Wochenpost  Januar 1982

   
 

Drei Abende im Palast

 

Bernd Hönig

   
So etwas hatte es noch nicht gegeben: An drei Abenden hintereinander spielten die führenden Rockgruppen unseres Landes im Großen Saal des Palastes der Republik. Kein Wunder, daß die Karten schon lange zuvor restlos ausverkauft waren. Was erwartete das junge Publikum von seinen Gruppen und Solisten? Von den »Puhdys« mit Sicherheit »He, John« und »Was vom Leben bleibt«, »Der blaue Planet« von »Karat«, »Der eine und der andere« von »Stern Meißen«, »Das einzige Leben« von »Karussell«... - die DDR-Spitzenparade 1981 in der Musik-Kartothek weist es aus. Es erwartete also eine Musik, die los -, die unter die Haut geht. Es erwartete Musikanten, die nicht schlechthin ihr Handwerk beherrschen, die es vielmehr einsetzen, um zu artikulieren, wie ihnen ums Herz ist, was ihnen durch den Kopf geht, worüber sie in Dialog treten wollen mit ihren Zuhörern. Ehrlichkeit also. Haltung.

Die »Puhdys« bekennen sich mit »He, John« zum Ex-Beatle nicht allgemein, sondern zu dem John Lennon, der mit »Give Peace A Chance - Gebt dem Frieden eine Chance« selbst Haltung bewies. Eine Haltung, die eine Vorstellung in mir aufkommen läßt: John bei den Friedensdemonstrationen in Bonn, Paris, Amsterdam oder Washington, John an der Seite von Harry Belafonte, Udo Lindenberg und anderen, an die auf den großen Projektionsflächen im Saal erinnert wurde! Sein Tod dürfte einem Präsidenten Reagan, einem Kriegsminister Haig nicht gerade Tränen in die Augen getrieben haben.

Bewußtsein für die Mitverantwortung am Zustand der Welt spricht aus »Der blaue Planet« von der Gruppe »Karat«: »Muß dieser Kuß und das Wort, das ich dir gestern gab, schon das letzte sein? Soll unser Kind, das die Welt noch nicht kennt, allezeit ungeboren sein?« heißt es im Text von Norbert Kaiser. »Uns hilft kein Gott, unsere Welt zu erhalten!« Ed Swillms hat eine Musik dazu gefunden, der sich keiner so leicht entziehen kann, die mobilisiert.

Und wie viel Menschlichkeit offenbart sich in »Das einzige Leben« von der Gruppe »Karussell«, in der Sorge um eine Mutter, die für ihren »Traum von einer großen guten Welt« erst im Jenseits Erfüllung erwartet, die ihr Glück im Entsagen findet. Ein Glück, das sich nicht mitteilt, das man nicht teilen möchte.

Drei Lieder - Beispiele nur -, die auf ganz unterschiedliche Weise Farbe bekennen, unsere Farbe.

Es spricht für unser junges Publikum, daß es Rocktitel wie diese an die Spitze der DDR-Spitzenparade setzte. Es spricht für unsere Rockmusikanten und ihre Texter, daß sie auch solche Themen angingen, daß sie sie künstlerisch überzeugend und massenwirksam gestalteten. Es spricht für unser Land, daß sich Publikum und Künstler einig sind, wo Menschlichkeit in Frage steht - das hat ja Voraussetzungen, die von der hohen Staatspolitik bis hin zum Wirken unserer Massenmedien reichen. Und in diesem Rahmen haben auch Titel ihren Platz, in denen es »nur« um Liebe geht, in denen Späße getrieben werden, in denen der allgemeinen Nachdenklichkeit überantwortet wird, was gut ist an unserem Leben und was besser werden muß. Aber haben wir uns eigentlich schon ausreichend bewußt gemacht, daß die genannten Titel, daß »Superschlank« (Gruppe »Wir«), »Hey, Mama - hey, Papa« (Neumis Rockcircus), »Danach kräht kein Hahn« und »Der letzte Kunde« (Familie Silly), daß Lieder von Lebenslust und Liebe, voller Ulk und Satire »Rock im Frieden« sind? Daß dieser Frieden Bedingungen hat, daß er auch uns braucht? Mit einem klaren Kopf, der Schein und Sein zu unterscheiden weiß, der begreift, was einer vom Leben und - entsprechend - was das Leben von einem erwarten kann? Mit der Waffe in der Hand; denn die Rekord-Rüstungsetats der NATO-Staaten sind nicht für Feuerwerkskörper gedacht. Mit unserer alltäglichen Arbeit, die nicht nur unsere eigene Zahlungskraft stärkt, sondern auch die Wirtschaftskraft unseres Staates, also den Sozialismus, dessen Stabilität dem oben genannten Mr. Reagan und den Seinen ein Dorn im Auge ist. Auch mit unserer Musik, die wir machen oder mögen, die unsere Lust aufs Leben hebt.

