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Neues Leben 1976 |
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Ingeborg Dittmann |
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Wenn im Saal das Licht verlischt, die Musikanten die Bühne betreten – dann beginnt das Konzert. Zumindest für das Publikum. Für die Band hat es längst begonnen; in den Morgenstunden schon. Als sie die Auto beluden und sich zum Auftrittsort auf den Weg machten, der nicht selten drei – oder vierhundert Autobahnkilometer langen. So beginnen viele Tage für sie. Denn: das ist ihr Alltag. Der vor den Fernsehkameras, mit dem Galakonzert, der Großveranstaltung – der ist es nicht. Zugvögel sind sie. Kennen die Landstrassen besser als mancher Berufskraftfahrer. 50000 Inlandkilometer im Jahr. Auch das ist eine Tatsache, an die niemand denkt, wenn der Vorhang aufgeht. „NL“ war für euch dabei und begleitete eine populäre Beatgruppe auf einer Konzerttournee. „Wir“ besteht seit dem Jahre 1972. Im Moment arbeiten sie in folgender Besetzung: Wolfgang Ziegler ( Piano, Melotron, Gesang, Gitarre ), Doris Martin ( Gesang ), Hans Joachim Kluge ( Schlagzeug ), Ingolf Zwick ( Leadgitarre ), Rainer Bloss ( Bassgitarre ). Klaus Dieter Krause und Volker Bleschinski sind für Ton – und Lichttechnik zuständig. Textautoren der Gruppe sind Kurt Demmler, Ingeborg Branoner, Klaus Kühne und Wolfgang Brandenstein. Die Kompositionen stammen von Wolfgang, Rainer und Ingolf. Bei den Interpretenwettbewerben und Leistungsschauen der DDR- Unterhaltungskunst der letzten Jahre gab es für die Gruppe einmal „Silber“ und mehrere Diplome. Auslandstourneen führten sie wiederholt in die VR Polen und an die Drushba – Trasse. In der Nacht hatte es Frost gegeben. Die Scheiben der beiden PKW und des Barkas sind mit einer dicken Eisschicht überzogen. Als wir endlich Richtung Norden starten können, hat sich der Tag schon den Schlaf aus den Augen gerieben. Darin ist er den fünf Musikern und den beiden Technikern voraus, denen steckt die Müdigkeit noch in den Gliedern. In der Nacht zuvor hatten sie im Rundfunk produziert. Nun also via Rostock. Von dort aus werden sie jeden Tag die unterschiedlichen Spielorte im Bezirk ansteuern. Dorthin werden sie jede Nacht zurückkehren. Nach dem Konzert. Mittags können wir die im Hotel bestellten Zimmer beziehen. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt indes nicht. Die Veranstaltung beginnt heute schon 15.00 Uhr. Ein Konzert für Schüler. Die beiden Techniker fahren voraus, drei Stunden Aufbauzeit für die Anlage, das ist normal. Wenig später starten auch wir mit „Wir“ – Mitgliedern Doris, Wolfgang, Achim, Rainer und Ingolf. Eineinhalb Stunden Wegstrecke kommen dazu, ungefähr die Zeitdauer des bevorstehenden Konzerts. Bei unserer Ankunft laden die beiden gerade die letzten Teile der Anlage aus, umringt von einem Dutzend Steppkes, die alle unbedingt mithelfen wollen. Im umfunktionierten Speisesaal behängt einer die Fenster mit Decken, dann werden die Instrumente ausgepackt, gestimmt. Jeder spielt sich ein. Blechi setzt sich hinter `s Lichtpult und betätigt die 21 Schalter in solchem Tempo, als hämmere er auf die Tasten eines Klaviers. Inzwischen regelt Andy die Anlage ein, geht mit der Lautstärke herunter. Der Saal ist klein, und es soll klingen, nicht lärmen. Denen draußen dauert das alles zu lange. Ungeduldiges Scharren an der Tür. Die Zeit ist noch nicht heran, aber der Einlass beginnt. Die Musikanten verschwinden in der provisorischen Garderobe. Dort sieht Doris noch einmal prüfend in die Runde. Als Fachmann in Sachen Mode achtet sie auf das Äußere der Jungs. – Das Konzert kann beginnen. Ein genauer dramaturgischer Ablauf ist vorgesehen: sechzehn Titel, Showelemente, das Spiel mit dem Licht, alles ist aufeinander abgestimmt. In der Mehrzahl laufen Titel, die in der Gruppe entstanden sind: „Der Eisberg“, „Weine nicht“, das Duett „ Komm zu mir“, „Zeit“, „Glaub an dich“, die „Gartenparty“, der Schlusspunkt: „Nach dem Konzert“. Vorrangig also liedhafte, rhythmisch