Silly & Gundermann Presse

Sächsische Zeitung 12.03.1999

 

Album des Verlusts
Silly plus Gundermann & Seilschaft unplugged
Uwe Salzbrenner

Dieses Doppel-Album ist nicht nur Geschichte der Musik, sondern auch meine. Die Silly-LPs „Mont Klamott", „Liebeswalzer" und „Bataillon d'Amour" wurden in der DDR zu Alben des Jahres gewählt, Tamara Danz zur besten Sängerin; es waren meine Lieblingsplatten eine Zeit lang. Gerhard Gunder­manns „Männer, Frauen und Maschinen" ist beste Zeitgeschichte, ich kenne Hoyerswerda und Schwarze Pumpe. Die Werke beider nach 1989 sind widerborstig, wahrhaftig, unverstellt - fast zu bitter, um sie einfach so zu mögen.

Ich erinnere mich an ein Konzert im Großen Garten Dresden, wo Gundermann & Seilschaft für Silly eine kongeniale Vorband waren; ich habe erlebt, wie Gundermann solo einsprang, wenn in Hoyerswerda ein Liedermacher auszufallen drohte; ich kenne noch Brigade Feuerstein, zu deren 20. Geburtstag er kurz vor seinem Tode im Sommer 1998 aufgetreten ist. Tamara Danz war bereits 1996 an Krebs gestorben und für nicht wenige ein Stück Heimat mit ihr.

Amiga Marketing/BMG haben jetzt einen Live-Mitschnitt des ei­nen Konzertes vorgelegt, in dem Silly und Gundermann gemeinsam und ohne größeren soundtechnischen Beistand auf der Bühne waren. Er wurde aufgenommen am 22. November 1994 im Lindenpark Potsdam. Die Titel sind bekannt, die Texte Allgemeingut; zum Ende des Auftritts wurden die Hits im Wechsel präsentiert. Der besondere Reiz des Konzertes liegt in der Art, wie sich Gundermann & Seilschaft in die Stücke hineinspielen und sie zuweilen zu ungestümem Rock entfalten, in Gundermanns sicherem Gespür für Cover-Versionen und darin, wie er auch in ihnen sich bloß und verletzlich macht.

Silly brachten ihre Songs als souveräne Kammerstücke, die auch Akkordeon vertragen. „Die wilde Mathilde" swingt und jazzt, „So' ne kleine Frau", karg gehalten, lebt vom Klavier, das melancholische „Bye Bye" von Haßbeckers Geige - und alle zusammen leben von Tamara Danz' faszinierender Stimme. Sie kratzt, dehnt die Töne, malt sie, jubelt, harft Klänge wie aus Glas (bislang unerreicht in der deutschen Sprache), bis mir Schauer den Rücken hoch und runter laufen. Das Album ist Dokument dafür, was wir verloren haben.