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Rezension Melodie und Rhythmus 8/1982 |
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Wolfgang Lange |
Die neue REFORM – Langspielplatte „Der Löwenzahn“, deren Titel sämtlich aus Rundfunkaufnahmen bestehen, ist von jener Art, die einen in hohe Lust und in große Unlust des Zuhörens empor reißt und hinab stößt. Sieben Titel zwischen fünf und siebeneinhalb Minuten Dauer. Der Inhalt einiger Titel rechtfertigt kaum ihre Länge. Stefan Trepte ist der Komponist und Arrangeur, Ingeborg Branoner die Textautorin ( nur „Über uns“ hat auch Trepte in Worte gefasst ).
Als Lust-Titel favorisiere ich den all –und altbekannten, im guten Sinne reißerischen „Das hab ich nicht so gern“ und des weiteren „Der Löwenzahn“. Der erstere geht wirklich sehr fein los, ist ungeheuer musikantisch, hat mächtigen drive, kann den Zuhörer gar nicht kalt lassen, setzt ihn irgendwie schön in Bewegung. Auch liegt das gewiss daran, dass der Text einen ernsten Hintergrund – vielfache Sinnbilder menschlicher Reaktion auf aggressives Umwelt Verhalten – durchaus unprätentiös, dennoch nachhaltig gestaltet und auch der vokale Part von Stefan Trepte nicht verbissen bitterernst gesungen wird oder gar mit kämpferischem Gestus versehen ist.
Treptes Interpretation balanciert instinktsicher den Raum zwischen pointiert – gelöster Straffheit und tonlich Aggressivem aus. Das macht ihm so leicht keiner nach. Das differenzierte Klangbild dieses Titels gefällt mir besonders im instrumentalen Mittelteil, wo sich aus plötzlicher beschaulicher musikalischer Haltung wieder der alte treibende Rhythmus einpendelt und neue Kraft gewinnt. Ansonsten gehören alle instrumentalen Vor-, Zwischen –und Nachspiele nicht gerade zu den Stärken der Gruppe. Sie haben oft einen gravierend anderen musikalischen Charakter als er dann im vokalen Teil bestimmend ist. Man erkennt da zuwenig einen funktionellen Zusammenhang zwischen den beiden Mitteilungsebenen.
Noch mehr farbliche Nuancen offenbart Stefan Treptes Stimme im „Löwenzahn“. Sein angenehm widerborstig – aufgerauhtes Timbre hat da ebenso genre-spezifische Weichheit wie Schärfe des Ausdrucks. Nichts scheint da erzwungen, sondern ganz aus lockerer innerer Befindlichkeit zu kommen. Die Geschichte dieses Titels lässt sich allerdings auch gut erzählen. Wo einstmals ein von Löwenzahn übersätes Fleckchen war, führt jetzt eine tote graue Asphaltstraße zum Dorf. Aber nach einiger zeit bröckelt die Straße, der Löwenzahn dringt durch – und wieder wird eine neue Asphaltstraße gebaut …
Um den ewig alten Kampf zwischen Natur und zerstörender Technik geht es. Die Autorin lässt, wie könnte es anders sein, auf ihrer Hoffnung auf den Sieg der Natur keinen Zweifel – „Nichts schlägt ihn (den Löwenzahn) aus dem Feld!“ Diesen Triumph teilt auch die Stimme Treptes mit, wirklich, er kann in einer Weise singen, die nicht einfach vom musikalischen Impuls, sondern auch von text – inhaltlichen Belangen gelenkt wird.
Weil dies alles als einheitlicher künstlerischer Organismus erkennbar ist, halte ich dieses Lied für sehr gelungen. Diesen Abstrich allerdings muss ich machen: Vor- und Zwischenspiel mit ihren weit ausschreitenden Intervallen pressen da eine fast unziemliche Bedeutungsschwere auf diesen Titel. Auch gefällt mir nicht der unklare verschwimmende, musikalischer Raffinesse entbehrende Satzgesang der Gruppe, den man so auch in anderen Liedern findet.
An diesen beiden Titeln hat sich meine ausführliche Darstellung geklammert, dieweil hier die schöpferischen Potenzen der Gruppe am markantesten erscheinen. Anderes ist unausgeglichen in der musikalischen Gestaltungsweise. Unsicherheiten zwischen Absicht und Realisierung fallen auf, auch eine gewisse Neigung, musikalische Interessantheit um jeden Preis zu verwirken.
„Stadtgesicht“, ein thematisch recht origineller Titel über die Misere der Städter, ihr Gefangensein hinter Häusermauern, ihre Ausbruchsversuche in die Natur, ist ein schlagendes Beispiel. Bläserbestückter, jazzrockartiger Instrumentalklang, denaturierte Geigen – Breaks, Bemühen, Hektik des Großstadtgetriebes durch Musikalisches zu erfassen, alles immer an der Grenze zur formalen Unordnung. Nur die Ironie der vokalen Linie, die sich des klagenden Tons übers Stadtleben erwehrt, scheint mir gelungen.
Etwas peinlich sogar finde ich „Schöner Traum“, dessen anderthalbminutiges Vorspiel einen in die Irre führt, da es die dann folgende Travestie nicht im geringsten ankündigt. So weit, so gut. Was die höher fliegende Stimme Stefan Treptes immer ernst erzählt – er hat einen schönen Traum von einem Mädchen mit langem Haar – zerrt die tiefere Stimme Günther Fischers im textlichen Kanon in die Gosse der Verballhornung. Dies finde ich ohne ästhetischen Effekt, weil der Donnerschlag der Wirklichkeit, die den Traum anlöst, ohnehin laut genug ist: Am Morgen steht die eigene Frau am Bett des Träumers, um mitzuteilen „Wer abends säuft, muss morgens trotzdem raus“.
Die öde Frank-Zander-Masche, die von Günther Fischer Besitz ergriffen hat (siehe auch „Über uns“) kulminiert dann im von Restalkohol und Kater – Situation grundierten Statement „Mach nicht so `n Gesicht, ich liebe dich“.
Ich bin für Titel mit sozialkritischer Diktion, für solche, die über menschliches Zusammenleben ungeschminkt berichten, ich glaube, Sinn für Humor zu haben – das hier finde ich geschmacklos.