betonte, tanzbare Titel. Dazwischen auch Eric Clapton und heitere, originelle Nummern: mit Balletteinlage, einem Rock `n` Roll auf der Bühne, der Moritat von Fuchs und Gans, im Tangosound. Das alles kommt mit scheinbarer Leichtigkeit und viel Spaß von der Bühne, die hier eigentlich gar keine ist. Man spielt fast mitten im Publikum. Doch gerade diese scheinbare Leichtigkeit ist eine Sache, hinter der harte Arbeit steckt. Da gab es auch Gespräche mit den Konzertbesuchern: Wie ist das eigentlich mit der Show, dem Licht ? Wollen die Leute das überhaupt ? Hat das eine Funktion ? Resultat : Wenn man zum Beatkonzert geht, möchte man nicht allein für `s Ohr, auch für das Auge etwas geboten haben. Kleidung, Bewegung, Licht und andere optische Effekte gehören dazu. Nach dem Konzert leert sich der Saal erst nach etlichen Zugaben allmählich. Autogrammjäger und technisch Interessierte sind hartnäckig. Die Musikanten packen die Instrumente ein, die beiden Techniker beginnen abzubauen. Doch ehe sie in Rostock sind, wird es Abend sein, und gewöhnlich ( bei den 19 Uhr Konzerten und Tanzveranstaltungen ) wird es Mitternacht, ehe sie mit allem fertig sind. Als wir wieder im Auto sitzen, ist das Konzert im Saal vorbei, aber es wird alle noch eine ganze Weile beschäftigen. Da hat die Anlage zeitweise geklirrt, wurde ein Einsatz um Sekunden verpasst, kam ein Titel nicht so richtig über die Rampe. Feinheiten, von denen das Publikum oft nichts merkt. Für die Wir – Leute Grund zur kritischen Einschätzung der eigenen Leistung. Ich fand, das durch die bis ins letzte ausgenutzte Möglichkeiten der Lichtanlage stellenweise das Auge übermäßig strapaziert wurde. Weniger wäre hier vielleicht mehr, schon, um bestimmte musikalische Höhepunkte zu unterstreichen. Auch an der Titelgestaltung gibt es noch einiges zu feilen. Und am Konzertablauf, in dem einfach noch einige Ruhepunkte fehlen … Über all das kann man mit ihnen diskutieren. Da sind sie weder eitel noch selbstgefällig. Und die Zweifel nach einem Konzert ( wie es in ihrem Lied heißt ), sind immer wieder Ausgangspunkt für Überlegungen, Verbesserungen, neuen Ideen. Die werden nicht nur bei Proben oder Arbeitsgesprächen geboren. Öfter noch bei einer Tasse Kaffee zwischendurch oder wenn sie am Abend im Hotel zusammen sitzen. Manchmal auch unterwegs im Auto. So sind die Tage immer ausgefüllt. Mit Proben -, Funk – und Plattenaufnahmen, Kostümproben, Veranstaltungen, Konzerten und all dem, was dazugehört. Auf manches, was für viele Leute zum normalen Tagesablauf gehört, müssen sie oft verzichten; Fernsehen zum Beispiel, das Zusammensein mit der Familie am Abend … Sicher, auch während der Tourneen gibt es freie Stunden, manchmal Tage. Doch so angenehm ein Hotelaufenthalt im Urlaub sein mag, auf die Dauer, jahrein, jahraus, kann auch das an den Nerven zerren. All das schwingt mit in den Gesprächen am Abend, als wir im Hotel noch beieinander sitzen. Und da „Wir“ nicht nur auf der Bühne eine lustige Truppe ist, geht `s bald recht munter zu: „Wißt ihr noch … wie sich Wolfgang beim spielen einmal derart verausgabte, das er vom Klavierhocker fiel? … Und Ingolf so vertieft ein einen Blues war, das er überhaupt nicht zu spielen aufhören wollte und alles um sich herum vergaß ? Oder wie Achim in den leeren Mikroständer gesprochen hat, weil Doris aus Versehen das Mikro in der Hand behalten hatte ? …“ Da erfahre ich noch manche Geschichte am Abend. Und es macht Spaß ihnen zuzuhören. Weil sie sich selbst auf die Schippe nehmen können. Weil sie einmal gewonnene Erkenntnisse nicht als endgültige, unumstößliche Wahrheiten, sondern als durchaus, veränderbare Größen ansehen. Weil sie als Partner gut miteinander auskommen und die Atmosphäre eine freundliche ist. Das ist wichtig für so ein Team, wo einer auf den anderen angewiesen ist, nichts ohne den anderen geht. Der Tag geht zur Neige: Es war nicht leicht, auch der kommende wird nicht leichter sein. Glatteis ist angekündigt für die Nacht. Die Fahrt bis zum äußersten Zipfel der Insel Rügen wird anstrengend werden. |