Reform Presse 1985

Melodie und Rhythmus  10/1985

Tänzer werden niemals müde - 10 Jahre Reform

Walter Kutzner
     

So clever auch die clever – unterkühlte Namenswahl der neu gegründeten Magdeburger Rockband die Rockfans unseres Landes seinerzeit überrascht haben mag - alles andere als unterkühlt ist ihre Musik gewesen, von Anfang an, durch die Jahre, und bis auf den heutigen Tag. Auch das kalt Berechnende, Kalkulierte, das im Wort clever" nicht unwesentlich mitschwingt, traf auf die heißblütige Sand zuallerletzt zu. Wer die leidenschaftlichen Musiker jemals live kennen- und schätzen gelernt hat, weiß, wovon ich rede.

Zehn Jahre also wird REFORM in diesem Monat jung, und ihre Geschichte ist genauso bewegt und bewegend wie ihr Repertoire. Mehrfach reformierte REFORM sich neu, so wie auch heute wieder, formierte drei Langspielplatten (die neue schon mit gezählt) wie auch eine ganz ungewöhnliche Reihe von innovations-­ und kooperationsfreudigen Live-Aktivitäten. Mehr als 30 Rundfunkproduktionen, zehn Singles stehen zu Buche, von den Mitwirkungen auf Sammel - LPs genauso wenig zu reden wie von all den geradezu selbstver­ständlichen Teilnahmen an den „SoliBeat"-Aktionen, an „Rock für den Frieden" oder auch nur an all den Fernsehsendungen, vom „Kessel Buntes" über „rund" bis zu „STOP! Rock".

Endlich die längst wohlverdiente Goldmedaille zum Interpretenwettbewerb der Unterhaltungskunst der DDR vor drei Jahren wie sicherlich auch der Kunstpreis des Bezirkes Magdeburg gaben der approbierten Band die Genugtuung: Ich selbst zähle REFORM von Anbeginn an zu den kraftvollsten, unbändigsten und autonomsten Erscheinungen der relativ großen Rockszene unseres relativ kleinen Landes.

Denke ich nur an jene brillant gestylten, singenden Live-Gitarrenduos, wie man sie einzigartig von REFORM kennt, erwärmt sich mein Herz. - Fällt so dem vor kurzem aus gesundheitlichen Gründen ausgeschiedenen Bandgründer und Leadgitarristen Jörg Blankenburg als ruhigem, zähem Mann der Form zweifellos alle Rock-Ehre zu, dürfte mithin das blutende, leidenschaftliche Herz der Band im Ausdruck Stefan Treptes begründet sein. Das Publikum honorierte ihm seine brennende Interpretation, indem er acht mal zum populärsten Rocksänger der DDR beim Rundfunk gewählt wurde - und was noch schwerer wiegen dürfte: Er ist Komponist der Mehrzahl ­ aller REFORM - Stücke, die besonders durch ihre allgemeine Dynamik, durch ihre nervöse Urwüchsigkeit wie durch feingebildet -  geschmackssichere Originalitäten bestechen.

Auch wenn man eine nur kleine Revue von Trepte-Kompositionen passieren lässt, wird das deutlich: Angefangen mit dem überaus würdigen Stück „Soldat vom Don", dem inbrünstigen „Mein Herz soll ein Wasser sein" (beide sind auch auf der neuen LP „Uhren ohne Zeiger" vertreten) über das geradezu religiöse „Ich suche dich", die beiden wilden Stücke „He, Schwester küß mich" und „Dicke Bohnen" wie auch das im Text leider etwas didaktische „Der Tod und das Mädchen" (alle vier von der 79er LP) bis hin zu einem solche Meisterwerk wie „Wenn die Blätter fallen“, „Stadtgesicht“, das groß arrangierte „Über uns“ oder all den anderen, hochwertigen Songs der 81er „Löwenzahn“ – LP bis also jüngst hinein in den glänzenden Refrain des eingangs zitierten „Tänzer" oder des bereits außerordentlich erfolgreichen Titelsongs „Uhren ohne Zeiger", liegt eine große Kollektion vor, die mehr als bemerkenswert ist.

Fast Trepte-archetypisch etwa dürfte die Spannung sein, die zwischen jener triumphal-dynamischen Introduktion, auch Refraingestaltung und dem doch ansonsten so nüchtern­strengen „Uhren ohne Zeiger" -Text liegt, wie überhaupt Trepte -Kompositionen vielfach von verhaltener Spannung, verhaltenem Druck zu bersten scheinen.

Leider stand mir von der neuen LP bislang nur ein unglücklicher Mitschnitt zur Verfügung, so dass auch ich mit Spannung auf die neue Langspielplatte warte, zumal sehr interessant sein dürfte, in welchem Maße die Fortführung oder Erweiterung der auf der „Löwenzahn“ -LP bereits weiterhin günstigen Sound-Optimierung gelang. Wir werden sehen.

Obwohl sich bestimmt auch die produktive, bewährte und zumeist sehr passabel auf Stefan Trepte zugeschnittene Zusammenarbeit mit der Reform-Haupttexterin Ingeborg Branoner im gewohnten Stil fortsetzen wird, kommt doch das Anspiel von Reform in ihrem zehnten Jahr durchaus einem Neuanfang gleich. Mit dem Blick auf die gegenwärtige Besetzungsliste von Reform erschließt sich sogleich, welche enormen Möglichkeiten, Potenzen, aber auch Aufgaben sich mit dieser frischen, verjüngten Besetzung verbinden, verbinden lassen. So ist neben Stefan Trepte heute Thomas Kolbe nicht nur an den Keyboards, sondern auch schon kompositorisch erfolgreich tätig geworden („Tänzer"). Michael „Leo" Lehrmann dürfte als langjähriger Gitarrist sowohl bei der Schubert-Band, insbesondere aber bei Brigitte Stefan & Meridian der bekannteste Musiker in der neuen Besetzung sein, denn sowohl der neue Schlagzeuger Christian Jähnig kommt von der relativ unbekannten Band Krokodil als auch der Bassgitarrist Reinhardt „Maxe" Repke, der ebenfalls aus einer Amateurband stammt.

Die Technik-Crew mit Peter Haenel (Ton), Lutz Ewert (Licht) und Gerald Hinneburg (Bühne) ergänzen dann das neue REFORM -Team, das unter der organisatorischen Leitung der freundlichen wie rührigen Veronika Jarzombek über alle Proben- und Neueinstudierungs-Arbeit hinaus ein interessantes Ko - Projekt mit dem Zirkus H geplant hat. Ab 1986 wird REFORM dort unter anderem nicht nur mit Teildarbietungen, sondern mit direkten zirzensischen Einsätzen aufwarten, worauf wir sicherlich sehr gespannt sein dürfen. Ich jedenfalls gratuliere der Gruppe anlässlich ihres zehnjährigen Jubiläums sehr herzlich und wünsche ihnen mindestens für die nächste Dekade vollen Power in allen künstlerischen Fragen.