|
"Moonhead" |
|
|
|
|
|
Alte DDR-Combo singt und singt und singt, seit über 30 Jahren
Im vergangenen Jahr kaufte ich mir für teuer Geld eine Eintrittskarte für den „Sachsendreier“. Hinter der uralten Bezeichnung verbargen sich doch tatsächlich drei noch ältere Combos aus Sachsen. Namen hatten diese, wie sie nur Honecker mit seinem Hang zu typischer Ostmugge erschaffen konnte: Stern Combo Meißen, Gruppe Lift, Electra-Combo.
Die Stern Combo betrat als erste die laut knarrende Bühne. Mit viel Pathos, reckenden Köpfen, geschlossenen Augen und immer noch mit vielen Gedanken an den Sieg des Sozialismus im Kopf sangen Fißler und Freunde über Reisen zum Mittelpunkt des Menschen, zu den kalten Polen und über einen alten Mann auf der Müllkippe der Geschichte. Irgendwie doch hörenswert und wert, irgendwann einmal näher darauf einzugehen und die Band im Alleingang zu belauschen.
Electra wollten danach natürlich nicht zurück stehen, sie hatten im Vorfeld den ehemaligen, nun noch dicker gewordenen, Mitstreiter Peter Ludewig aus der Versenkung geholt. Er schmetterte wie eh und je mit eigentümlicher Fistelstimme Texte über grüne Esel und anderes Getier in den Sternen reichen Nachthimmel. Dann kam die Band, die man entweder hassen oder, äh, lieben kann: Lift. Alle Musiker trugen die Haare streng nach hinten, wie geleckt. Die Augen überheblich gen Himmel gerichtet – so begann der einzig wahre Sänger des Ostens, Werther Lohse, mit seinem Vortrage. Im Internet darf man sogar unter seinem Konterfei die göttlichen Worte „solo voc.“ lesen. Lohse jubilierte und vereinigte einen sich ständig schändenden Kirchenchor in seiner Stimme. Während des Vortrages lief das Gel aus den Haaren und das Make Up über das doch recht aufgedunsene Gesicht.
Diese Lift-Vereinigung feierte unter dem Motto „Finden wir uns“ im vergangenen Jahr ihr 30 jähriges Jubiläum. Seit genau so vielen Jahren tragen Lift nun schon ihre Hits vor, die sie irgendwann einmal hatten. Man beschränkt sich auf immer die gleichen Stichpunkte, wie zum Beispiel Wasser: „Mein Herz soll ein Wasser sein“ und „Wasser und Wein“. Aber auch der Abend galt als wichtig, er konnte so schön für konspirativen Singsang genutzt werden: „Jeden Abend“, „Am Abend mancher Tage“, „Abendstunde, stille Stunde“ und sogar „Sommernacht“.
Wer den Mut besitzt und auf alle Texte hört, der kann sich noch an Vulkane, Feuer und heißen Dingen erfreuen. Werther Lohse ist schon seit 1974 bei Lift und hat es ganz bestimmt noch nicht bereut, obwohl vor ihm interessantere Stimmen einen Beitrag zur Ruhigstellung der ostdeutschen Jugend leisteten. Bereits am 28. Januar 1973 stellte sich die neu formierte Combo unter dem heutigen Namen Lift im Dresdner Hygienemuseum vor. Man orientierte sich zuerst an Blues, Soul und Gospel. Doch die Einflüsse aus dem kapitalistischen Ausland waren so stark, dass man begann, sich von der Rockmusik zu entfernen. Balladen waren nämlich das ganz große Ding, hier galt: Kleister auftragen, Süßholz raspeln und musikalischen Brei verarbeiten. Nach kurzer Diskussion und der Erläuterung der Rolle der Bedeutung trennte man sich vom Bläsersatz und setzte Stefan Trepte als Sänger ein.
Da aber Meister Treptes wuchtiges Organ noch von anderen Formationen empfangen werden wollte, war er bald wieder verschwunden. Trotzdem konnte der 2. Preis beim II. Interpretenwettbewerb der Unterhaltungskunst der DDR eingefahren werden. Der Sound wurde von Orgel, E-Piano und Satzgesang geprägt. Das Ziel hieß eindeutig: Weniger Lautstärke, mehr Transparenz und Differenzierungsvermögen. Danach gab es noch viele Goldmedaillen – bis im November 1978 die wichtigsten Musiker Gerhard Zachar und Henry Pacholski nach einem tragischen Unfall in den Musikhimmel versetzt wurden. Nun war der Weg frei für den bisherigen Schlagzeuger und Gelegenheitssänger Werther Lohse, der sich im Cover des „Best Of“ Albums nur noch daran erinnern konnte, dass zwei Musiker während einer Tournee durch Polen tödlich verunglückten. Namen sind Schall und Rauch, was?
Danach drehte das Personalkarussell ständig, die Musik wurde ebenfalls in immer andere Richtungen gedreht, bis die Musiker schließlich 1984 eine gute Idee hatten: Auflösung. Bereits ein Jahr später scharrte Werther Lohse neue Musiker um sich, es musste wieder etwas Geld verdient werden, die Trinkerkasse zeigte Ebbe an. Lifts Musik war nun durch musikalische Leere geprägt, sie nahm bei der Kunsthaltung überhand.
In letzter Zeit versuchen Lohse & Co. verstärkt ihr Kunstgehabe an die Ostdeutschen aus Delitzsch, Vieselbach und Unterwellenborn zu bringen, denn im Land, wo Honig und Milch fließen, seit ihrer Gründung die herrlichen Pink Floyd live gehört werden konnten, ist kein Platz für gepflegte Langeweile. Um alles Schlechte dieser Welt zu verdauen, begaben sich Bodo Kommnick, Werther Lohse und Ivonne Fechner Ende der 1990er Jahre für die Aufnahme eines weiteren Albums in die Obhut einer Kirche. Heraus kam klingender Sirup mit singendem Aufguss vermischt. Der Fan hat es endlich gemerkt, denn das Album wird trotz der Androhung von Zugaben während der Konzerte nur mäßig verkauft. Da musste Abhilfe her, und zwar in Gestalt der Amiga-Nachlassverwaltungsplattenfirma BMG (jetzt: Sonybmg).
Diese wollten sich irgendwie an die vielen Ostshows anhängen und brachten neben einigen Samplern auch wieder eine Lift „Best Of“ (diesmal „Classics“ benamst) unter das darbende Volk. Hier waren Lohse und seine Loser schlau, denn sie drückten den scheinbar ahnungslosen Herausgebern das bereits bei einem kleinen Label vor sich hin schimmelnde „unplugged“ aufs Auge. Hey, Leute, davon wird die Musik nicht besser. Es klingt immer noch nach Blecheimer. Lohse steckt sich das Mikrophon bis zum Zäpfchen und schmalzt dann Öl verschmiert oben bereits erwähnte Liedlein. „Jeden Abend“ ist gar schlimm: Immer und immer wieder jauchzt und schluchzt Werther „Komm zurück zu mir am Abend“. Nach dem vierten Song krampfen bereits die Gehörgänge zusammen, das Gehirn, das sich zwangsweise auf die „Jaulerei“ (Holger Sudau) konzentrieren muss, schaltet auf Stur und bringt den Magen durcheinander.