Melodie und Rhythmus 10 / 1982

U.Brüning

Uschi Brüning

Wieland Ziegenrücker

Eine der AMIGA Sommerüberraschungen dieses Jahr ist die USCHI BRÜNING LP. Acht Jahre liegen zwischen dem Erscheinen ihrer vorangegangenen Platte und dieser Neuproduktion – wahrlich ein langer Zeitraum. Um so gespannter war man nun auf das neue Angebot.

Die LP enthält ausschließlich internationale Standards. Ein erster flüchtiger Blick auf die Titelauswahl machte mich zunächst betroffen: Wie lässt sich eine derart breit gefächerte stilistische Vielfalt vereinen ? Neben betagten Evergreens der 30er Jahre wie „Blue Moon“, „My Funny Valentine“ und „Body And Soul“ stehen Kompositionen von Stevie Wonder, Billy Preston, Al Jarreau, Antonio Carlos Jobim u.a., auch die Beatles ( „Fool On The Hill“ ) sind vertreten, ja sogar der Be-Bop-Klassiker „Antropology“ verbunden mit den Namen Dizzy Gillespie und Charlie Parker, fehlt nicht.

Und hier tritt ein erster Vorzug der Platte zutage: USCHI BRÜNING und ihr Arrangeur Team ( Eberhard Weise, Hans-Otto Jeriosch, Henry Walther ) lassen diese ursprüngliche Unterschiedlichkeit vergessen, sie nutzen lediglich das musikalische Material, und formen daraus eine neue BRÜNING – gemäße Eigenständigkeit, so das die gesamte LP sehr gut das gereifte künstlerische Profil der Solistin erkennen lässt – womit wir beim zweiten Vorzug der LP, nämlich der BRÜNING selbst wären.

Sie bestätigt mit ihrer 82er Produktion erneut ihre Musikalität, besser: Musikantität, ihr Feeling und natürlich auch ihre stimmlichen Qualitäten, die sie gerade bei den ausgewählten Standards überlegt und überzeugend einsetzt. Dabei drängt sie sich nie in den Vordergrund, lässt auch ihre Musikerkollegen zu Wort kommen, zahlreiche Instrumentenchorusse belegen das. Imponierend wie sie schließlich selbst in Scat-Manier mitimprovisiert ( „Walking“, „Anthropology“ ).

Wohl fast alle Titel sind oder waren Bestandteil ihres Konzertprogramms. So ergab sich genügend Zeit zum Ausprobieren, zum Suchen, zum Einfühlen, zum Testen vor Publikum. Das Vorliegende basiert mit Sicherheit auf langfristiger Erfahrung, weniger auf Augeblickinspiration im Studio. Wer versucht ist, die BRÜNING bzw. diese LP in eine der Schubladen mit der Aufschrift „Rock“, „Pop“, „Jazz“ oder ähnlichem einzuordnen, wird es schwer haben. Hier vereinen sich, anteilig differenziert, verschiedene Elemente zu einem unverwechselbaren USCHI BRÜNING – Gesicht. Und das ist gut so!

Vorzug Nr.3 dieser LP besteht im Studio Orchester unter der Leitung von Eberhard Weise. Um Joachim Graswurm (tp, fl-h), Konrad Körner (as) und Ernst Ludwig Petrowsky (fl, bars) als mehrfache Solisten scharen sich namhafte Musiker, beispielsweise die Rhythmusleute Wolfgang Greiser (bg) und Wolfgang Schneider (dr). Eine bessere musikalische Grundlage kann sich wohl keine Interpretin wünschen. So spürt man auch die gegenseitige Inspiration recht deutlich.

Einzelne Titel herauszuheben, fällt schwer. Zweifellos verdient die BRÜNING – Interpretation von Stevie Wonders „You Are The Sunshine Of My Life“ mit durch Tempowechsel erzielten Spannungsmomenten besondere Erwähnung. Wie aus dem Moment heraus entstanden wirkt das eigenwillige Duett BRÜNINGS mit Petrowskys Baritonsaxophon in „My Funny Valentine“ originell, zum Hinhören zwingend. Mir persönlich gefällt Eberhard Weises Fassung zum Beatles Song „Fool On The Hill“ in der Einheit von virtuosem Klavierspiel und harmonischem Gespür am Besten.

In jedem Falle, und das scheint mir der größte Vorzug zu sein, lohnt mehrfaches Anhören: ja, ist mehrfaches Anhören notwendig, um die Fülle musikalischer Einfälle und interpretatorischer Nuancen zu erfassen. Dafür gebührt nicht nur USCHI BRÜNING und den Musikern Dank, sondern gleichermaßen auch AMIGA, namentlich Tonregisseur Siegbert Schneider und Produzent Jürgen Lahrtz.