Thomas Schoppe Interview 2008

Interview Thomas Schoppe - September 2008

Renft

Thomas Behlert

Interviews

Jeder hat an den Tod gedacht

 
 

Wer den Weg von Renft bis heute verfolgt, hat früh bemerkt, dass die Band es niemals leicht hatte und trotzdem nie untergehen wird. In den 1970er Jahren gab es das Verbot, nach der Wende Streitereien und schließlich starben innerhalb kürzester Zeit Pjotr Kschentz, Klaus Renft und Heinz Prüfer. „Kuno“ Kunert produziert zwar noch ab und zu etwas für die Band, gehört aber nicht mehr zum musizierenden Teil. Im Moment hält Sänger Thomas „Monster“ Schoppe die Fäden in der Hand. Zu früher Morgenstunde, wenn ansonsten Musikjournalisten und Musiker noch verkatert und mit verklebten Augen das Bett zerwühlen, traf ThoBe auf den Sänger.

T: Sind Sie ein Frühaufsteher? Auch wenn am Abend zuvor ein Konzert stattfand?

Thomas Schoppe: Man sitzt zwar nach dem Konzert noch zusammen und tauscht sich über das Erlebte aus und spricht noch einmal über die Fans und die Musik, aber so ewig lange wird dieses Beisammensein dann nicht mehr. Wenn das Konzert am Samstag ist, fahren die Berliner Musiker in der Regel nach Hause. Man kann sagen, dass ich ein Frühaufsteher bin, denn meistens sitze ich als erster am Frühstückstisch, und das ist vor acht Uhr. 

T: Renft hat schon viele Personalwechsel erlebt, wie lautet nun die aktuelle Besetzung von Renft?

Thomas Schoppe: Die aktuelle und neu formierte RENFT-Band besteht aus Marcus Schloussen am Bass, dem Schlagzeuger Delle Kriese, Gisbert Piatkowski (Gitarre) und mir als Leadsänger.

T: Wie fand Gisbert Piatkowski zu Renft?

Thomas Schoppe: Das ist eine ganz einfache Geschichte: Er lehrt an der gleichen Musikschule wie Delle Kriese. Bisher hatten sie sich nur gegrüßt, aber irgendwann fragte Delle den Pitti ob er nicht Lust hat, bei Renft einzusteigen. Dann ging es sehr schnell, denn bei den Proben merkten wir, dass die Chemie stimmt. Nun sind wir endlich wieder eine komplette Band, die das Erbe von Renft bewahren will und ein neues Kapitel schreiben wird.

T: Bei Ihnen steht auf der Homepage als letzter Satz, dass sie an einem Soloalbum basteln, die Single „Die Mauer“ gibt es ja bereits seit 2006. Wird es irgendwann so weit kommen, oder richten Sie ihre ganze Konzentration auf Renft?

Thomas Schoppe: In dieser Richtung habe ich es mir wirklich nicht leicht gemacht. Im Moment ruht mein Soloprojekt, weil ich mich verstärkt auf die Vermarktung von Renft konzentriere. Ab 50 Jahre hat man auch immer solche Wehwehchen, die einen zu schaffen machen und nicht gerade an ein Soloprojekt denken lassen. Irgendwie meinen die meisten Fans, dass ich immer noch ein junger Hüpfer bin und die Konzerte, die mächtig schlauchen, ohne Probleme wegstecke. Dabei verbrauche ich bei einem Konzert jede Menge Energie, denn ich will immer gute musikalische Leistungen zeigen. Die anderen Musiker sind auch nicht mehr die Jüngsten und benötigen ebenfalls eine gewisse Aufbauphase. So versuche ich unsere Konzerte auf den Freitag und den Samstag zu legen, da z.B. Pitti und Delle in der Woche an die Musikschule gebunden sind. Dieses Jahr will ich mich aber auch verstärkt auf mein Soloprojekt konzentrieren. Bis dahin feilen wir am Renft-Programm, um immer eine gute Show präsentieren zu können.

T: Ist im Lied „Die Mauer“, das unter ihren Namen läuft und noch als Single zu haben ist, Selbsterlebtes verarbeitet worden?

Thomas Schoppe: Der Text basiert nicht unmittelbar auf Selbsterlebtes. Mit der Grenze hatte ich allerdings so meine Probleme. Als ich siebzehn Jahre alt war, wollte ich in den Westen fliehen. Die Mauer war zwar noch nicht da, aber es gab schon zwei Metallzäune mit Stacheldraht, Hunden und Grenzposten. Beim übersteigen eines Zaunes hatte man mich dann geschnappt und verhaftet. Noch am Abend wurde ich einem Haftrichter vorgeführt und kam dann erst einmal in Untersuchungshaft. Wegen meines Alters wurde ich dann nach Leipzig überführt. Nie vergessen werde ich die Angst, die mich während dieser Aktion beschlich. Die Grenzposten führten scharfe Hunde an der langen Leine und Waffen, die sie sofort durchluden. An ein komisches bläuliches Licht erinnere ich mich ebenfalls gut. Den Song „Die Mauer“ wollte ich 1990 fertig produzieren, aber nicht mit diesem Thema zu Demmler oder Pannach gehen, denn irgendwann muss man Eigenes schaffen. Dann wurde die Zeit immer knapper, Renft trat wieder in mein Leben und ich kam irgendwie mit dem Text nicht so zu Rande. Mit Renft ging der Song allerdings nicht, weil ich merkte, dass die Band diesen nicht spielen kann oder will. Irgendwie hatte ich damals nicht die Gelegenheit neues Material bei Renft einfließen zu lassen. Das Einzige was ich in der Zeit erreichte, waren neue Improvisationen der alten Songs, wie „Gänselieschen“. Ende der 1990er verfeinerte ich den Text noch und brachte eine Single heraus, die verschiedene Varianten enthält: Einmal meine Darstellung und dann die der Lebensgefährtin, die den Fluchtversuch erlebt, aber nicht mit über die Mauer will. Diesen Teil singt übrigens Mike Jürgens.