Das ging mir so durch den Kopf, als ich die drei Abende lang inmitten von dreimal fast 4000 jungen Menschen saß, die vom Krieg nicht mehr wissen, als sie aus Zeitungen, Büchern, Filmen erfahren konnten. Glücklicherweise. Die damit aber vielleicht auch nicht genug vom Frieden wissen.

Die drei Konzerte im Palast halfen ihnen dabei weiter. Sie waren überaus eindrucksvoll. Dazu trug mancherlei bei. Das, was über die Bühne ging und aus den Boxen schallte, vor allem. Allabendlich traten vier, fünf Gruppen und Solisten auf — keiner wollte gegenüber dem anderen abfallen. »Rock für den Frieden« - das war ein Motto, unter dem sich alle Mitwirkenden verpflichtet fühlten, das Beste, das Stärkste zu geben. Viele längst bekannte Titel gewannen in diesem Zusammenhang bewegende Aktualität - ich denke an »Und sie dreht sich doch« von Wolfgang Ziegler und der Gruppe »Wir«, an »Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt« von Ute Freudenberg mit der Gruppe »Elefant«, an »Das hab ich nicht so gern« von Stephan Trepte mit der Gruppe »Reform«, von denen auch »Feuerball« kam: »Die Erde soll uns Wohnung sein. Wir richten uns auf ihr fürs Leben ein. Wir halten sie auf ihrer Bahn, verbannen Krieg und Pest und Größenwahn - ein weiter Weg, kein leichter Weg ans Licht!«

Eine Reihe von Titeln war in den letzten Monaten entstanden unter dem Eindruck von NATO-Hochrüstung, Neutronenbombendrohung, Weltherrschaftsanspruch der USA: »Der blaue Planet« von »Karat« gehört dazu, »Der Frieden« von »Lift«, »Was vom Leben bleibt« von den »Puhdys«, »Wir sind auf der Welt, um zu leben« von Ute Freudenberg mit »Elefant« - Lieder, die dem Ernst der Lage angemessen sind, die aber Kraft ziehen aus der Bejahung des Lebens, aus dem Willen, es zu bewahren. Und was leichtfüßiger einher kam, offenbarte vor diesem Hintergrund eine neue Dimension: daß Liebe, Schönheit und Spaß ihren Spielraum brauchen - den haben wir uns geschaffen, den wollen wir erhalten, den müssen wir verteidigen.

Die Gestalter der Programme hatten die ganze Technik des Palastes aufgeboten, um sinnfällig zu machen, was das heißt: Krieg. Was das heißt: Frieden. Unser Kosmonaut Siegmund Jähn wurde im Film gezeigt und zitiert: »So groß ist die Erde nicht. Man hat sie eben in 90 Minuten einmal umrundet... Und das Gefühl ist sehr plastisch, daß diese Erde verwundbar ist, daß die Menschheit selbst sie vernichten kann...« Und Wolfgang Riedel, Baßgitarrist der Gruppe »electra«, zur Zeit im NVA-Reservistendienst, machte von der Leinwand herunter verständlich, wie eng sein Anliegen als Musiker mit seinen Pflichten als Soldat verbunden ist.

Peter »Cäsar« Gläser von der Gruppe »Karussell« las am letzten Abend eine Erklärung vor: "Der älteste meiner Söhne ist heute zehn Jahre. Alles, was zur Frage Krieg im Fernsehen oder in Büchern gesagt wird, interessiert ihn. Als er von der Bedrohung durch einen Atomkrieg hörte, überraschte er mich mit dem Satz: "Aber ich habe doch erst so kurz gelebt!" 

Dieser Satz läßt mir keine Ruhe...«, heißt es darin, und : "Wir wollen der Verantwortung gerecht werden, die wir für unsere Kinder haben. Damit es ein Morgen und ein Übermorgen überhaupt gibt, rufen wir, und ich spreche hier im Namen aller am Rock für den Frieden Beteiligten, alle auf, sich engagiert für den Frieden einzusetzen."