|
Rückblick |
||||
|
Diestelmann |
|
Lyrik |
||
|
| In den vierziger Jahren produziert als drittes Kind, |
| zwischen Ausguß, Kohlenecke, Eßtisch und Spind, |
| in `nem knarrenden Bett mit `ner Matratze aus Stroh |
| und nebenan da saß jemand hörbar auf dem Klo. |
| Es war auch schon der Dritte, den sie rangelassen hat, |
| es war ein toller Mann zu dieser zeit in dieser Stadt. |
| Er hat sie richtig zu nehmen gewusst, |
| er war kräftig gebaut und hatte immer Lust. |
| Er hatte Mut, im Bett war er ein Held, |
| er war der beste Mann auf dieser Welt. |
| Er packte gut zu und er ließ sie nie allein, |
| er war genau richtig, nicht zu groß und nicht zu klein. |
| Das ist der Mann für ´s Leben, so hatt` sie sich`s gedacht |
| und sie hatte ihn geliebt, sogar bei Tag wie bei Nacht. |
| Und als sie ihm erzählte von den Kind in ihrem Bauch, |
| da hat er sanft gelächelt und gefreut hat er sich auch. |
| Doch dann hat er ihr gezeigt |
| das nicht nur sie sich freuen kann, |
| das auch die ander `n Frau`n sich freu`n |
| über `n richtig guten Mann |
| Und als sie hochgeschwängert eines Tages nach Hause kam |
| und sie sehen musste, wie er sich bei ander`n Frauen benahm, |
| bekam sie Falten um die Augen und die Wangen wurden fahl |
| und das Kind in ihrem Leibe statt zur Freude nun zur Qual. |
| Und so konnte es passier `n, das sie im vierziger Jahr, |
| lieblos und verbittert dieses dritte Kind gebar. |
| Und statt sich zu trennen von dem Bock, dem Alten, |
| und lieber das Kind bei sich behalten, |
| merkte sie, das man so nicht leben kann, |
| mit den Bälgern, den Sorgen und mit so `nem Mann. |
| Und da hat sie es beschlossen und noch über Nacht |
| das dritte Kind in ein Heim gebracht. |
| Drei Jahre lang hat man sehr geschickt |
| den Jungen kaputt erzogen gekriegt, |
| bis als dann endlich, vor Schuld schon gram |
| die Mutter das Kind wieder zu sich nahm. |
| Und mit Schmerzen sah man dem Kinde an, |
| das es eigentlich jetzt erst zu leben begann. |
| Nun lernte der Bub` wie Sonne ist, |
| und wie man mit Katzen spielt und sie küßt |
| und er lernte was ein Nachttopf soll |
| und das man ihn auskippt, wenn er mal voll. |
| Und er lernte sein Zimmer aufzuräumen |
| und vor allem lernte er Träume zu träumen. |
| Dann kamen die Jahre der Schulzeit heran, |
| mit denen der Ernst des Lebens begann. |
| Und er lernte `ne Menge über Streit und Hass |
| und warum der Krieg so viele Menschen fraß. |
| Und er lernte, was gut und was böse ist |
| und das der Starke den Schwachen frißt. |
| Er lernte lesen seinen ersten Reim |
| und `nen Aufsatz schreiben über Daheim. |
| "Mein schönstes Erlebnis in der Ferienzeit" |
| und wo er gewesen und wer ihn betreut. |
| Oder ob die Eltern gar mitgereist sind |
| und sich Zeit genommen haben für ihr liebes Kind. |
| So lernte er Geschichten zu erfinden, |
| seine Träume aufzuschreiben und sie zu begründen. |
| Und er lernte das die Lüge eine Tugend sei, |
| aus der Not heraus erfunden, macht sie alle Menschen frei. |
| Denn es fehlte ihm an Mut, einfach zu erklär `n, |
| das seine Eltern ihm diese Freuden verwehr `n. |
| Schließlich war die Mutter ja nicht schuld daran, |
| das der Vater sie betrog, weil er das am besten kann. |
| Und der Vater war der Meinung, das bei so einer Frau |
| es verständlich sei, wenn er mal nach ander `n schau. |
| Und die Sache mit dem Kind, die sei nun mal passiert, |
| und nun müsse man seh `n, wie man `s durchs Leben führt. |
| Doch Träume sind falsch, wenn man sich damit betrügt |
| und sich, statt zu begreifen, doch nur belügt. |
| Und so wurde in dieser Zeit dem Kinde nicht klar, |
| warum es von den Eltern nie verstanden war. |
| Denn wer die Liebe nicht verpflanzt in all` den Jahr`n |
| der legt auch keinen Wert darauf, sie zu erfahr `n. |
Hinweis: Der hier aufgeführte Text entstammt keiner gedruckten Publikation, sondern wurden von den Originalaufnahmen abgehört. Für ihre hundertprozentige Richtigkeit kann deshalb keine Garantie übernommen werden.