Tutti Paletti Presse

Melodie & Rhythmus 12 / 1987

 
 

 

 

Tutti Paletti - eine Band wie jede andere ?

 

Antje Klages

 
   
TUTTI PALETTI - darunter verstand ich zunächst tatsächlich tutti paletti - im Sinne von "alles in Ordnung" oder "Banane", wie es im aktuellen Sprachgebrauch heißt. Um zu erfahren, was dahinter steckt, verabredeten wir uns: zwei Tage, zwei Nächte Bandalltag miterleben.

Ich traf sie in Berlin zum Prenzlauer - Berg - Stadtbezirksfest an der Jugendbühne. Familien - Vormittags - Lauf - Publikum. Unmittelbar nach Konzertende ging `s in die Autos und ab Richtung Halle. Von nun an war `s alles andere als tutti paletti; aber die Musiker beteuerten, es wäre ganz normal und gar nichts Besonderes. Wir fuhren zu viert: Klaus, Sänger, Percussionist und Chef der Truppe, Andi, der Saxophonist, Matthias, auch Sänger, Percussionist, Trompeter, und ich. Immer auf dem grauen Band lang, dazwischen Musik hören ( wie fast auf jeder Fahrt ) - Chaka Khan, James Brown, All Jarreau, Matt Bianco ... was das Herz begehrt. Begleitet vom Klopfen und Trommeln der Musiker, das die Hütte wackelt.

Faxen, neue Pläne, Auswertung des letzten Konzertes, auch das anderer Kollegen, musikalische Einfälle, Diskussionen über Instrumente, Technik - alles mögliche passiert auf diesen endlosen Fahrten, die lange, lange Strasse entlang. Zwischendurch liest jemand, ruht auch mal wer ab - mit Hilfe eines Gummireifens, der um den Hals gelegt wird, damit der Kopf ruhig und weich liegt.

Raststätte Niemegk: Aus irgendwelchen Gründen sind die Toiletten geschlossen, der Gastraum auch. Ausweich also auf Bratwürste und Cola am Kiosk. Eine Packung Konfekt für unterwegs. Und wieder die Autobahn - Öde. In Halle am Haus der Gewerkschaften angelangt, wird `s wieder lebendiger; jeder ist damit beschäftigt, seine Instrumente unterzubringen. Gespielt wird heute Abend auf der Anlage von Willys Showband. Ball der Jungen Neuerer und Rationalisatoren ist angesagt. Mit von der Mammutpartie ( Musik und Tanz in allen Sälen wie es derzeit scheint `s überall üblich ist ) sind u.a. Arnulf Wenning und Reggae Play.

Klaus rotiert lange, um den Garderobenschlüssel aufzutreiben. Niemand da, der was weiß. Derweilen stellt sich heraus, das weder für Essen noch für Unterkunft der TUTTI PALETTI Leute gesorgt ist. Allerdings zeigt sich niemand sonderlich beeindruckt davon. Klaus telefoniert halt eine Stunde mit allen möglichen Hotels und siehe - der "Schwarze Bär" in Jena ( eineinhalb Stunden Autofahrt ) will uns. Mit dem Essen schiebt sich nichts zusammen, muss jeder sehen, wo er bleibt ( in der Künstler - Kantine gab es dann doch noch ein paar Wiener zu kaufen, sogar mit Senf ). Weil eine Menge Zeit bis zum Auftritt bleibt, suchen Matthias und ich uns ein Cafe in Halle ( unter erschwerten Bedingungen, da auch dort ein Volksfest in Gange ist ).

Im Gespräch stellt sich dann heraus, das solche Nummern keine Seltenheit sind. Es klappe schon manchmal, ja. Was des anderen Werkbank oder Schreibtisch ist, bedeutet für die Musikanten Kulturhäuser, Klubs, Autos, Autobahnen, Hotels. Dies sei ihr Arbeitsplatz, dort verbringen sie den Großteil ihres Berufslebens. Deshalb müssen sie sich auf den reibungslosen Ablauf verlassen können. Mehr Verantwortungsbewusstsein, Kollegialität und Mitdenken sind gefragt.

Gegen 21 Uhr tritt TUTTI PALETTI das erste Mal auf. Die anderen Musiker - Hansi ( Gitarre ), Ulli ( Bass ) und Martin ( Keyboards ) - sind derweilen längst eingetrudelt. Ein paar Stunden später die zweite Runde. Zwischendurch `rumlaufen, Kollegen hören oder einen Kaffee zum Munterbleiben. Sie sind ziemlich viel unterwegs, die TUTTI PALETTI `s. Zu viel zuweilen. Da wird es schon schwer, jeden Tag, jeden Abend gut drauf zu sein. Die Arbeit an der Kunst kommt manchmal ins Hintertreffen und die Familie sowieso. Das bekannte Problem. Sie sind angewiesen auf das Publikum. In Halle war es aufgeschlossen. Dann macht `s auch den Musikanten Spaß.

Schon vor Fahrtantritt zum Jenaer "Schwarzen Bären" war klar, das wir am nächsten Tag noch nach Erfurt müssen. Um elf hatten Ulli, Hansi, Klaus und ich uns zum späten Frühstück oder frühen Mittag verabredet. ( Die anderen waren mit den Technikern in Halle geblieben - mussten sich um eine Werkstatt kümmern. Der Bremsschlauch vom LKW war im Eimer. ) Hansi hatte schon vormittags Sport getrieben ( wegen der Wirbelsäule ), Kalender beschrieben, Ulli Nachrichten im Fernsehen gesehen, Klaus schlief bis das Hotelpersonal anläutete, es wäre doch jetzt aber Zeit, das Zimmer zu räumen.