T: Das neue Album „Abschied und Weitergehn“ von der Klaus Renft Combo ist nicht direkt ein neues Album, sondern eine Zusammenstellung von Liedern aus den letzten acht Jahren. Werden trotzdem auf den Konzerten einige gesungen?

Thomas Schoppe: Es gibt zwei Songs, die im Konzert zu hören sind: „Tropfen auf dem heißen Stein“, den Delle Kriese singt und „Irgendwo dazwischen“, von Marcus Schloussen. Die anderen Songs spielen wir nicht, da ich in der Zeit, als diese entstanden sind, nicht bei der Band war. Außerdem sind die Texte nicht so mein Ding und ich habe außerdem genug eigenes Material und Ideen. Jetzt ist Renft musikalisch anders und will mit neuen eigenen Sachen endlich einen Schritt nach vorne tun.

T: Es gibt nun wieder ein festes Ensemble Renft. Ist hier etwas ganz Neues geplant?

Thomas Schoppe: Nein, konkret noch nicht. Aber man soll niemals nie sagen.

T: Mittlerweile ist das Lied „Wer die Rose ehrt“ bei Ostrock in Klassik zur Hymne geworden. Kann man sich damit anfreunden?

Thomas Schoppe: Es ist immer eine schöne Sache, wenn man im Rahmen einer großen Veranstaltung den Song „Wer die Rose ehrt“ hört. Gleichzeitig versetzt dieses Cover einem kleine Stiche, weil keiner der Renft-Mitglieder gefragt wurde. Es ist schon eine Unverschämtheit, dass mittlerweile jeder dieses Lied singen kann, es ist wohl schon so eine Art „We Are The World“.

T: Würden Sie bei der Veranstaltung „Ostrock in Klassik“ mitmachen wollen?

Thomas Schoppe: Ich kenne keinen Ansprechpartner. Aber der Veranstalter könnte auf uns zu kommen, damit wir wenigstens beim Song „Wer die Rose ehrt“ mit dabei sind, denn irgendwie gehört er nun mal fest zu Renft. Es wäre schon schön, wenn die ganze Band bei dieser Veranstaltung mitmachen könnte.  

T: Unplugged war Renft bereits unterwegs, leider gibt es hier keine gepressten Aufnahmen. Wird es unplugged noch einmal geben?

Thomas Schoppe: Nein, denn das war gerade eine Zeit, bei der viele die E-Gitarre durch eine akustische ersetzten. Aber diese Mode ist vorbei, man will wieder richtigen Rock hören.

Takt: Drei Musiker von Renft sind tot. Denkt man jetzt mehr über den Tod nach? Oder versuchen Sie so etwas auszublenden?

Thomas Schoppe: Jeder von uns hat durch diese Schicksalsschläge verstärkt an den Tod gedacht, zumal alle ihre „kleinen Wehwehchen“ haben. Als ich von Cäsars Schicksal hörte, war ich richtig fertig und hoffte, dass alles gut ausgeht. Um vielleicht alles etwas hinaus zu zögern, habe ich im vergangenen Jahr mit dem rauchen aufgehört. Wenn ich Gespräche führte, wie dieses jetzt, rauchte ich mindestens 30 Zigaretten.

T: Der Buchmarkt ist mit Büchern von Klaus Renft, von Cäsar, von Kunert (Hörbuch) und über Pannach gut bestückt. Wollen Sie sich dem Autobiografietrend anschließen und das Leben um Renft herum aus ihrer Sicht darstellen?

Thomas Schoppe: Vor einigen Jahren hatte ich ein Angebot bekommen, für eine Autobiografie. Dazu führte ein Journalist ein Interview mit mir, das über viele Stunden ging. Der Text, der dann vorlag, hat mir stilistisch überhaupt nicht gefallen, so dass ich das Projekt einfach ablehnen musste. Da war natürlich wieder alle Welt erzürnt. Faule Kompromisse ging ich vielleicht früher einmal ein, aber jetzt habe ich das nicht mehr nötig. Da werde ich lieber selbst etwas schreiben und auch Themen einbringen, die bei diesem nicht erschienenen Buch ausgespart wurden. Es passiert immer noch viel Neues in meinem Leben, so bin ich z.B. wegen der Liebe nach Zeulenroda gezogen und toure jetzt eben wieder mit Renft.