|
TUTTI PALETTI - darunter verstand ich zunächst
tatsächlich tutti paletti - im Sinne von "alles in Ordnung" oder "Banane", wie
es im aktuellen Sprachgebrauch heißt. Um zu erfahren, was dahinter steckt,
verabredeten wir uns: zwei Tage, zwei Nächte Bandalltag miterleben.
Ich traf sie in Berlin zum Prenzlauer - Berg -
Stadtbezirksfest an der Jugendbühne. Familien - Vormittags - Lauf - Publikum.
Unmittelbar nach Konzertende ging `s in die Autos und ab Richtung Halle. Von nun
an war `s alles andere als tutti paletti; aber die Musiker beteuerten, es wäre
ganz normal und gar nichts Besonderes. Wir fuhren zu viert: Klaus, Sänger,
Percussionist und Chef der Truppe, Andi, der Saxophonist, Matthias, auch Sänger,
Percussionist, Trompeter, und ich. Immer auf dem grauen Band lang, dazwischen
Musik hören ( wie fast auf jeder Fahrt ) - Chaka Khan, James Brown, All Jarreau,
Matt Bianco ... was das Herz begehrt. Begleitet vom Klopfen und Trommeln der
Musiker, das die Hütte wackelt.
Faxen, neue Pläne, Auswertung des letzten
Konzertes, auch das anderer Kollegen, musikalische Einfälle, Diskussionen über
Instrumente, Technik - alles mögliche passiert auf diesen endlosen Fahrten, die
lange, lange Strasse entlang. Zwischendurch liest jemand, ruht auch mal wer ab -
mit Hilfe eines Gummireifens, der um den Hals gelegt wird, damit der Kopf ruhig
und weich liegt.
Raststätte Niemegk: Aus irgendwelchen Gründen
sind die Toiletten geschlossen, der Gastraum auch. Ausweich also auf Bratwürste
und Cola am Kiosk. Eine Packung Konfekt für unterwegs. Und wieder die Autobahn -
Öde. In Halle am Haus der Gewerkschaften angelangt, wird `s wieder lebendiger;
jeder ist damit beschäftigt, seine Instrumente unterzubringen. Gespielt wird
heute Abend auf der Anlage von Willys Showband. Ball der Jungen Neuerer und
Rationalisatoren ist angesagt. Mit von der Mammutpartie ( Musik und Tanz in
allen Sälen wie es derzeit scheint `s überall üblich ist ) sind u.a. Arnulf
Wenning und Reggae Play.
Klaus rotiert lange, um den Garderobenschlüssel
aufzutreiben. Niemand da, der was weiß. Derweilen stellt sich heraus, das weder
für Essen noch für Unterkunft der TUTTI PALETTI Leute gesorgt ist. Allerdings
zeigt sich niemand sonderlich beeindruckt davon. Klaus telefoniert halt eine
Stunde mit allen möglichen Hotels und siehe - der "Schwarze Bär" in Jena (
eineinhalb Stunden Autofahrt ) will uns. Mit dem Essen schiebt sich nichts
zusammen, muss jeder sehen, wo er bleibt ( in der Künstler - Kantine gab es dann
doch noch ein paar Wiener zu kaufen, sogar mit Senf ). Weil eine Menge Zeit bis
zum Auftritt bleibt, suchen Matthias und ich uns ein Cafe in Halle ( unter
erschwerten Bedingungen, da auch dort ein Volksfest in Gange ist ).
Im Gespräch stellt sich dann heraus, das solche
Nummern keine Seltenheit sind. Es klappe schon manchmal, ja. Was des anderen
Werkbank oder Schreibtisch ist, bedeutet für die Musikanten Kulturhäuser, Klubs,
Autos, Autobahnen, Hotels. Dies sei ihr Arbeitsplatz, dort verbringen sie den
Großteil ihres Berufslebens. Deshalb müssen sie sich auf den reibungslosen
Ablauf verlassen können. Mehr Verantwortungsbewusstsein, Kollegialität und
Mitdenken sind gefragt.
Gegen 21 Uhr tritt TUTTI PALETTI das erste Mal
auf. Die anderen Musiker - Hansi ( Gitarre ), Ulli ( Bass ) und Martin (
Keyboards ) - sind derweilen längst eingetrudelt. Ein paar Stunden später die
zweite Runde. Zwischendurch `rumlaufen, Kollegen hören oder einen Kaffee zum
Munterbleiben. Sie sind ziemlich viel unterwegs, die TUTTI PALETTI `s. Zu viel
zuweilen. Da wird es schon schwer, jeden Tag, jeden Abend gut drauf zu sein. Die
Arbeit an der Kunst kommt manchmal ins Hintertreffen und die Familie sowieso.
Das bekannte Problem. Sie sind angewiesen auf das Publikum. In Halle war es
aufgeschlossen. Dann macht `s auch den Musikanten Spaß.
Schon vor Fahrtantritt zum Jenaer "Schwarzen
Bären" war klar, das wir am nächsten Tag noch nach Erfurt müssen. Um elf hatten
Ulli, Hansi, Klaus und ich uns zum späten Frühstück oder frühen Mittag
verabredet. ( Die anderen waren mit den Technikern in Halle geblieben - mussten
sich um eine Werkstatt kümmern. Der Bremsschlauch vom LKW war im Eimer. ) Hansi
hatte schon vormittags Sport getrieben ( wegen der Wirbelsäule ), Kalender
beschrieben, Ulli Nachrichten im Fernsehen gesehen, Klaus schlief bis das
Hotelpersonal anläutete, es wäre doch jetzt aber Zeit, das Zimmer zu räumen.
