Wolfgang Ziegler - Presse 1984

Melodie & Rhythmus  5 / 1984

 

 

 

Sänger, Komponist, Musikant – Wolfgang Ziegler

 

Barbara Seifardt

   

Eine ganze Reihe neuer Titel wurden von WOLFGANG ZIEGLER und der Gruppe WIR von 1983 bis Anfang `84 in den Studios der Berliner Nalepastrasse eingespielt. Material für eine LP? Auf meine Vermutung war zumindest von ZIEGLER zu erfahren, das eine neue WIR – LP bei AMIGA im Gespräch ist ( Das wäre in der zwölfjahrigen Bandgeschichte die Dritte, die letzte erschien 1978 ).

 

 

Einige der neuen Lieder wurden von der Produzentin Luise Mirsch in ihrer Sendung „Musikanten gefragt“ ( Radio DDR 2 ) bereits vorgestellt. Natürlich schaltete ich mich zu spät ein, immerhin aber noch rechtzeitig, um „Du müsstest hier sein“ ( Ziegler/Gertz ) aufs Band zu bannen. Ein sehr interessanter Titel, der auch ZIEGLERS Vorzüge als Sänger so recht zur Geltung bringt.

Und ein in seiner Anlage ziemlich ungewöhnliches Lied: durchlaufender Rhythmus, der sofort Tanzbarkeit assoziiert, auf dem aber eine verhaltene, einprägsame Melodie mit einer Art lyrischen Erzählung liegt, die vor allem durch ZIEGLERS Interpretation emotional berührt, ohne dabei ins Sentimentale abzugleiten.

Für alle WIR – Neuproduktionen ( insgesamt neun ) zeichnet Luise Mirsch verantwortlich.

Ihr Engagement als Produzentin, ihr fachliches Wissen und Können, ihre menschliche Erfahrung kam in unserer DDR – Rockgeschichte bereits zahlreichen Musikern zugute – sie war schon dabei, als unsere Rockbands laufen lernten. WOLFGANG ZIEGLER und WIR arbeiten seit gut einem Jahr zusammen:

„Wir haben noch keinen Produzenten kennen gelernt, der sich von Anfang bis Ende so intensiv um den Produktionsprozess kümmert, alles ist hervorragend organisiert, und Luise greift in sehr dezenter Form in die Kreativität dieses Prozesses ein, lässt genügend Raum für das schöpferische Wirken aller Beteiligten, gibt nur wenige Tipps, die aber dann eben sitzen … Und Luise ist eine sehr angenehme Frau.“ (Ja, auch das muss schließlich einmal gesagt werden! )

Alle Texte der neu produzierten Titel stammen von Fred Gertz. Dabei hat sich allerdings die Arbeitsweise etwas verändert, ist zu einem engeren Miteinander zwischen Komponist, Musikanten und Texter geworden. „Wir haben einen regelrechten Themenkatalog, d.h. wir suchen ganz bewusst Themen, von denen wir glauben, das wir sie dem Hörer nahe bringen können. Denn es kommt schließlich darauf an, dass er uns auch abkauft, was wir singen. Wir geben also die meisten Themen vor.“

Eine ganze Reihe engagierter Titel lassen sich bis zum Ursprung der WIR – Geschichte, bis 1972 nämlich, als die Gruppe von dem Lyriker Fred Gertz und WOLFGANG ZIEGLER ins Leben gerufen wurde, zurückverfolgen. „Black Power“, der „GI-Blues“ ( 1972/73 ) und das „Requiem für Julian Grimaux“ ( 1974 ) gehören dazu. Dieses Sich – Einmischen in das aktuelle gesellschaftliche und politische Geschehen mit dem Mitteln der Rockmusik war für WOLFGANG ZIEGLER immer wesentliches Moment seines künstlerischen Wollens.

„Blutiger Sommer“ ( Ziegler/Lasch ), uraufgeführt bei „Rock für den Frieden `83“ oder „Nie mehr“ ( Ziegler/G. Steineckert, Höft ), „Sie dreht sich doch“  ( Ziegler/Rau )1981 sind überzeugende Beweise aus den letzten Jahren.

