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Und eines Wintermorgens läßt sie sich fallen |
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Thalheim |
Lyrik |
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Komp. Erik Kross |
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Text: Fritz-Jochen Kopka |
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Und eines Wintermorgens zehn nach neun lässt sie sich fallen. |
| Um acht hätte sie im Büro sein müssen. |
| Aber es ist zehn nach neun, und sie lässt sich fallen. |
| Es ist genug. |
| Sie ist jeden Tag ins Büro gegangen und hat dafür Geld bekommen, |
| mit dem sie leben konnte. |
| Ins Büro zu kommen war notwendig, |
| wenn man Geld haben wollte, |
| aber es fiel nie jemanden auf, |
| wenn sie dort war und nicht arbeitete. |
| Sie wusste nicht, |
| ob die anderen im Büro arbeiteten oder ob sie simulierten |
| und ob sie es noch wussten, |
| wenn sie simulierten. |
| Von sich glaubte sie, |
| das sie eine Scheinexistenz führe. |
| Sie war da, aber es genügte, |
| dass eine Äußerlichkeit da war, eine Hülle. |
| Sie kannte einen Mann. |
| Neben diesem Mann lebte sie, |
| für diesen Mann war sie da wie für ihr Büro. |
| Man lässt sich einmal darauf ein und ist für immer verstrickt. |
| Sie wusste ja, |
| das sie mehr als mit dem Mann |
| mit dem Geld zusammenlebte, |
| dass sie vom Büro bekam. |
| Der Mann gab ihr Geschenke, |
| Gegenstände, die sie in Schränke und Regalbretter legen konnte. |
| Das Zusammenleben mit ihm war freudlos, |
| aber er war gut. |
| Er öffnete seinen Arm, |
| sie konnte sich hineinlegen, |
| dann kam die Nacht. |
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Als sie sagte, dass sie sich trennen wollte, |
| verlor er sich anscheinend ganz, |
| und als sie sich korrigierte, |
| dass sie sich eigentlich nicht von ihm, |
| sondern von allem trennen wollte, |
| öffnete er wieder seine Arme, |
| und dann kam die Nacht. |
| Am Morgen klingelte kein Wecker. |
| Sie erwachten kaum später als an anderen Tagen, |
| aber, anders als an anderen Tagen, |
| ließen sie sich Zeit. |
| Sie hatten Hunger und Durst, |
| und sie aßen und tranken. |
| Als sie die Kanne leer getrunken hatten, |
| kochten sie ein zweites Mal, beide wollten es. |
| Sie gingen dann hinaus, |
| da fiel der Schnee, |
| er fiel sanft und legte sich vorsichtig auf die Erde, |
| wo er sich, früher oder später, auflösen würde. |
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Sie wusste nicht, ob er wusste, |
| was sie wollte, sie wusste es selbst nicht. |
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Es ist zehn nach neun, als sie sich fallen lässt, |
| und der Mann, er springt, er scheint sich selbst zu stoßen, |
| sie wissen nicht, das es zehn nach neun ist, |
| sie haben nur gewartet, |
| bis der gelbe Zug nahe genug herangekommen ist. |
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An ihr fuhren die Räder vorbei. |
| Sie weiß nicht, wie viele Jahre vergangen sind. |
| Jedenfalls erinnerte sie sich des Mannes - |
| oder ist er eine Einbildung gewesen? |
| Wo sie nun lebt, ist es eng, dunkel und niedrig. |
| Sie tastet mit den Händen, |
| die erkennen den Mantel des Mannes, |
| aber der Mann ist ein anderer geworden, ein Lebloser. |
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Da ist es auch feucht von einer Flüssigkeit, |
| die unheimlich ist, aber bekannt. |
| Sie muss lange liegen neben dem Mann. |
| Später sagte man ihr, |
| dass sie geschrien und zwischen den Schreien lange geschwiegen habe, |
| das man immer gedacht habe, sie sei tot. |
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Sie erzählt, |
| das das Licht im U-Bahnhof so sehr dem Licht der Träume geglichen habe, |
| das sie meinte, man könne sich fallen lassen |
| und würde wieder aufwachen wie nach den Träumen auch. |
| Und der Mann, sagen sie, |
| der Mann wacht nicht wieder auf, der ist tot. |
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Er hat die Ähnlichkeit des Lichts nicht bemerkt, |
| denkt sie, er war nicht so, |
| dass er so feine Gleichheiten hätte bemerken können. |
| Ach, sagt sie, wie war ich erschrocken, |
| wie war’s so dunkel in dem Wolf seinem Leib. |
| Ins Büro geht sie nie mehr. |
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Sie hätte ja Solidarität üben können |
| Sie hätte sich ja für den Sozialismus einsetzen können |
| Sie hätte ja auch für den Frieden kämpfen können |
| Sie hätte den Menschen ja etwas Schönes geben können |
| Aber sie wusste echt nicht wie |
| Aber was sie auch machte, |
| es war immer dasselbe |
| Alles lief darauf hinaus, ins Büro zu gehen |
| In die Scheinexistenz. Sich in seine Arme zu legen |
| Und dann kam die Nacht |
| Alles lief darauf hinaus, das sie nichts in den Händen hatte. |
| Nur das Geld für einen Monat |
| Das Geld, mit dem sie zusammenlebte |
| Sie brauchten sich, das Geld und sie |
| Sonst brauchte sie niemanden |
| Sonst brauchte keiner sie, nur das Geld |
| Sie konnte ihm nicht entrinnen |
| Da ließ sie sich fallen |
| Eines Wintermorgens zehn nach neun. |
Hinweis: Der hier aufgeführte Text entstammt keiner gedruckten Publikation, sondern wurden von den Originalaufnahmen abgehört. Für ihre hundertprozentige Richtigkeit kann deshalb keine Garantie übernommen werden.