Weiterfahrt nach Erfurt. Welches Dia der Fotos
für den Bericht sollten nach Berlin ? Am liebsten hätten die drei sich mit den
anderen Musikern beraten. Sicherlich wäre deren Urteil auch nicht anders
ausgefallen. Aber das Miteinander ist bei TUTTI PALETTI so drin, scheint `s.
Auch sonst gehen sie sehr pfleglich miteinander um. Sehr behutsam, fast
liebevoll ( jedenfalls an diesen zwei Tagen ). Tolerieren des anderen
Eigenheiten, sind allesamt sympathisch. Si sympathisch wie ihre Musik !
Bevor wir zum Dresdner Konzert in die Neue Mensa
kamen, gab es noch zwei ganz normale Fahrtunterbrechungen. 20, - Mark für zu
schnelles Fahren auf der Autobahn und ein merkwürdiges Geräusch unbekannten
Ursprungs am Auto. Jenes entpuppte sich als Folge eine kaputten Reifens, der
gewechselt werden musste. Ganz allein von Klaus ( "Er muss es lernen" ),
begleitet von Ullis ( gelernter KFZ Schlosser ) fachmännischen Hinweisen. Hansi
kümmert sich derweilen um Maiskolben ... Und später hätte uns um Haaresbreite
ein Laster mit zwei Hängern zerdrückt. Hat er aber nicht. Normal.
Dresden, Neue Mensa. Hier konnten die TUTTI
PALETTI`s endlich ihr volles Konzertprogramm abfahren: Sie spielen eine
lustvolle Mischung funkig - softiger Rockmusik, beeinflusst von allen möglichen
Stilrichtungen - Samba, Rap, Reggae, Jazz. Es sind rhythmische, melodiöse Titel
mit einfachen, sich aufbauenden und wieder lösenden Strukturen. Da geht
ungeheuer was los, macht die Musik Spaß. Sie packt einen, hält fest. Und das ist
es wohl auch, was TUTTI PALETTI als exzellente Live - Band auszeichnet und sie
unterscheidet von anderen hierzulande. Wiewohl es erstaunlich ist, mit welchem
Feeling die Jungs unterschiedliche Stilrichtungen verarbeiten. Als Profimusiker
beherrschen sie ihr Handwerk sauber, was auch die Grundlage dafür bietet, mit
dem Songmaterial spielerisch umzugehen.
Seit Januar `87 gibt es das aktuelle
Konzertprogramm und wurde während der Muggen mehr und mehr ausgefeilt. Da
unterscheiden sich jene Titel, die derzeit in Bearbeitung sind, naturgemäß
deutlich noch von denen, die bereits eine Entwicklung hinter sich haben. Doch
dafür brauchen die TUTTI PALETTI `s Zeit, Ruhe - Zeit, um intensiv zu arbeiten.
Schwierigkeiten gibt es auch mit dem Sound. Lag `s nun an den jeweiligen
Räumlichkeiten oder gibt es grundsätzliche Fragen ? Wirklich schöne Parts ( keyb.,
Andy am Saxophon, die Gitarre insgesamt ) werden einfach nicht prononciert oder
zurück genommen ( "Bass-Titel" ), dem ganzen fehlt damit ein Stück Spannung. Das
sind freilich vorwiegend technische Probleme. Allein die Verschiedenheit beider
Sängerstimmen ( Klaus / Matthias ) sind ein streitbares Angebot. Der Hörer hat
kaum Zeit, sich für den einen anderen stimmlich - sympathie - mäßig zu
entscheiden. Jeden Augenblick ist er gefangen vom Bühnengeschehen. Das lebt und
quirlt, funkt und sambat, das es eine Freude ist.
Jeder spilet scheinbar an jedem Instrument (
Bühnenshow ). Die Texte sind relativ banal, und ich wage anzusagen, das es TUTTI
PALETTI im Augenblick keinen Abbruch tut, denn dominierend und auch künstlerisch
überzeugend ist die Musik ( Kompositionen meistens Martin, Matthias, Klaus ).
Unter anderem lief "Schabernack" erfolgreich in den Wertungssendungen ( auch im
Fernsehen ). Da heißt es, künftig aufzupassen, das TUTTI PALETTI nicht als
Schabernack Band eingestuft wird, denn das musikalisch - künstlerische Anliegen
ist doch ein sehr viel ernsthafteres.
Einzig synthetisch dabei ist momentan die
Nutzung eines Rhythmus Computers, was die improvisatorisch - musikalischen
Möglichkeiten der Musiker natürlich einschränkt - zumal die Fähigkeiten dazu
zweifelsohne vorhanden sind. Es wäre, glaube ich, einen Gedanken wert, sich
dieser Barriere im produktiven Interesse zu entledigen.
Nachgemerkt sei: jenes völlig normale TUTTI PALETTI
Leben ( angeblich nicht der Rede wert, weil alltäglich ) spielte Andi, dem
Saxophonisten, in Dresden noch arg mit. Sein Saxophon fiel während der Zugaben
vom Ständer und damit bis auf weiteres aus. Das war dann doch etwas heftig und
im Musikantenalltag ein harter Schlag. Was aus dem Instrument geworden ist, weiß
ich nicht, denn die Jungs sind nicht zu erreichen. Schwirren in der Republik
`rum und geben Konzerte.
PS habe ich erfahren: TUTTI PALETTI bedeutet
nämlich gar nicht "alles in Ordnung" oder "Banane", sondern etwa tutti - alle
und paletti - die ganze Palette, die ganze Breite. Mit anderen Worten: Alle (
Bandmitglieder ) spielen die ganze musikalische Stilvielfalt mit mehreren
Instrumenten. Oder so ähnlich. Da muss der Mensch erst mal drauf kommen ... |