Weiterfahrt nach Erfurt. Welches Dia der Fotos für den Bericht sollten nach Berlin ? Am liebsten hätten die drei sich mit den anderen Musikern beraten. Sicherlich wäre deren Urteil auch nicht anders ausgefallen. Aber das Miteinander ist bei TUTTI PALETTI so drin, scheint `s. Auch sonst gehen sie sehr pfleglich miteinander um. Sehr behutsam, fast liebevoll ( jedenfalls an diesen zwei Tagen ). Tolerieren des anderen Eigenheiten, sind allesamt sympathisch. Si sympathisch wie ihre Musik !

Bevor wir zum Dresdner Konzert in die Neue Mensa kamen, gab es noch zwei ganz normale Fahrtunterbrechungen. 20, - Mark für zu schnelles Fahren auf der Autobahn und ein merkwürdiges Geräusch unbekannten Ursprungs am Auto. Jenes entpuppte sich als Folge eine kaputten Reifens, der gewechselt werden musste. Ganz allein von Klaus ( "Er muss es lernen" ), begleitet von Ullis ( gelernter KFZ Schlosser ) fachmännischen Hinweisen. Hansi kümmert sich derweilen um Maiskolben ... Und später hätte uns um Haaresbreite ein Laster mit zwei Hängern zerdrückt. Hat er aber nicht. Normal.

Dresden, Neue Mensa. Hier konnten die TUTTI PALETTI`s endlich ihr volles Konzertprogramm abfahren: Sie spielen eine lustvolle Mischung funkig - softiger Rockmusik, beeinflusst von allen möglichen Stilrichtungen - Samba, Rap, Reggae, Jazz. Es sind rhythmische, melodiöse Titel mit einfachen, sich aufbauenden und wieder lösenden Strukturen. Da geht ungeheuer was los, macht die Musik Spaß. Sie packt einen, hält fest. Und das ist es wohl auch, was TUTTI PALETTI als exzellente Live - Band auszeichnet und sie unterscheidet von anderen hierzulande. Wiewohl es erstaunlich ist, mit welchem Feeling die Jungs unterschiedliche Stilrichtungen verarbeiten. Als Profimusiker beherrschen sie ihr Handwerk sauber, was auch die Grundlage dafür bietet, mit dem Songmaterial spielerisch umzugehen.

Seit Januar `87 gibt es das aktuelle Konzertprogramm und wurde während der Muggen mehr und mehr ausgefeilt. Da unterscheiden sich jene Titel, die derzeit in Bearbeitung sind, naturgemäß deutlich noch von denen, die bereits eine Entwicklung hinter sich haben. Doch dafür brauchen die TUTTI PALETTI `s Zeit, Ruhe - Zeit, um intensiv zu arbeiten. Schwierigkeiten gibt es auch mit dem Sound. Lag `s nun an den jeweiligen Räumlichkeiten oder gibt es grundsätzliche Fragen ? Wirklich schöne Parts ( keyb., Andy am Saxophon, die Gitarre insgesamt ) werden einfach nicht prononciert oder zurück genommen ( "Bass-Titel" ), dem ganzen fehlt damit ein Stück Spannung. Das sind freilich vorwiegend technische Probleme. Allein die Verschiedenheit beider Sängerstimmen ( Klaus / Matthias ) sind ein streitbares Angebot. Der Hörer hat kaum Zeit, sich für den einen anderen stimmlich - sympathie - mäßig zu entscheiden. Jeden Augenblick ist er gefangen vom Bühnengeschehen. Das lebt und quirlt, funkt und sambat, das es eine Freude ist.

Jeder spilet scheinbar an jedem Instrument ( Bühnenshow ). Die Texte sind relativ banal, und ich wage anzusagen, das es TUTTI PALETTI im Augenblick keinen Abbruch tut, denn dominierend und auch künstlerisch überzeugend ist die Musik ( Kompositionen meistens Martin, Matthias, Klaus ). Unter anderem lief "Schabernack" erfolgreich in den Wertungssendungen ( auch im Fernsehen ). Da heißt es, künftig aufzupassen, das TUTTI PALETTI nicht als Schabernack Band eingestuft wird, denn das musikalisch - künstlerische Anliegen ist doch ein sehr viel ernsthafteres.

Einzig synthetisch dabei ist momentan die Nutzung eines Rhythmus Computers, was die improvisatorisch - musikalischen Möglichkeiten der Musiker natürlich einschränkt - zumal die Fähigkeiten dazu zweifelsohne vorhanden sind. Es wäre, glaube ich, einen Gedanken wert, sich dieser Barriere im produktiven Interesse zu entledigen.

Nachgemerkt sei: jenes völlig normale TUTTI PALETTI Leben ( angeblich nicht der Rede wert, weil alltäglich ) spielte Andi, dem Saxophonisten, in Dresden noch arg mit. Sein Saxophon fiel während der Zugaben vom Ständer und damit bis auf weiteres aus. Das war dann doch etwas heftig und im Musikantenalltag ein harter Schlag. Was aus dem Instrument geworden ist, weiß ich nicht, denn die Jungs sind nicht zu erreichen. Schwirren in der Republik `rum und geben Konzerte.

PS habe ich erfahren: TUTTI PALETTI bedeutet nämlich gar nicht "alles in Ordnung" oder "Banane", sondern etwa tutti - alle und paletti - die ganze Palette, die ganze Breite. Mit anderen Worten: Alle ( Bandmitglieder ) spielen die ganze musikalische Stilvielfalt mit mehreren Instrumenten. Oder so ähnlich. Da muss der Mensch erst mal drauf kommen ...