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etwas hatte es noch nicht gegeben: An drei Abenden hintereinander spielten
die führenden Rockgruppen unseres Landes im Großen Saal des Palastes der
Republik. Kein Wunder, daß die Karten schon lange zuvor restlos ausverkauft
waren. Was erwartete das junge Publikum von seinen Gruppen und Solisten? Von
den »Puhdys« mit Sicherheit »He, John« und »Was vom Leben bleibt«, »Der
blaue Planet« von »Karat«, »Der eine und der andere« von »Stern Meißen«,
»Das einzige Leben« von »Karussell«... - die DDR-Spitzenparade 1981 in der
Musik-Kartothek weist es aus. Es erwartete also eine Musik, die los -, die
unter die Haut geht. Es erwartete Musikanten, die nicht schlechthin ihr
Handwerk beherrschen, die es vielmehr einsetzen, um zu artikulieren, wie
ihnen ums Herz ist, was ihnen durch den Kopf geht, worüber sie in Dialog
treten wollen mit ihren Zuhörern. Ehrlichkeit also. Haltung.
Die »Puhdys« bekennen sich mit »He, John« zum
Ex-Beatle nicht allgemein, sondern zu dem John Lennon, der mit »Give Peace A
Chance - Gebt dem Frieden eine Chance« selbst Haltung bewies. Eine Haltung,
die eine Vorstellung in mir aufkommen läßt: John bei den
Friedensdemonstrationen in Bonn, Paris, Amsterdam oder Washington, John an
der Seite von Harry Belafonte, Udo Lindenberg und anderen, an die auf den
großen Projektionsflächen im Saal erinnert wurde! Sein Tod dürfte einem
Präsidenten Reagan, einem Kriegsminister Haig nicht gerade Tränen in die
Augen getrieben haben.
Bewußtsein für die Mitverantwortung am
Zustand der Welt spricht aus »Der blaue Planet« von der Gruppe »Karat«: »Muß
dieser Kuß und das Wort, das ich dir gestern gab, schon das letzte sein?
Soll unser Kind, das die Welt noch nicht kennt, allezeit ungeboren sein?«
heißt es im Text von Norbert Kaiser. »Uns hilft kein Gott, unsere Welt zu
erhalten!« Ed Swillms hat eine Musik dazu gefunden, der sich keiner so
leicht entziehen kann, die mobilisiert.
Und wie viel Menschlichkeit offenbart sich
in »Das einzige Leben« von der Gruppe »Karussell«, in der Sorge um eine
Mutter, die für ihren »Traum von einer großen guten Welt« erst im Jenseits
Erfüllung erwartet, die ihr Glück im Entsagen findet. Ein Glück, das sich
nicht mitteilt, das man nicht teilen möchte.
Drei Lieder - Beispiele nur -, die auf ganz
unterschiedliche Weise Farbe bekennen, unsere Farbe.
Es spricht für unser junges Publikum, daß es
Rocktitel wie diese an die Spitze der DDR-Spitzenparade setzte. Es spricht
für unsere Rockmusikanten und ihre Texter, daß sie auch solche Themen
angingen, daß sie sie künstlerisch überzeugend und massenwirksam
gestalteten. Es spricht für unser Land, daß sich Publikum und Künstler einig
sind, wo Menschlichkeit in Frage steht - das hat ja Voraussetzungen, die von
der hohen Staatspolitik bis hin zum Wirken unserer Massenmedien reichen. Und
in diesem Rahmen haben auch Titel ihren Platz, in denen es »nur« um Liebe
geht, in denen Späße getrieben werden, in denen der allgemeinen
Nachdenklichkeit überantwortet wird, was gut ist an unserem Leben und was
besser werden muß. Aber haben wir uns eigentlich schon ausreichend bewußt
gemacht, daß die genannten Titel, daß »Superschlank« (Gruppe »Wir«), »Hey,
Mama - hey, Papa« (Neumis Rockcircus), »Danach kräht kein Hahn« und »Der
letzte Kunde« (Familie Silly), daß Lieder von Lebenslust und Liebe, voller
Ulk und Satire »Rock im Frieden« sind? Daß dieser Frieden Bedingungen hat,
daß er auch uns braucht? Mit einem klaren Kopf, der Schein und Sein zu
unterscheiden weiß, der begreift, was einer vom Leben und - entsprechend -
was das Leben von einem erwarten kann? Mit der Waffe in der Hand; denn die
Rekord-Rüstungsetats der NATO-Staaten sind nicht für Feuerwerkskörper
gedacht. Mit unserer alltäglichen Arbeit, die nicht nur unsere eigene
Zahlungskraft stärkt, sondern auch die Wirtschaftskraft unseres Staates,
also den Sozialismus, dessen Stabilität dem oben genannten Mr. Reagan und
den Seinen ein Dorn im Auge ist. Auch mit unserer Musik, die wir machen oder
mögen, die unsere Lust aufs Leben hebt.
