Tino Eisbrenner Presse 2004

Melodie & Rhythmus 1/2004

 

Weg von stromlinienförmiger Popkultur

TINO EISBRENNER hat sein bisher bestes Album veröffentlicht: „Mango“

 

Katja Steinert

 

Ein bisschen Musette, ein bisschen entspannter Swing, hier schmelzender Tango, - dort orientalische Klänge. Tino Eisbrenner, mittlerweile zum deutschen Pop-Chansonnier der Oberklasse avanciert, hat sich in außereuropäischen Welten herumgetrieben - zumindest im musikalischen Sinne. Näheres verriet der sympathische Sänger im melodie & rhyhmus­Interview. 

Für mich gab es den Künstler Eisbrenner immer zwei mal, einmal eher in der Deutschpopecke angesiedelt und auf der anderen Seite ein Konglomerat aus Folk, Weltmusik und Song. Auf „Mango" haben sich meiner Meinung nach diese beiden Seiten erstmals vereint, siehst du das genau so?

Genau so. Ich bin ja mit Jazz, Chanson und Klassik aufgewachsen. Habe 3 Kindheitsjahre in Bulgarien gelebt und dort den Zugang zur Folklore gefunden.

Als ich 17 war, kamen der New Wave und „The Police". Ich ließ alles fallen und wurde Bandsänger in Rock/Pop. Nach der Wende bereiste ich u.a. Amerika und wieder wurde ich von Folk und Folklore ergriffen. In Frankreich fühlte ich den Puls des Chanson ... So gründete ich mit dem Akkordeonisten Tobias Morgenstern und dem bulgarischen Geiger Georgi Gogow ein Weltmusikprojekt, dem ich meine deutschen Texte gab. Während dieses Projekt existierte, gab es tatsächlich zwei getrennte Eisbrenner. Aber nach zwei Alben zerfiel das Projekt und so konnte ich erstmals meine musikalischen Neigungen und Ausdrucksformen unter einem gemeinsamen Dach präsentieren. Das Resultat heißt „Mango“ und Eisbrenner steht fortan für die Verbindung vieler musikalischer Sprachen.

Die meisten Kompositionen stammen von deinem Partner Andre Drechsler, mit dem du bereits seit 22 Jahren zusammen arbeitest. Wie muss man sich die Entstehung der Songs vorstellen? Andre bringt fertige Ideen und weiß vorher schon, dass es dir gefällt oder gibt es Reibungen?

Natürlich gibt es Reibungen. Auch nach 20 Jahren oder gerade dann. Aber wir haben eine gemeinsame Sprache gefunden und verlassen uns oft auf die Ergänzungen des anderen. Wenn mir eine Komposition nicht gefällt, muss ich sie ja nicht betexten und wenn er kein Feeling für eine bestimmte Richtung entwickeln kann oder will, dann haben wir inzwischen Wege gefunden, wie diese Richtung dennoch zu Eisbrenner gehören kann.

Als ich ihm für „Mango" den Gaida-Spieler Martin Petrov (Bulg. Dudelsack) ins Studio brachte, war er sehr skeptisch. Aber ich hatte Melodien für die Gaida im Kopf, von denen ich wusste, dass sie ihn gefallen würden. Und er hatte das Vertrauen, mich mit Martin machen zu lassen.

Ähnlich lief es für ein paar Songs von Tobias Morgenstern. Nach­dem Tobias und ich eine Vorlage geliefert hatten, brachte Andre als Gitarrist und Produzent seinen Geschmack ein und es entstanden wunderbare und einzigartige Crossover. Die Konspiration, die 22 gemeinsame Jahre hervorbringen, ist musikalischer und zwischenmenschlicher Goldstaub und verdient jederzeit gewürdigt und gepflegt zu werden.

Wie kommt es, dass Tobias Morgenstern für dich schreibt?

Als unser gemeinsames Weltmusikprojekt zerfiel, blickten Tobias und ich auf eine ganze Anzahl gemeinsamer Songs, die nur zum Teil auf CDs verewigt waren. Wir überlegten, ob wir ein neues Projekt gründen sollten und Tobias legte mir noch weitere Kompositionen vor, die ich betextete. Dann aber entschieden wir, dass diese Stücke ebenso gut unter meinem Namen veröffentlicht werden könnten und wir suchten einige von ihnen für „Mango" aus. Zum Beispiel den Titelsong.

Das ist nachvollziehbar, aber wie kommt man zu einer Komposition von Nick Beggs, der in den 80ern Bassist und nach Limahls Weggang Sänger von Kajagoogoo war?

Ich kannte Nick nicht nur von Kaja-Scheiben, sondern auch als versierten Chapmanstickspieler und Studiomusiker. Momentan spielt er z.B. für Howard Jones und Right Said Fraid. Bei meiner zweiten Finnland­tour (2002) bot mir das dortige Management an, Nick Beggs mit auf Tour zu nehmen. Ich sagte sofort zu, schickte ihm die Songs und dann trafen wir uns in Finnland zwei Tage vor dem ersten Gig, um alles einzustudieren. Er spielt fantastisch. Während der Tour wurden wir Freunde und er überließ mir ein paar seiner Songs, denen ich deutsche Inhalte gab. Einer davon ist auf „Mango" zu hören. Er heißt „Die Bösen sterben nie".

