Wolfgang Ziegler / Gruppe Wir  Rezension 1984

Melodie & Rhythmus 1984

 

Wolfgang Martin

 
     
Auf dem Plattenteller dreht sich eine neue AMIGA - LP mit Wolfgang Ziegler und der Gruppe "Wir", betitelt "Ebbe und Flut". Seit Tagen höre ich diese Platte, seit Tagen kneifen sich bestimmte Songs, manchmal nur einzelne Phrasen so nachhaltig ins Ohr, dass sie zum gedanklichen Begleiter durch den Tag werden. Und jeden Tag hört man eine Menge Musik, die längst nicht diese Wirkung erzielt. Das erste Lob für die WIR - LP ist also geschrieben. Es wird im einzelnen zu untermauern sein, denn genauso wie am Anfang die Faszination über ein gelungenes Klangprodukt das achten auf Details verdrängt, so sehr werden die Überlegungen nach mehrmaligem Anhören schlicht rationaler.

Fest steht, dass Ziegler einer der erfahrensten und befähigsten Rockmusiker / Komponisten / Arrangeure und Soundmacher in unserem Land ist. Eine solide handwerklich - technische Ausbildung, qualitativ geformt und erweitert in 15jähriger praktischer Musiker - Arbeit und die mit unterschiedlichem Erfolg immer wieder schöpferisch eigenständige Profilierung seiner Musik in der Beschäftigung und Auseinandersetzung mit internationalen Trends, haben bei Wolfgang Ziegler ausstrahlungsstarke Antennen gesetzt. Oberflächlich und nebenbei gehört, reduziert sich der Pauschaleindruck dieser LP auf einen vordergründigen klanglichen Ohrenschmaus, der uns möglicherweise das komplette Equipment eines gut bestallten Musikers vorführen soll. Und so fehlt auch nichts, um das Zauberwort "Sound" auch tatsächlich in farbigen Klängen zu realisieren, mittels monophoner und polyphoner Synthesizer, die auch Bass und Gitarren elektronisiert haben, Sequenzer, verschiedene Rhythmus - Computer und gelegentlich einige Effekt - Geräte, die hinter Gitarren geschaltet sind.

Ein wichtiger Kollege der modernen Rockmusikproduktion fehlt auch in der WIR - Musik nicht, der Simmons - Drums. Noch mehr neue Begriffe würde uns das Sezieren der Abmischungs - Verfahren bescheren ... aber wichtiger scheint mir an dieser Stelle, konkreter auf die einzelnen Songs der Platte einzugehen. Denn wichtig ist, das neben all dieser ausgebufften und für mich höchst erfreulichen Intensivierung des Klangbildes - ( entsprechend der Produktionsbedingungen ) ein wesentlicher Faktor für Wirkungsabsichten und künstlerischen Gesamtanspruch - so wesentliche Komponenten wie Kompositionen / Arrangements / Texte und Interpretationen zum eigentlichen Kriterium für die Qualitätsbefindung werden. Das unterscheidet Ziegler im positiven Sinne von vielen Electronic - Kollegen, insbesondere der jüngeren Synthi - Generation.

Ziegler komponiert seine Lieder, "bekleidet" sie dann und akzentuiert mit - in der Mode zulässigen - ästhetischen Details einer optimalen Klangaufbereitung. So ist es vor allem auf der A-Seite zu hören, die fünf Titel enthält. Drei von ihnen sind bereits aus dem Radio bekannt - die LP ist übrigens eine AMIGA - Übernahme von Rundfunkproduktionen - jedoch erscheinen sie auf der Platte als Neuaufnahmen. In eben diesen neuen Fassungen ( " Mädchenträumerei" / "Du müsstest hier sein" / "Superschlank" ) hätten sie heute wahrscheinlich noch bessere Chancen in den Hitparaden. Dazu gesellen sich zwei bisher unveröffentlichte Titel, "Mein Freund" und "Plastikzeit". Alle fünf kann man bedenkenlos hintereinander in der Diskothek abspielen. Sie zeichnen sich durch eben diesen ausführlich beschriebenen - dabei durchsichtigen - Sound aus, auch durch ihre Textverständlichkeit. Und dies ist nicht nur den Toningenieuren zu verdanken, wohl in erster Linie auch den klaren und den Inhalten der Texte emotional gerecht und nachvollziehbar werdenden Interpretationen durch Wolfgang Ziegler.

Die Geschichten kommen von Burkhard Lasch ( "Mädchenträumerei" ), Wolfgang Brandenstein ( "Superschlank") und die anderen drei von Fred Gertz. Besonders gut gefällt mir der Aufbau und die Lösung seiner Dreiecksgeschichte in "Er war mein Freund" - übrigens der einzigen Nicht - Ziegler - Komposition, der Titel wurde vom heutigen Enno - Keyboarder Thomas Schock eingebracht. - Kurz: Die einstigen Jungen - Freundschaft erfährt einen Knacks, weil sich beide in dasselbe Mädchen verliebten, aber diese keinen von ihnen zum Manne begehrt; " ... hab euch zwar gern, aber nicht lieb."

Wie sich halt Disko - Moden auch schnell verändern, wurde mir klar, als ich den recht originellen Text zu "Superschlank" mit der ersten Fassung verglich. Früher konnte man noch die langen nackten Beine schöner Frauen bewundern - und Ziegler stöhnte ein sexy dazu - jetzt kann man "abends durch die Strassen gehn und nur noch die Verpackung sehn", Kommentar: "schizophren".

Drehen wir die Platte um und hören auf der B-Seite den Titelsong "Ebbe und Flut". Jetzt werden die Songs länger, die Musik meditativer, die Themen der Texte ernsthafter. Die Kompositionen sind von anderem dramaturgischem Aufbau. Auch wenn der philosophische und zeitbezogene Anspruch, ausgedrückt in diversen Metaphern ( Fred Gertz ) verständlich ist, gibt es doch ein Häufung allzu großer Worte, verdeutlicht im Pathos des Vortrags. Wesentlich konkreter, auch anrührender und bewegender, sind die Titel "Blutiger Sommer" ( B. Lasch ) sowie "Und sie dreht sich doch" ( Steineckert / Höft ). Beide entstanden schon vor längerer Zeit, haben jedoch nichts an ihrem Wahrheitsgehalt und an Aktualität verloren. Die eminent politische Aussage gelangt in dieser beispielhaften poetischen Verdichtung und in ihrer glaubwürdigen Interpretation zu einer hohen künstlerischen Qualität.

"Der Traum vom Fliegen" ( Ziegler / Rau ) bietet uns in seiner Kausalität eine Reihe technischer Synonyme - im A Seiten Titel "Plastikzeit" ( Gertz ) quasi als aktuelle Ergänzung in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Computer - Zeitalter und seinem Verhältnis zu künstlichen und manipulierten Werten. Dennoch liegt es an jedem Zuhörer selbst, ob er sich - vielleicht noch unter Kopfhörern - mit dem Zieglerischen Zeppelin in die Lüfte begibt. Die Landung im doppelten Sinne ist natürlich erforderlich, doch dabei helfen auch die veränderten Synthesizer - Einstellungen mit ihrem lauter werdenen Klang ...