Das ging mir so durch den Kopf, als ich die
drei Abende lang inmitten von dreimal fast 4000 jungen Menschen saß, die vom
Krieg nicht mehr wissen, als sie aus Zeitungen, Büchern, Filmen erfahren
konnten. Glücklicherweise. Die damit aber vielleicht auch nicht genug vom
Frieden wissen.
Die drei Konzerte im Palast halfen ihnen
dabei weiter. Sie waren überaus eindrucksvoll. Dazu trug mancherlei bei.
Das, was über die Bühne ging und aus den Boxen schallte, vor allem.
Allabendlich traten vier, fünf Gruppen und Solisten auf — keiner wollte
gegenüber dem anderen abfallen. »Rock für den Frieden« - das war ein Motto,
unter dem sich alle Mitwirkenden verpflichtet fühlten, das Beste, das
Stärkste zu geben. Viele längst bekannte Titel gewannen in diesem
Zusammenhang bewegende Aktualität - ich denke an »Und sie dreht sich doch«
von Wolfgang Ziegler und der Gruppe »Wir«, an »Wie weit ist es bis ans Ende
dieser Welt« von Ute Freudenberg mit der Gruppe »Elefant«, an »Das hab ich
nicht so gern« von Stephan Trepte mit der Gruppe »Reform«, von denen auch
»Feuerball« kam: »Die Erde soll uns Wohnung sein. Wir richten uns auf ihr
fürs Leben ein. Wir halten sie auf ihrer Bahn, verbannen Krieg und Pest und
Größenwahn - ein weiter Weg, kein leichter Weg ans Licht!«
Eine Reihe von Titeln war in den letzten
Monaten entstanden unter dem Eindruck von NATO-Hochrüstung,
Neutronenbombendrohung, Weltherrschaftsanspruch der USA: »Der blaue Planet«
von »Karat« gehört dazu, »Der Frieden« von »Lift«, »Was vom Leben bleibt«
von den »Puhdys«, »Wir sind auf der Welt, um zu leben« von Ute Freudenberg
mit »Elefant« - Lieder, die dem Ernst der Lage angemessen sind, die aber
Kraft ziehen aus der Bejahung des Lebens, aus dem Willen, es zu bewahren.
Und was leichtfüßiger einher kam, offenbarte vor diesem Hintergrund eine
neue Dimension: daß Liebe, Schönheit und Spaß ihren Spielraum brauchen - den
haben wir uns geschaffen, den wollen wir erhalten, den müssen wir
verteidigen.
Die Gestalter der Programme hatten die ganze
Technik des Palastes aufgeboten, um sinnfällig zu machen, was das heißt:
Krieg. Was das heißt: Frieden. Unser Kosmonaut Siegmund Jähn wurde im Film
gezeigt und zitiert: »So groß ist die Erde nicht. Man hat sie eben in 90
Minuten einmal umrundet... Und das Gefühl ist sehr plastisch, daß diese Erde
verwundbar ist, daß die Menschheit selbst sie vernichten kann...« Und
Wolfgang Riedel, Baßgitarrist der Gruppe »electra«, zur Zeit im
NVA-Reservistendienst, machte von der Leinwand herunter verständlich, wie
eng sein Anliegen als Musiker mit seinen Pflichten als Soldat verbunden ist.
Peter »Cäsar« Gläser von der Gruppe
»Karussell« las am letzten Abend eine Erklärung vor: "Der älteste meiner
Söhne ist heute zehn Jahre. Alles, was zur Frage Krieg im Fernsehen oder in
Büchern gesagt wird, interessiert ihn. Als er von der Bedrohung durch einen
Atomkrieg hörte, überraschte er mich mit dem Satz: "Aber ich habe doch erst
so kurz gelebt!"
Dieser Satz läßt mir keine Ruhe...«, heißt
es darin, und : "Wir wollen der Verantwortung gerecht werden, die wir für
unsere Kinder haben. Damit es ein Morgen und ein Übermorgen überhaupt gibt,
rufen wir, und ich spreche hier im Namen aller am Rock für den Frieden
Beteiligten, alle auf, sich engagiert für den Frieden einzusetzen." |