Junge Welt -  17.01.1986

   

Erste Eindrücke von "Rock für den Frieden" im 750 jährigen Berlin

 

Die Stimmen der Rocker für die beste Sache der Welt

Lutz Pehnert

 
Heiße Rhythmen, Herzen, die für den Frieden und die Solidarität schlagen Aktionen in allen Etagen des Palastes der Republik. Über 50 Gruppen unterstützen Programm der Sowjetunion für Schaffung einer Welt ohne Kernwaffen bis zum Jahr 2000 - Premiere neuer Konzerte von Rockhaus und der Blankenfelder Boogie Band - Turbulenter Auftritt der Ersten Komischen Interessengemeinschaft - Und heute Abend im Großen Saal entscheidet sich: Welcher DDR-Titel wird Hit des Jahres '86? Wer wird die Band und wer die interessanteste neue Band des Jahres? Erneuter Auftritt der Gitarreros.

„ Künstler gegen Apartheid" — ein Konzert für Südafrika im Großen Saal mit Rockmusikern, Jazzern, Liedermachern und internationalen Gästen

Im Foyer stieg die Stimmung von Konzert zu Konzert. Jona­thanBlues, Rockhaus, Amor & die Kids be­geisterten ihre Fans. Rock 'n' Roll der frühen Jahre mit der sehr heutigen Blankenfelder Baogie Band brachte in Schwung.

Ein Anruf aus New York:

Hallo, hier ist Little Steven! Ich spreche aus New York. Ich bin sehr froh zu hören, wie ihr in der DDR den Kampf gegen die Apartheid führt. Auch viele in den USA tun ihr Möglichstes in diesem Kampf. Mut macht uns zu wissen, daß wir Teil eines welt­weiten Protestes sind - er muß so lange fortgeführt werden, bis Südafrika frei ist. Deshalb müs­sen wir stärker gemeinsam kämpfen. Ich hoffe, daß ich bald direkt vor euch sprechen kann, denn wir müssen unsere Beziehungen enger gestalten. Ich hoffe auch, daß wir alle in diesem Jahr mehr erreichen werden, daß Südafrika endlich frei wird. Solidarität!

Der amerikanische Musiker Little Steven ist Begründer der Anti-Apartheid-Initiative „Sun City“.

Zur Aktion Friedensfest ge­hörte neben Auktion, Solimarkt, Plakat- und Plattenver­kauf auch eine Gesprächsrunde mit Dr. Reebee Garofalo (USA), Mitbegründer von „Sun City" über die Rolle der Rockmusik im Kampf für den Frieden.Der Latin-Quarter-Song „Radio Afrika" erklang im Konzert „Künstler gegen Apartheid"

Unsere Lieder sind politisch - JW-Gespräch mit Latin Quarter aus Großbritannien

Manche Rockkritiker in eurem Land sagen euch und eurem ersten Album „Modern Times“ nach, daß eure Lieder zu direkt, zu politisch wären... Wie seht ihr das?

Diese „Kritik" trifft sicher nicht nur auf uns zu. Die Rockmusik in England ist in den letzten zwei Jahren zunehmend politischer geworden. Es begann Ende der 70er mit „Rock Against Racism", heute haben sich eine Menge Musiker in der Bewegung „Red Wedge" („Roter Keil") zusammengetan. Wir traten zum Beispiel in Konzerten gegen Apartheid, gegen Atomwaffen, für Chile, für Nikaragua auf. Gemeinsam mit Musikern wie Sting, Billy Bragg, Elvis Costello. Was uns betrifft, ist die eine Seite, daß wir Songs darüber schreiben, wie die Welt aussieht, wie wir sie sehen. Die andere, daß es in der Welt verschiedene Arten von Macht und Besitztum gibt. Für einen Großteil der Leute in Großbritan­nien bedeutet das Arbeitslosigkeit, Sozialabbau, Rassismus. So ergeben sich unsere Songs aus verschiedenen Situationen, Erlebnissen, aber sie haben ein Thema - die Ungleichheit, die Unterdrückung, ob wir nun von England, den USA oder Südafrika singen.

Synthi-Pop, Soul, Funk, Reggae — die vielen Beschreibungen eurer Musik verwirren zunächst... doch stimmen sie?

Wir meinen, daß die Verschiedenartigkeit unserer Texte auch einen jeweils entsprechenden musikalischen Ausdruck benötigt.

Ihr gehört inzwischen zu den gefragtesten Bands, seid in mehreren Ländern auf Tournee gewesen. Wie wichtig ist euch der Erfolg, schließt er Kompromisse ein?

Es ist schon ein Kompromiß für uns, wenn eine große Plattenfirma uns als Popgruppe, als Markenprodukt verkaufen will. Soweit gehen wir mit, weil wir den Erfolg natürlich auch brauchen, um an mehr Leute heranzukommen — aber nur mit dem, was wir wirklich meinen.

Ihr seid zum ersten Mal in der DDR, bei Rock für den Frieden '87. Was bedeutet euch die Teilnahme an diesem Festival?

Es ist wirklich großartig für uns, in diesen Teil der Welt zu kommen und bei so einer Aktion von Rockmusikern mitzumachen.