Neues Leben 2/1989

Thomas Melzer

„Dieser 16.Juni war unsre erste öffentliche Probe“ sagt Dirk. Später dann standen sie in der ersten Publikumsreihe und flippten während der James – Brown – Show völlig aus. Der 58 jährige Soul – Altstar sprang schließlich von der Bühne und reichte auch den Zöllnern die Hand. Musikalisch hatten sie diese bereits vorher genommen.

„James Brown beeinflusst durchaus unseren eigen Stil. Wir neigen immer mehr zu einem Soul – Funk, der die Motorik des Rock `n` Roll  mit der Seele von Blues und Soul vereinigen soll. Wir wollen eben so `ne richtig schöne Affenmusik machen !“

Sieht man sich im DEFA Rockreport „Flüstern und Schreien“ den ersten, noch mächtig verklemmten Auftritt des Zöllner – Duos an, war damals an Affenmusik oder Weißensee wohl nicht zu denken. Nach langen Querelen hatte sich „Chicoree“ aufgelöst und Dirk erste Solo – Projekte in Angriff genommen, da entdeckten er und der soeben bei „Lama“ ausgestiegene Andre Gensicke gemeinsame Wellenlängen. Schranken oder Grenzen gab `s und gibt es in beider Musikverständnis nicht.

In Verbindung damit hat der Bandname „Die Zöllner“ fast etwas Kurioses. Aber die Sache hat einen ganz simplen, pragmatischen Grund: Auf vielen Verträgen stand bereits dieser, inzwischen auch schon bekannt gewordene Name. Änderung wäre unnötiger Aufwand gewesen. Und dieser rechtfertigt sich bei den Zöllnern nur, wenn es um das Eigentliche geht, um ihre Musik.

Größerer Aufwand fürs Eigentliche – das hieß zum Beispiel, Varianten entwickeln, um mit ihrer Musik einen größeren Wirkungsgrad zu erreichen. Die vielen gut bezahlten Klub – Muggen zu zweit befriedigten da bald nicht mehr, die Möglichkeiten von Keyboard und Mikrophon waren beschränkt. In der Fernstudentenkapelle „ Keine Helden“ der Berliner Hochschule für Musik „Hans Eisler“ fanden Dirk und Andre schließlich die gesuchten und begeisterungsfähigen Kollegen. Während der ersten gemeinsamen Probentage in einem Bungalow am Hölzernen See zweifelten sie jedoch zeitweise schon an ihrer Wahl. Dirk: „ Früh wurde unmenschlich zeitig aufgestanden und gejoggt, da keiner der „Helden“ rauchte, war auch im Probenraum das rauchen untersagt, dazu kam eine sagenhafte Probendisziplin – die hatten eine richtig professionelle Einstellung.“

Mit dieser wurde dann auch die eingangs beschriebene „erste öffentliche Probe“ vor 70000 Leuten absolviert, und einen Monat später galten sie schon allgemein als Shooting – Stars ( Senkrechtstarter ) des 5. Berliner Rocksommers. Der hier gezeigten Spielfreude und nachfühlbaren Emotionalität der Zöllner – Show kann man sich nicht entziehen. Das Publikum war begeistert.

Seitdem hat die Band Spaß an der Musik wie nie zuvor und genießt die produktive, gelöste Atmosphäre im großen Team, in dem jeder auf seine Weise zur gegenseitigen Inspiration beiträgt.

Obwohl eine 15köpfige Band für viele Veranstalter gerade in kleineren Häusern kaum erschwinglich ist, ist der Band-Terminkalender nicht leer geblieben. Es zeugt schon von Besessenheit zwei durch jeden mittelprächtigen Synthesizer zu ersetzende Streicher mit in die Band aufzunehmen, während gleichzeitig immer mehr gestandene Bands mit Minimalvarianten in kleinen Clubs spielen, um sich über Wasser halten zu können. Doch auch die kleinere Variante bleibt bestehen:

Andre hat viele Songs für eine Kammervariante umarrangiert, die sie mit Violine, Cello, Piano und Gesang bestreiten. Diese Form schafft die Möglichkeit, vor allem auch die Texte von Dirk bewusster aufnehmen zu können, als dies im Rhythmusfeuerwerk der Großvariante möglich wäre.

„Was wir an Wünschen, Träumen, Widersprüchen in uns tragen, schlägt sich in unseren Texten nieder, die gleichwertig neben die Musik treten. Rezepte also haben wir nicht zu bieten, allenfalls Anstöße zum Weiterdenken – hin zur Lösung der Probleme. Denn das ist die Tendenz, die unsere Lebensauffassung, unserer Lust am Leben entspricht.“ ( Dirk und Andre in einem Interview mit der „Wochenpost“ ).

Sie stecken derzeit voller Pläne, dem Wunsch geistig und emotional bei ihrem Publikum etwas zu bewegen, Aktivität zu wecken. Imponierend ist der unerschütterlich scheinende Optimismus dieser Band. Bislang haben sie weder eine eigene Anlage noch einen Probenraum ( für vier Probentage in einem Klubhaus zahlen sie zum Beispiel 1500 M , dafür legen sie alle zusammen ). Probleme, von denen sie sich nicht unterkriegen lassen wollen.

Und – so einen richtigen Reinfall erlebten die Zöllner zum Glück noch nicht. Es sei denn, man ordnet hier folgende Story ein, die sich im letzten Sommer zugetragen hat:

Als Dirks Haare schwarz gefärbt werden sollten, gerieten sie rot; die anschließend geplante Blondierung brachte die schöne Farbe Orange hervor. Der zweite Blondierungsversuch endete im Stadium Briefkastengelb und mit verätzter Kopfhaut. So musste die lange Pracht fallen, was zur Folge hatte, das ihn beim Rocksommer – Auftritt viele Fans kaum wieder erkannten. Wäre da nicht jene typische Zöllner – Musik gewesen, die Beine und Kopf gleichermaßen in Aktion bringt …