionell in Zirkussen auftrat und das die erneut fülligen, extensiven Erweitrungen faktisch als verwirklicht gelten können, lässt wohl nicht nur mich an mehr als eine bloße Fortexistenz dieser erstaunlichen, vitalen Band der Magdeburger Szene hoffen.