WIR hat , was Engagement und Realitätsgewinn in unserer Rockmusik betrifft, Wesentliches geleistet. Das gilt auch für die Verknüpfung von Rockmusik und Literatur, die Einführung einer poetischen Rocksprache ( und nämlich der deutschen – als man rundherum fast ausschließlich Englisches nachsang ). Da haben WOLFGANG ZIEGLER und Jens Gerlach nach Wolfgang Tilgner und den „Puhdys“ zweifellos Pionierarbeit geleistet.

Was immer wieder Bewunderung abverlangt, ist die ungebrochene Kreativität ZIEGLERS, wenn man bedenkt, das die WIR – Bandgeschichte durch zahlreiche Musikantenwechsel, durch ein mehrmaliges Neubeginnen gekennzeichnet ist. ( Lediglich Schlagzeuger Hans-Joachim Kluge ist WIR seit zehn Jahren treu geblieben ). So muss man wohl ZIEGLERS zwölfjahrige lückenlose Schaffenszeit ( in der freilich Titel unterschiedlicher Qualität entstanden, doch gab es in all den Jahren Lieder, die noch heute Bestand haben ) auf eine Art musikalische Besessenheit zurückführen, eine sehr intensive Beziehung zur Musik, die ohne musikantische Aktivität nicht auskommt, denn trotz Auf und Ab in der WIR - Chronik: Die Band will er!

„Ich bin mit einer Band groß geworden, musikalische Arbeit war für mich immer nur so denkbar. Ich kann mir dieses Gefühl, das ich da keine Musikanten hinter mir habe, nur schwer vorstellen, dieses musikantische Zusammengehen mit einer Band – das ist ein Gefühl …“

Man hat WIR mitunter musikalisches Zwitterdasein vorgeworfen, ein Nichtwissen in welche Richtung es gehen soll. „Na sicher, wir haben zwei Richtungen gewählt, wenn man da überhaupt von Richtungen sprechen kann. Ich glaube eher, das es ein musikalisches Spektrum ist, das für jede Band ganz legitim ist. Dazu gehört bei uns einmal die Rockballade und zum anderen der mehr rhythmisch betonte, tanzbare Titel. Ich sehe darin absolut keinen Widerspruch.“

Dennoch: Die besten und überzeugendsten Lieder ZIEGLERS sind zweifellos die stark gefühlsbetonten, sehr melodischen Titel, wie z.B. „Nach dem Konzert“, „Da schlug die Flamme“, „Du hast immer bei mir ein Zuhaus“, „Mach dich frei“ oder auch der bereits erwähnte neue „Du müsstest hier sein“. Das hängt wohl nicht zuletzt auch mit der musikalischen Grundeinstellung WOLFGANG ZIEGLERS zusammen, einem sehr emotionalen Herangehen: „Für mich ist die Melodie immer Ausgangspunkt für ein Lied, die melodische Struktur ist das wichtigste …“

Wichtig war ihm auch immer ein guter Live – Sound. Für einen guten Ton war und ist WIR nach wie vor bekannt. Ein besonderer Ehrgeiz? „Ja, ein notwendiger, denn schließlich will wohl jeder, dass die Musik, die er sich erdacht hat, so gut wie möglich rüberkommt. Und schließlich spielt der Sound heute eine viel größere Rolle als vor zehn Jahren, die Hörgewohnheiten sind anders geworden, da muss man einfach dranbleiben.“

Und hier wird es Zeit, die zwei mit der Technik engstens vertrauten WIR – Kollegen Rene ( Ton ) und Wolfgang Kaiser ( Licht ) zu nennen, ohne deren sachkundiges Mittun auch Hans-Joachim Kluge (dr), Uwe Karten (b), Karsten Mohren (keyb) und nicht zuletzt WOLFGANG ZIEGLER (keyb, voc) kein WIR – Konzert über die Rampe bringen könnten.