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Reggae Play
machten die Musik aus Jamaika in der DDR bekannt
Ende
der 1970er Jahre stagnierte die Rockmusik in der DDR gar gewaltig.
Viele Bands begannen sich noch mehr mit ernster Musik zu beschäftigen,
man entwickelte Rockopern, besang den Mittelpunkt des Menschen, ein
unscheinbares aber sehr teures Bild in Dresden oder besuchte mit dem
Saxophon bewaffnet einen riesigen Dom. Zu lachen gab es nichts, wenn
es da nicht den Bezirk Magdeburg gegeben hätte. Hier gründeten sich
1980 gleich zwei Gruppen, die in der Musik den Spaß sahen und der
Zauselmusik frisches Leben aus New Wave und Reggae entgegen setzten.
Neben Juckreiz war es vor allem Reggae Play, die den jungen Leuten das
gaben, was sie wollten: Lustige Texte, tanzbare Musik und eine
sehenswerte Bühnenshow. Reggae Play gründete Lutz-Peter Winkler, der
an der Musikschule Weimar ein Fernstudium absolvierte, zusammen mit
den Direktstudenten Harald Piehler, Rainer Rohloff und Tobias
Mogenstern. Letzterer ist der bekannte L`Art de Passage Musiker, der
RP nach seiner Bluesband-Phase als einen großen Spaß ansah, aber in
erster Linie „als eine große Herausforderung, zumal ich bis dahin
Reggae noch gar nicht kannte“. Jetzt ist er ein großer Fan, die
Reggae-Musik gehört zu seinen „Lieblingsstilen“. Während seiner
Reggae-Play-Zeit, die 14 Monate andauerte, war die Band schon fleißig
live unterwegs und nahm an der Musikantenwerkstatt in Suhl teil.
Morgenstern, der wohl als einer der wenigen Musiker in der Welt mit
dem Akkordeon Reggae spielte, verließ die Band, um sich zunächst ganz
auf das Studium zu konzentrieren.
Die
DDR-Jugend war von den lustig angezogenen Magdeburger Musikern sehr
begeistert, die ersten eigenen Songs, wie „Stiefel aus“, „Eisfee“,
„Ich bin noch anders“ und natürlich, die Urlaubhits schlechthin: „Die
Fahrradtour“ und „Sommerreggae“, verbreiteten gute Laune und konnten
während einer Disco-Veranstaltung ohne Probleme gespielt werden. Oder
man sah die Band sogar live als kultureller Höhepunkt, zwischen zwei
Disco-Blöcken. Nachdem Morgenstern weg war, stockte Lutz Winkler die
Band mit Bläsern auf und verbündete sich mit dem Sänger Arnulf Wenning,
der vier Jahre dabei blieb. Eigentlich war die Besetzung nun gefunden,
aber wie Arnulf Wenning erzählte, mischte sich die Bezirkskommission
des Bezirkes Magdeburg ein: „Ein alter Stalinist namens Koch und seine
Helfer drohten uns mit einem DDR weiten Auftrittsverbot, sollten wir
nicht umgehend zwei Musiker entlassen. Hintergrund war ein
Studienabbruch, was mit dem Entzug der Spielerlaubnis einherging“.
Unter dem Druck der BK verließen die Musiker die Band, was wiederum
den Zerfall der Gruppe bedeutete. Winkler und Wenning brauchten einige
Monate, um Reggae Play neu aufzubauen. Wenning: „Um leben zu können,
fuhr ich in dieser Zeit Schwarztaxi, denn das Geld wurde schnell
knapp.“ Lutz Winkler nach den Bandmitgliedern befragt, kann sich
nicht mehr genau erinnern: „Es waren wohl 22 Musiker, die im Lauf der
Zeit bei Reggae Play spielten, manche halt einige Jahre, andere nur
wenige Wochen, weil wir denen wohl zu albern waren“. Auch der Stern
Combo Meißen Sänger Reinhard Fißler kam zu Reggae Play, weil seine
Hausband sich in Richtung Tanzmusik und NDW orientierte und ihn durch
den Schnuckelbuben Ralf Schmidt (IC) ersetzte. Dabei waren außerdem:
Klaus Wehrmann (später: Tutti Paletti), Frank Brenneck (Chicoree) und
Hein Prüfer (Express, Renft).
Das
Schöne an Reggae Play war, dass sie sich nicht einfach im wabernden
Nebel schmachtend an die Mikrophone hingen, sondern eine witzige Show
mit Kostümen, Requisiten und ausgeklügelten Choreografien
präsentierten. Die bunten Klamotten sind aus heutiger Sicht immer noch
herrlich albern und sehr in die Zeit passend. Wenning: „Wir
trainierten sogar mit der Magdeburger Breakdance-Szene, da wir die
Elemente in unsere Show einbauen wollten, beispielsweise bei dem Song
„Electrorobot“. Aber auch Wenning verließ RP, um sich eigenen
Ambitionen hinzugeben: „Mich begeisterte immer die Swingmusik. Ich
hatte das Glück, dass ich gleich nach dem Ausstieg Arnold Fritzsch
kennen lernte, der mir meinen ersten Hit „Eisdame“ schrieb, einen
Song, den ich mit Stepptanz verband und später sogar mit Fips
Fleischer und Big Band aufführen konnte“. Nun ist Arnulf Wenning mit
der Leipziger Bigband unterwegs, mit denen er Swingklassiker und neue
Songs aufführt. Wer ihn hört, vergisst schnell Roger Cicero.
1988
durfte Lutz Winkler endlich, zusammen mit Reinhard Fißler, Andreas
Raab, Jürgen Rohmeis und Heinz Prüfer, die LP „Ich bin ganz anders?“
aufnehmen, die vorwiegend „alte Kamellen“ enthielt. Zu den Aufnahmen
auf Platte oder im Studio meinte Wenning: Die meisten Lieder kann man
nicht so hören, wie sie von uns gemeint sind und live gespielt wurden.
Die Freunde vom Rundfunk haben sich immer viel Mühe gegeben, um ihre
eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Wir waren mit den Aufnahmen nie
zufrieden.“ Das Album wurde im vergangenen Jahr neu verlegt, in einer
3er CD-Box, leider ganz ohne Bonuslieder. Fans vermissen immer noch:
„Schuhe aus“, „Elektrorobot“, „Mein Freund will zur Disco gehn“, „Ich
bin verliebt“ und „Eisfee“. Winkler, der die Seele von Reggae Play
war, die meisten Texte und Kompositionen schrieb, hat sich aus dem
Musikgeschäft zurückgezogen. 2002 gab es zwar in Magdeburg noch einmal
einen spektakulären Auftritt in großer Originalbesetzung, mir
afrikanischer Trommeltanzgruppe und Reinhard Fißler als zweiten
Sänger, aber ansonsten befördert er Menschen mit dem Heißluftballon
über die Weiten Sachsen-Anhalts. Mit seiner Firma Balloninsel hat sich
Lutz Winkler ganz der Fliegerei verschrieben. Was er als Musiker
vermisst hat, kann er nun ganz genießen: Die absolute Freiheit. |