Deine neuen Songs besitzen Elemente aus aller Welt. Dabei wirken diese nicht wie Accessoires, sondern tatsächlich zum Song dazu gehörig. Wie machst du das? Und wie gehst du da vor? Was inspiriert dich z. B. zum Gaida­ Einsatz? Das Textthema? Eine Melodie?

Ich bin ja kein Komponist, sondern sehe mich selbst immer mehr als Dichter, der sich seine Musik organisiert. Dabei kommen mir meine weit gefächerten musikalischen Neigungen und meine musikalische Unbedarftheit oft zugute. In meiner Phantasie gehen Dinge zusammen, die Musiker oft erstmal mindestens skeptisch betrachten. Und ich habe ein gutes Gespür für Melodien. Seit meiner ersten Band Jessica sind fast alle Gesangsmelodien von mir selbst. Dies ergab sich aus der Texterei. Und so habe ich natürlich beim Arrangieren der Songs auch oft Ideen für Nebenmelodien und ich stelle mir Instrumente dazu vor. Dann singe ich die Melodien als Demo ein und überrasche meine Kollegen dann mit dem Vorschlag für das „passende" Instrument.

Die Texte auf „Mango" sind allesamt aus deiner Feder. Wie gehst du beim Texten vor? Wie fällt einem zum Beispiel ein Text wie „Mango" ein?

Das weiß ich eigentlich gar nicht. ,,Mango" ist ja im Grunde ein philosophie­rendes Selbstgespräch und die Situation wird in Nebensätzen mit beschrieben. So was kommt einfach durch Denken. Wie in einem wirklichen Gespräch. Ein Argument provoziert das andere. Missverständnisse führen zu gedanklichen Irrwegen. Ich glaube, mit „Mango" ist uns ein wirkliches Chanson gelungen.

Ist eine Textidee einfach da oder sagst du dir, jetzt schreib ich mal über das und das?

Das kommt mal so, mal so. Oft inspiriert mich eine musikalische Stimmung, manchmal liegt mir ein Thema am Herzen, manchmal ist es ein Gedanke, den ich irgendwo fasse und ihn weiterdenke, wenn der richtige Moment gekommen ist.

Deine Musik bewegt sich in Richtung Anspruch und Kleinkunst, deine Band mit ihren Gästen eignet sich dagegen für große Säle. Sind dir heutige Businessmechanismen egal?

Ein Hit ist ein Hit - egal, wie die Mechanismen funktionieren. Natürlich freue ich mich über die Radiosongs, die meine Alben zum Glück immer wieder haben, denn so bleibe ich im Spiel und verdiene Geld, um meine Kunst und mich ernähren zu können. Aber ich verbiege mich nicht dem Business zu liebe oder weil eine Firma behauptet, sie wüsste den Weg in den Pophimmel. Den Firmen geht es heutzutage um schnelle Erfolge. Niemand baut mehr auf. Dies ist eine Seite des Pop, die mich nicht mehr interessiert, weil sie mir Oberflächlichkeit abverlangt ich bin alt genug, um mich vor Tiefgang nicht mehr fürchten zu müssen. Also suche ich ihn. Meine Liebeslieder haben heute viel mehr Ebenen als vor 20 Jahren. Und genau dies bringt mich weg von stromlinienförmiger Popkultur. Abgesehen von Inhalten, die über Beziehungsthemen hinaus gehen. Dennoch glaube ich, dass mein Publikum wieder größer werden könnte, wenn es nur von mir erführe. An dieser Stelle kommen wir dann wieder zu den Mechanismen, für die ostgeborenen  Songpoeten mit zu großer musikalischer und inhaltlicher Bandbreite, oder nennen wir es Tiefe, ganz weit hinten auf der Interessensskala stehen. Aber damit kann ich leben, denn es wird nicht immer so sein. Und ich habe einen langen Atem.

Mal abgesehen davon, dass der Platz in den Medien für hiesige Künstler eh nicht ausreichend ist, liest man über dich von der roten Mütze, von „Ich beobachte dich" oder deinem Streit beim Wilden Garten. Inwiefern ärgert dich das?

Die Angst und Hilflosigkeit der Medien, sich etwas intensiver mit einem Künstler auseinanderzusetzen. Man  will ja einen schnellen Aha-Effekt und da ist es das Einfachste, die alten Hits, aufzuzählen, an ein Outfit zu erinnern oder eine vermeintliche Skandalstorv zu lancieren. Ich will das nicht werten. Aber natürlich freue ich mich über jeden, der mich auf- meine heutigen Inhalte und Gedanken anspricht.

Ich kenne dich als einen Mann mit vielen Plänen, welche Visionen spuken in deinem Kopf?

In nächster Zeit werde ich viel für „Mango“ unterwegs sein und Konzerte  geben. Außerdem mache ich Lesungen und stelle dabei auch schon Geschichten aus meinem zweiten Buch „Heimreise“ vor. Mein Vier Winde Hof in Meck-Pomm wird ab 26. Juni mit Veranstaltungen beginnen.

Und ich bereite mich auf eine Lateinamerika­ Tour vor. Dafür habe ich ein spezielles Programm erarbeitet, in dem ich eigene Songs in deutsch und spanisch, aber auch viele laTINOlieder mit eigenen deutschen Textnachdichtungen singe. Außerdem arbeiten Andre Drechsler und ich an einem Hörbuch mit dem Schauspieler Gojko Mitic All das ist schon längst kein Spuk mehr, sondern viel anstrengende Arbeit, die großen Spaß macht.