Zöllner Presse 2003

Sächsische Zeitung 20.12.2003

Gunnar Leue

„Berauschende Konzerte“
Dirk Zöllner über die erste Tournee ostdeutscher Rockmusiker durch Israel

Dirk Zöllner tourte mit seiner Band und einigen Musikern der Nachwuchsband Six als erste deutschsprachige Rocktruppe durch Israel. Das Ganze lief als Deutschrock-Projekt unter dem Begriff D-Rock@Israel.

Wir sprachen mit Dirk Zöllner.

Wie hat das Publikum reagiert in einem Land, in dem viele Menschen mit der deutschen Sprache immer noch Schreckliches verbinden?
Das War für uns eine spannende Frage. Ich hatte befürchtet, dass der Klang unserer Sprache schlimmer Bilder aufwirft, was aber zum Glück nicht der Fall war. Meine Bedenken waren absolut überflüssig.

Wo sind Sie aufgetreten?
Wir hatten sieben Konzerte, zuerst in den Golanhöhen, wo wir in einem Kibbuz untergebracht waren. Dort spielten wir in kleineren Clubs. Die wurden dann immer größer, als wir nach Jerusalem kamen oder an den Gazastreifen, wo wir der Hauptakt bei einem Festival mit populären einheimischen Bands waren. Dafür hatten wir uns eigens ein Medley ausgedacht, in dem wir sehr bekannte Volkslieder verrockten. Das hat großen Spaß gemacht.

Wie war der Kontakt zu einheimischen Musikern?
Wir waren ein bisschen überrascht, wie problemlos wir zusammen Musik machen konnten. Es gab immer wieder Sessions, nachdem israelische Musiker oder auch mal ein marokkanischer Sänger einfach auf die Bühne kamen. Wir haben viel improvisiert. Es waren sehr berauschende und erfolgreiche Konzerte, die sehr weit über unseren Erwartungen lagen.

Aus Israel hört man fast täglich Terrormeldungen. Haben Sie die angespannte Situation zu spüren bekommen?
Als wir uns in das Land aufmachten, dachten wir tatsächlich, wir fahren in den Krieg. Aber wir kamen in keine heiklen oder gar gefährlichen Situationen. Dort findet ein ganz normales, modernen Leben statt. Tel Aviv zum Beispiel schläft nie, dagegen ist Berlin fast noch bieder. Das kann man sich gar nbicht vorstellen.

War Politik gar kein Thema auf der Tour?
Unsere Auftritte liefen als Friedenskonzerte ab, was aber nicht heißt, dass wir politisch irgendeine Stellung bezogen hätten. Die Israelis haben es als Akt der Solidarität und Freundschaft betrachtet, dass wir uns für die Situation in ihrem Land interessieren. Die Leute waren dafür sehr dankbar und haben uns in keiner Weise vereinnahmt. Man kann es schwer erklären. Wenn man sieht, welche religiösen Zerwürfnisse, aber auch welche Toleranz in diesem kleinen Land existieren, ist das fast unbeschreiblich. Für uns kommt ja meist nur das Machtspiel der Politiker rüber, aber das hat nichts mit den Menschen dort zu tun. Die sind ganz offen und warmherzig.

Hier zu lande wird gerade diskutiert, ob es einen neuen Antisemitismus gibt. Wurden Sie daraufhin angesprochen?
Die Israelis haben das wahrgenommen, aber erstaunlicherweise keine großen Kommentare dazu abgegeben. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute meiner Generation eine Chance sehen, aus unserer gemeinsamen Geschichte etwas zu machen und dass sie die Deutschen nicht als Feinde betrachten. Wir haben dort Freundschaft gefunden und kleine Brücken gebaut, die ich außerhalb der Politik sehe. Dass wir als sympathische und bunte Leute da angekommen sind, macht mich sehr glücklich. Für mich war es auch so etwas wie ein ideelle Wiedergutmachung. In der DDR gab es ja eine andere Form der Verdrängung der deutschen Geschichte. Wir hatten uns rein gewaschen und mit dem Erbe unserer Väter und Großväter nichts zu tun, weil wir auf der Spur der kommunistischen Ideale wandelten. Wir waren quasi automatisch Antifaschisten.

Wurde besonders registriert, dass Sie aus Ostdeutschland kamen?
Nein, da wurde nicht so unterschieden. Allerdings hatten die meisten vorher keine Ostdeutschen kennen gelernt, und wir haben bei unseren Gesprächen eine gewisse Ähnlichkeit herausgefunden. Diese Bedrängung durch die Lage lässt die Israelis ein bisschen so zusammenrücken und miteinander reden, wie wir das früher in der DDR kannten, wenn man einen gemeinsamen Feind oder ein gemeinsames Thema hat. Da stehen die diffizilen Unterschied hinten an, weil es ein größeres Thema gibt. Da haben wir das Gefühl entdeckt, das wir als Ostdeutsche sehr gut kennen.

Was bleibt von der Tour?
Zuerst eine veränderte Denk- und Sichtweise. Außerdem hoffe ich, dass der Austausch mit den israelischen Musikern fortgesetzt wird.