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Neues Leben 2 / 1972 |
Wie macht man sie das bloß ? Das die Nachfrage und das Interesse an der Thomas Natschinski Gruppe im ganzen Land so nachhaltig ist und wie motivieren sie sich ?
Deshalb beginnt die Arbeit der vier immer wieder ganz von vorn. Sie beginnt mit Gedanken.
Nicht: Was könnte, sondern: Was müßte auf der Platte stehen? ist die Frage. Man hat es sich abgewöhnt, schlechthin Titel zu produzieren, um sie dann irgendwie gemixt zu servieren. Man hat es sich angewöhnt, vorrangig Themen zu gestalten, die mit sicherer Hand aus der eigenen Umgebung, aus dem eigenen Leben gepickt wurden. Vier sitzen mit dem Texter zusammen: Detlev Haak, Bassist, Sänger, Absolvent der Fachrichtung Pädagogik; Ingo Koster, Gitarrist und Sänger, Absolvent des Zentralen Studios für Unterhaltungskunst; Hermann Naehring, der neue Schlagzeuger, Musikstudent, Fachrichtung: Konzertschlagzeug - und Thomas Natschinski, Chef, Komponist, Arrangeur, Sänger und fit auf vielerlei Instrumenten (spielt in erster Linie Orgel). Sie haben die Schule und - bis auf Hermann - bereits das Studium hinter sich gebracht. Sie haben Kinder, und wenn sie es auch noch nicht verlernt haben, herumzublödeln, so sind sie doch ernsthafter geworden.
Und ernsthaft grasen sie nun die letzten Jahre ab, nennen Themen, Probleme, die ihnen wichtig sind und diskutieren mit dem Texter, der - sieht man mal von ' eigenen Kindern ab - nicht lange um das Verstehen der Worten, aufgetischten Probleme ringen muss, sind es doch auch die seinen. Darin schreibt er und stellt fest, wie sehr er die Kollektivität der Gruppe benötigt. Ein Beat-Text -erkennt er - hat seine - eigenen Gesetzmäßigkeiten, fordert eine besondere Wahl von Bildern und braucht einfach die Nähe derjenigen, die ihn komponieren und die ihn singen werden. Der Texter zweifelt, schreibt drei und vier Fassungen, die er immer wieder brav zur Gruppe trägt, geht wieder weg, manchmal verschnupft, aber doch immer ein Stück weiter auf dem Weg, denn die Gruppe hat lange, manchmal stundenlang, über die Texte diskutiert. Dann kommt die zweite Phase. Thomas komponiert, stellt zur Diskussion.
Endlich sind Titel, eine ganze Reihe von Titeln fertig. Das ist übrigens wichtig; um sich frei von Notlösungen zu machen: Genug Titel, um auswählen zu können. Jetzt ist die dritte Stufe erreicht. Es wird konzentriert geprobt, damit die „Stunde der Wahrheit" im Amiga-Studio mit der gleichen prickelnden Freude erwartet wird, die den jungen Arbeiter erfüllt, der in dem Titel „Arbeitstag fängt an" von der Schönheit seines Arbeitstages singt.
Hermann ist erst im Februar zur Gruppe gestoßen, deshalb ist die Notwendigkeit, sich musikalisch zueinander zubringen, doppelt groß. Man muss immer wieder lernen, das Eigene zum Nutzen des Gesamten auszuspielen, darf sich nicht im Eigenen verlieren, darf das Eigene aber auch nicht verleugnen. Nur so kann das Vorhaben gelingen, stets neue, durchkomponierte Titel zu schaffen, in denen weite Strecken mittels Improvisation gestaltet werden sollen.
Bei dieser Arbeit ist übrigens das Schlagzeugsolo „Trommelbüchse" entstanden.
Die Proben scheinen nicht selten die Nerven zu zerreißen, es gibt viele Tiefpunkte. Thomas dirigiert schwierige Stellen aus: „Bleibt mal eiskalt auf dem Beat!" Und wenn die vier nach den Gesangssynchronterminen die zum Tonband gewordene Arbeit ein letztes Mal abklopfen, haben sie mehr getan als ein Steckenpferd geritten. Der Spaß an der Sache war nicht der Indikator für ein Hobby, sondern für gern getane Arbeit. Wenn die Titel im Abhörraum durch die Lautsprecher kommen, dann kommen mit ihnen schon die Ideen für die vierte Platte, dann fiebert man der neuesten Prüfung im Aufnahmestudio entgegen.
Warum pusseln die vier?
Um viel Geld zu machen? Wenn sie das wollten, könnten sie es einfacher haben, und es fehlte nicht an Typen, denen man da Erstaunliches abgucken könnte. Das ist es nicht. Wenn ich Platten-Paules Bemerkung im Neuen Leben Heft 9/71 einmal benutzen darf: „Es ist der engagierte Versuch, der „schmächtigen Dame Tanzmusik“ zu ein paar Diskussionsgrundlage schaffen.
Die Natschinskis wollen die wirkliche Alternative zu kapitalistischem „Schlagermief“, können diese aber nicht in unkonkreter Optimismus-Masche erblicken. Die Bedeutung des Allgemeinen steckt im Detail und ist auch in der Tanzmusik nur an ihm glaubhaft nachweisbar. Das Sozialistische unserer Tanzmusik kann nur aus unserer sozialistischen Wirklichkeit, die in ihr abgebildet ist, hergeleitet werden. Deshalb geht hier der Kampf - ähnlich wie in der Singebewegung - um das Prädikat „DDR-konkret" Mit der Suche nach der Gestaltung neuer, konkreter Wirklichkeitsausschnitte geht die Suche nach einem entsprechenden musikalischen Stil Hand in Hand. Der von den Natschinskis gesuchte Sound ist noch nicht sehr weit entwickelt. Die Forderung lautet: Er muss schöpferische Streitlust, gesunde Aggressivität ausstrahlen. An all diesen Bestrebungen ist die Wirkung der Platte zu messen. Dringt sie bis zu den wirklichen Problemen und Bedürfnissen der Jugendlichen vor?
Die Gruppe hat ihr Publikum gut beobachtet. In Konzerten an Berliner Oberschulen wurden Diskussionen provoziert, die Antwort auf die Fragen der Musiker gaben. Auch die Ergebnisse von Diskussionen, wie sie bei Auftritten der Natschinski – Gruppe üblich sind, wurden gründlich ausgewertet. So bereiten sich die vier auf ihre neue Platte vor und fragen sich nun: Ist das was wir wollten erreicht? Stimmt das Gesagte, und ist es für die, die es hören, von Wichtigkeit?
Diese Gruppe hat keine zwei Gesichter: hier anspruchsvolle Plattenversuche, da billige Tanzmusik im Saal. Was sie auf ihrer neuen LP vorlegt, spielt sie auch zum Tanz oder in Konzerten. Sie will von ihrem Publikum lernen, will sich vervollkommnen und erwartet deshalb dringend Briefe, Meinungen. Wer aber könnte mehr sagen als die Leser dieses Magazins?