Rückblick

Diestelmann

 

Lyrik

 
Komp. Stefan Diestelmann
Text: Stefan Diestelmann
 
 
In den vierziger Jahren produziert als drittes Kind,
zwischen Ausguß, Kohlenecke, Eßtisch und Spind,
in `nem knarrenden Bett mit `ner Matratze aus Stroh
und nebenan da saß jemand hörbar auf dem Klo.
Es war auch schon der Dritte, den sie rangelassen hat,
es war ein toller Mann zu dieser zeit in dieser Stadt.
 
Er hat sie richtig zu nehmen gewusst,
er war kräftig gebaut und hatte immer Lust.
Er hatte Mut, im Bett war er ein Held,
er war der beste Mann auf dieser Welt.
Er packte gut zu und er ließ sie nie allein,
er war genau richtig, nicht zu groß und nicht zu klein.
 
Das ist der Mann für ´s Leben, so hatt` sie sich`s  gedacht
und sie hatte ihn geliebt, sogar bei Tag wie bei Nacht.
Und als sie ihm erzählte von den Kind in ihrem Bauch,
da hat er sanft gelächelt und gefreut hat er sich auch.
Doch dann hat er ihr gezeigt
das nicht nur sie sich freuen kann,
das auch die ander `n Frau`n sich freu`n
über `n richtig guten Mann
 
Und als sie hochgeschwängert eines Tages nach Hause kam
und sie sehen musste, wie er sich bei ander`n Frauen benahm,
bekam sie Falten um die Augen und die Wangen wurden fahl
und das Kind in ihrem Leibe statt zur Freude nun zur Qual.
Und so konnte es passier `n, das sie im vierziger Jahr,
lieblos und verbittert dieses dritte Kind gebar.
 
Und statt sich zu trennen von dem Bock, dem Alten,
und lieber das Kind bei sich behalten,
merkte sie, das man so nicht leben kann,
mit den Bälgern, den Sorgen und mit so `nem Mann.
Und da hat sie es beschlossen und noch über Nacht
das dritte Kind in ein Heim gebracht.
 
Drei Jahre lang hat man sehr geschickt
den Jungen kaputt erzogen gekriegt,
bis als dann endlich, vor Schuld schon gram
die Mutter das Kind wieder zu sich nahm.
Und mit Schmerzen sah man dem Kinde an,
das es eigentlich jetzt erst zu leben begann.
 
Nun lernte der Bub` wie Sonne ist,
und wie man mit Katzen spielt und sie küßt
und er lernte was ein Nachttopf soll
und das man ihn auskippt, wenn er mal voll.
Und er lernte sein Zimmer aufzuräumen
und vor allem lernte er Träume zu träumen.
 
Dann kamen die Jahre der Schulzeit heran,
mit denen der Ernst des Lebens begann.
Und er lernte `ne Menge über Streit und Hass
und warum der Krieg so viele Menschen fraß.
Und er lernte, was gut und was böse ist
und das der Starke den Schwachen frißt.
 
Er lernte lesen seinen ersten Reim
und `nen Aufsatz schreiben über Daheim.
"Mein schönstes Erlebnis in der Ferienzeit"
und wo er gewesen und wer ihn betreut.
Oder ob die Eltern gar mitgereist sind
und sich Zeit genommen haben für ihr liebes Kind.
 
So lernte er Geschichten zu erfinden,
seine Träume aufzuschreiben und sie zu begründen.
Und er lernte das die Lüge eine Tugend sei,
aus der Not heraus erfunden, macht sie alle Menschen frei.
Denn es fehlte ihm an Mut, einfach zu erklär `n,
das seine Eltern ihm diese Freuden verwehr `n.
 
Schließlich war die Mutter ja nicht schuld daran,
das der Vater sie betrog, weil er das am besten kann.
Und der Vater war der Meinung, das bei so einer Frau
es verständlich sei, wenn er mal nach ander `n schau.
Und die Sache mit dem Kind, die sei nun mal passiert,
und nun müsse man seh `n, wie man `s durchs Leben führt.
 
Doch Träume sind falsch, wenn man sich damit betrügt
und sich, statt zu begreifen, doch nur belügt.
Und so wurde in dieser Zeit dem Kinde nicht klar,
warum es von den Eltern nie verstanden war.
Denn wer die Liebe nicht verpflanzt in all` den Jahr`n
der legt auch keinen Wert darauf, sie zu erfahr `n.

Hinweis: Der hier aufgeführte Text entstammt keiner gedruckten Publikation, sondern wurden von den Originalaufnahmen abgehört. Für ihre hundertprozentige Richtigkeit kann deshalb keine Garantie übernommen werden.