Reform Presse 1983

Melodie und Rhythmus  2/1983

Frische und Intensität - Reform

Walter Kutzner
     

 

Zweifellos zählt REFORM seit ihrer Gründung Im Jahre 1975 zu den interessantesten, weil eigenwilligsten, zudem noch zu den gestandensten Bands unserer Rockszene. So war und ist es bis auf den heutigen Tag ein Erlebnis, an REFORM -Live-Veranstaltungen teilzunehmen: Deren Frische und Intensität plus dem allgemeinen Rock- Druck, der in der geschliffenen, REFORM -typischen Gestalt nahezu ohne Nebel oder sonstwedes Rock-Brimborium von der Bühne herunterkommt, lösten in mir ständig den Wusch nach ebenso gefeilten und brillanten REFORM -Platte bzw. Rundfunkproduktionen aus.

Als dann im Herbst 1979 bei AMIGA (einer Übernahme von Rundfunkproduktionen) die erste der beiden REFORM -LP erschien, blieb trotz der passablen Qualität der Platte, etwa im Hinblick auf die erreichte Klarheit im Ausdruck, die Hervorarbeitung eben jener phantastischen, stets etwas unterkühlten Brillanz besonders der beiden REFORM -Leadgitarren dann doch etwas hinter dem Wünschbaren zurück.

 

Dennoch war mit dem vorliegenden, endlich greifbaren Vinylprodukt ein Markstein, ein Höhepunkt in der REFORM -Geschichte erreicht. So, wie jede Musik mit und von den in ihr waltenden Spannungen und Veränderungen lebt, spitzten sich nach dieser Platte dann auch Span­nungen innerhalb der Gruppe zu, Veränderungen wurden absehbar, und ich erinnere mich noch gut einer Reform-Veranstaltung im Berliner „Colosseum"-Kino, da die Mitwirkung Stefan Treptes, des Sängers, Komponisten und Keyboarders, an diesem Abend als letztmalig angesagt wurde.

Stefan aber blieb bis heute. Sicher nicht zum Nachteil der Band, da er nicht nur kompositorisch, sondern eben auch live einen Gutteil der aktionsgeladenen Spannung der Reform -Veranstaltungen wegträgt. Wenn auch nicht in jedem Falle bis aufs feinste geformt und kalkuliert, sind so seine mitreißend urwüchsigen, nahezu explosiven, sowohl gesanglichen wie gestischen Ausbrüche in ihrer Kraftfülle doch immer wieder eindrucksvoll. Aber auch die filigranen, dynamischen Chorusse der beiden Leadgitarristen Günther „Grete" Fischer und Jörg „Matze" Blankenburg sowohl im Duo als auch solistisch prägten und prägen das Markenzeichen Reform in gleichermaßen entscheidender Weise.

Immer wieder drängte sich mir unter diesem Aspekt die Gegenüberstellung mit der vergleichbaren Gitarrenarbeit der renommierten britischen Gruppe Wishbone Ash auf, ein Vergleich, der oft zugunsten von Reform ausfiel, mindestens insofern, als sich die Gitarrenchorusse von Reform vielfach lebendiger, wärmer und weniger manieriert zeigten als die weithin frostigen von Wishbone Ash.

Indes wäre auch das nur die klangliche Hälfte, würde die Rhythmusgruppe mit dem wühlenden, kraftvollen, wenn auch gelegentlich live etwas diffusen Bassspiel von Mike Demnitz und das füllige, solide Schlagzeugspiel von Peter „Beppo" Förster fehlen. Mit der zweiten, 1981 edierten „Löwenzahn"-LP zeigte REFORM, das sie sich der vielfach vordergründigen Rede von den Forderungen der 80er Jahre im mit einer hintergründigeren, komplizierter und wohl auch etwas scher gewordenen Spielweise stellten.

Zu berichten gäbe es auch über das etwas länger währende Zwischenspiel des Geigers und Keyboarders Hans Wintoch bei REFORM, dessen Mitwirkung besonders live eine weitere, farbige Facette in der REFORM - Geschichte ausmachte.

Heute wäre der Gruppe alsbald und insbesondere zur Entlastung Stefan Treptes die Einbeziehung eines zweiten fähigen Keyboarders zu wünschen. Das gute REFORM -Renommee führte übrigens auch zu einer Reihe Auslandsaktivitäten. So etwa einst in der CSSR in Gestalt einer Tournee mit dem Collegium Musicum, mehreren erfolgreichen Auftritten in der der Ungarischen VR im vergangenen Jahr wie auch den im Sommer diesen Jahres bevorstehenden Tourneen in die UdSSR, VR Bulgarien und wieder nach Ungarn.

Dafür wäre REFORM viel Erfolg zu wünschen wie auch für all die neuen Titel, die REFORM bereits beim Rundfunk einspielen konnte und die zu hören ich schon Gelegenheit hatte.

„Was ich liebe", ein wiederum sehr freundlich-flüssiges im Text menschlich -warmes Stück, oder ­ etwa auch „Rock 'n' Roll", das durchaus gelungene, textlich unprätentiöse Autoren-Debüt Günther Fischers, haben gezeigt, das sich REFORM nun auch schon nach der letzten LP längst der heute im Rock waltenden, stagnativen Bedrohung entzogen hat.