Raggae Play - Thomas behlert  2008

„WIR WAREN WOHL ZU ALBERN“

Thomas Behlert

 

Reggae Play machten die Musik aus Jamaika in der DDR bekannt

Ende der 1970er Jahre stagnierte die Rockmusik in der DDR gar gewaltig. Viele Bands begannen sich noch mehr mit ernster Musik zu beschäftigen, man entwickelte Rockopern, besang den Mittelpunkt des Menschen, ein unscheinbares aber sehr teures Bild in Dresden oder besuchte mit dem Saxophon bewaffnet einen riesigen Dom. Zu lachen gab es nichts, wenn es da nicht den Bezirk Magdeburg gegeben hätte. Hier gründeten sich 1980 gleich zwei Gruppen, die in der Musik den Spaß sahen und der Zauselmusik frisches Leben aus New Wave und Reggae entgegen setzten. Neben Juckreiz war es vor allem Reggae Play, die den jungen Leuten das gaben, was sie wollten: Lustige Texte, tanzbare Musik und eine sehenswerte Bühnenshow. Reggae Play gründete Lutz-Peter Winkler, der an der Musikschule Weimar ein Fernstudium absolvierte, zusammen mit den Direktstudenten Harald Piehler, Rainer Rohloff und Tobias Mogenstern. Letzterer ist der bekannte L`Art de Passage Musiker, der RP nach seiner Bluesband-Phase als einen großen Spaß ansah, aber in erster Linie „als eine große Herausforderung, zumal ich bis dahin Reggae noch gar nicht kannte“. Jetzt ist er ein großer Fan, die Reggae-Musik gehört zu seinen „Lieblingsstilen“. Während seiner Reggae-Play-Zeit, die 14 Monate andauerte, war die Band schon fleißig live unterwegs und nahm an der Musikantenwerkstatt in Suhl teil. Morgenstern, der wohl als einer der wenigen Musiker in der Welt mit dem Akkordeon Reggae spielte, verließ die Band, um sich zunächst ganz auf das Studium zu konzentrieren.

Die DDR-Jugend war von den lustig angezogenen Magdeburger Musikern sehr begeistert, die ersten eigenen Songs, wie „Stiefel aus“, „Eisfee“, „Ich bin noch anders“ und natürlich, die Urlaubhits schlechthin: „Die Fahrradtour“ und „Sommerreggae“, verbreiteten gute Laune und konnten während einer Disco-Veranstaltung ohne Probleme gespielt werden. Oder man sah die Band sogar live als kultureller Höhepunkt, zwischen zwei Disco-Blöcken. Nachdem Morgenstern weg war, stockte Lutz Winkler die Band mit Bläsern auf und verbündete sich mit dem Sänger Arnulf Wenning, der vier Jahre dabei blieb. Eigentlich war die Besetzung nun gefunden, aber wie Arnulf Wenning erzählte, mischte sich die Bezirkskommission des Bezirkes Magdeburg ein: „Ein alter Stalinist namens Koch und seine Helfer drohten uns mit einem DDR weiten Auftrittsverbot, sollten wir nicht umgehend zwei Musiker entlassen. Hintergrund war ein Studienabbruch, was mit dem Entzug der Spielerlaubnis einherging“. Unter dem Druck der BK verließen die Musiker die Band, was wiederum den Zerfall der Gruppe bedeutete. Winkler und Wenning brauchten einige Monate, um Reggae Play neu aufzubauen. Wenning: „Um leben zu können, fuhr ich in dieser Zeit Schwarztaxi, denn das Geld wurde schnell knapp.“ Lutz Winkler nach den Bandmitgliedern befragt, kann sich nicht mehr genau erinnern: „Es waren wohl 22 Musiker, die im Lauf der Zeit bei Reggae Play spielten, manche halt einige Jahre, andere nur wenige Wochen, weil wir denen wohl zu albern waren“. Auch der Stern Combo Meißen Sänger Reinhard Fißler kam zu Reggae Play, weil seine Hausband sich in Richtung Tanzmusik und NDW orientierte und ihn durch den Schnuckelbuben Ralf Schmidt (IC) ersetzte. Dabei waren außerdem: Klaus Wehrmann (später: Tutti Paletti), Frank Brenneck (Chicoree) und Hein Prüfer (Express, Renft).

Das Schöne an Reggae Play war, dass sie sich nicht einfach im wabernden Nebel schmachtend an die Mikrophone hingen, sondern eine witzige Show mit Kostümen, Requisiten und ausgeklügelten Choreografien präsentierten. Die bunten Klamotten sind aus heutiger Sicht immer noch herrlich albern und sehr in die Zeit passend. Wenning: „Wir trainierten sogar mit der Magdeburger Breakdance-Szene, da wir die Elemente in unsere Show einbauen wollten, beispielsweise bei dem Song „Electrorobot“. Aber auch Wenning verließ RP, um sich eigenen Ambitionen hinzugeben: „Mich begeisterte immer die Swingmusik. Ich hatte das Glück, dass ich gleich nach dem Ausstieg Arnold Fritzsch kennen lernte, der mir meinen ersten Hit „Eisdame“ schrieb, einen Song, den ich mit Stepptanz verband und später sogar mit Fips Fleischer und Big Band aufführen konnte“. Nun ist Arnulf Wenning mit der Leipziger Bigband unterwegs, mit denen er Swingklassiker und neue Songs aufführt. Wer ihn hört, vergisst schnell Roger Cicero.

1988 durfte Lutz Winkler endlich, zusammen mit Reinhard Fißler, Andreas Raab, Jürgen Rohmeis und Heinz Prüfer, die LP „Ich bin ganz anders?“ aufnehmen, die vorwiegend „alte Kamellen“ enthielt. Zu den Aufnahmen auf Platte oder im Studio meinte Wenning: Die meisten Lieder kann man nicht so hören, wie sie von uns gemeint sind und live gespielt wurden. Die Freunde vom Rundfunk haben sich immer viel Mühe gegeben, um ihre eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Wir waren mit den Aufnahmen nie zufrieden.“ Das Album wurde im vergangenen Jahr neu verlegt, in einer 3er CD-Box, leider ganz ohne Bonuslieder. Fans vermissen immer noch: „Schuhe aus“, „Elektrorobot“, „Mein Freund will zur Disco gehn“, „Ich bin verliebt“ und „Eisfee“. Winkler, der die Seele von Reggae Play war, die meisten Texte und Kompositionen schrieb, hat sich aus dem Musikgeschäft zurückgezogen. 2002 gab es zwar in Magdeburg noch einmal einen spektakulären Auftritt in großer Originalbesetzung, mir afrikanischer Trommeltanzgruppe und Reinhard Fißler als zweiten Sänger, aber ansonsten befördert er Menschen mit dem Heißluftballon über die Weiten Sachsen-Anhalts. Mit seiner Firma Balloninsel hat sich Lutz Winkler ganz der Fliegerei verschrieben. Was er als Musiker vermisst hat, kann er nun ganz genießen: Die absolute Freiheit.